The Endless River also. "The dawn mist glowing, The water flowing, The endless river, forever and ever". Diese Zeilen werden die Millionen von Fans, wenn sie das neue Pink-Floyd-Album in den CD-Player schieben oder auf den Plattenteller legen, nicht hören. Denn sie sind nicht auf dem neuen Album. Sie gehören zum Song High Hopes von der letzten CD, The Division Bell. Er endet mit einem der vielleicht schönsten Gitarrensoli von David Gilmour. Auf dessen Solo-DVD Remember That Night, aufgenommen in der Royal Albert Hall, endet es ganz zart in einem leisen Zwiegespräch mit Rick Wrights Keyboard. The Endless River wurde als Wrights Swansong angekündigt. Der Keyboarder, der 2008 an Krebs starb, hinterließ ein fast unübersehbares Arsenal an Keyboardspuren und Songfragmenten, die er mit der Band bei den Sessions zu The Division Bell aufgenommen hatte. Daraus haben Gilmour und Nick Mason, der Drummer, nun das neue Album gezimmert.

Tatkräftig unterstützt wurden sie von Phil Manzanera, dem Gitarristen von Roxy Music, von Toningenieur Andy Jackson und dem Produzenten Martin "Youth" Glover. Gilmour und Mason haben neue Gitarren- und Schlagzeugspuren eingespielt, die Fragmente verbunden, zum Teil neu aufgenommen und um Percussion, ein Saxofon, weitere Spuren ergänzt. The Endless River besteht nicht aus Liedern im Wortsinne, sondern aus vier "Sätzen", die an eine Sinfonie erinnern sollen. Freilich wird das Material nicht wie in einer Sinfonie durchgearbeitet, sondern eher zu einem faszinierenden Spiel aus Collagen, Verweisen und rhythmisierten, instrumentalen Klanglandschaften verwoben.

Nur ein Lied, am Ende, enthält Text, eingesungen von Gilmour, mit Backgroundgesang von Durga McBroom. Es heißt Louder Than Words. "And silence that speaks so much louder than words, of promises broken" – auch diese Textzeilen sind auf dem neuen Album nicht zu hören. Es sind die letzten Worte von Sorrow, dem von Gilmour hoch geschätzten Schlusstrack des 1987er Albums A Momentary Lapse of Reason. Nichts auf dem Album deutet auf diese Verweisungen hin. Und doch bilden sie das Grundprinzip. Was also werden die Fans hören, wenn sie, mit zitternden Händen, das neue Werk auf- oder einlegen? Sie werden im ersten Satz Radiostimmen und Gesprächsfetzen hören, wie sie Pink Floyd in die Musik eingeführt haben, dann die Keyboardflächen und die Atmosphäre von Shine On You Crazy Diamond, gefolgt von einer elegischen Gitarre, die sich sanft darüberlegt. Und dann, kein Zweifel, leuchtet Welcome To The Machine auf, man spürt es, man hört es, man fühlt es.

Der erste Satz ist der Wish You Were Here- Satz, verwoben mit Gitarrensoli und Soundeffekten, die auch auf The Division Bell, Momentary Lapse, zum Teil sogar auf More verweisen. Der zweite Satz beginnt mit dem atmosphärischen Drive von One of These Days. Es ist die Meddle- Seite. Masons wuchtige Drums setzen Akzente. Echoes, diese großartigste aller Wright-Kompositionen, zieht vor dem inneren Ohr herauf, die Möwen gleiten vorüber. Es folgt beinahe ein Drumsolo, ehe mit Unsung sich eine Liedstruktur herausschält und ein Saxofon, ähnlich wie in Money, zu hören ist, das sich mit der Gitarre duelliert. Im dritten Satz regnet es. Dann groovt es. Dann setzen die schwere Gitarre und der Rhythmus von Sorrow ein. Dann plötzlich: noch nie gehörte, sakrale, schwebende Keyboardklänge. Sie stammen von der mächtigen Konzertorgel der Royal Albert Hall, eingespielt von Wright 1969, als Pink Floyd dort als eine der ersten Rockbands gastierten.

Plagiieren sich Pink Floyd mit dem neuen Album schamlos selbst? Zehren sie von ihrer großen Vergangenheit, um noch einmal ordentlich Kasse zu machen? Das wäre eine gravierende Fehlinterpretation. Sie plagiieren sich nicht, sie zitieren sich. Sie evozieren die Klänge der Vergangenheit, sie machen hörbar und spürbar, was sie einmal waren – und erwecken zum Leben, was in den Tiefenschichten der modernen Rockkultur, der Kultur überhaupt, abgelagert ist, was dort Patina angesetzt hat, totes Kulturgut geworden ist.

Auf diese Weise gelingt ihnen etwas Faszinierendes: Sie lassen den Hörer seine eigene Vergangenheit hören. Indem vor dem inneren Ohr Wish You Were Here, Meddle oder, im vierten Satz, sogar Set the Controls for the Heart of the Sun wiedererstehen, wird auch die eigene Biografie wieder lebendig: Die Erinnerungen, das Weltgefühl der Kindheit, der Jugend, der Clique, vielleicht mancher Konzerte samt den zugehörigen Seinsweisen und Erlebensformen verbinden sich miteinander, sie beginnen miteinander zu sprechen, sich aufeinander zu beziehen, aber eben auch – sich zu verwandeln.

Der Reigen der Resonanzen im musikalischen Material setzt einen endlosen Fluss der Resonanzen des eigenen Lebens und Hörens in Gang. So verwirklichen Pink Floyd, was Millionen von Musikfans sehnlich suchen, wenn sie wieder und wieder das neu abgemischte, anders zusammengestellte, innovativ bebilderte Material ihrer alten Bandhelden – seien es die Stones, die Beatles, Genesis oder auch The Grateful Dead – erwerben: Immer versuchen sie, sich darin wiederzufinden, noch einmal die klanggewobene Nabelschnur zum Leben zu animieren.

Meistens aber gelingt das nicht, weil das Material aus einer anderen historischen und biografischen Phase stammt. Spielen die alternden Musiker dagegen neue Alben ein, wie Genesis mit Calling All Stations oder wie jüngst Yes mit Heaven & Earth, dann misslingt es ebenfalls, weil sich eine unüberwindliche Mauer der Fremdheit zwischen dem Heute und dem Damals aufzubauen scheint: Das Material spricht einfach nicht, es bleibt stumm. Yes haben genau deshalb einen veritablen (unverdienten) Shitstorm für Heaven & Earth geerntet.

Auf The Endless River aber wird dieses Material lebendig, weil es sich mitentwickelt, mitverändert hat, weil es Musik für das 21. Jahrhundert geworden ist, wie Phil Manzanera meint. Das Beste daran ist das, was musikalisch nicht gesagt, aber hörbar gemacht wird, was präsent wird, ohne klanglich materialisiert zu sein. Louder Than Words: Es ist offensichtlich, dass fehlende, scheiternde Kommunikation, dass Sprachlosigkeit das Thema auch der neuen Platte ist. Darauf verweisen – ein wenig platt – die Songtitel: Things Left Unsaid, Unsung, The Lost Art of Conversation, Calling; darauf verweisen die neuerlich eingesetzten Samples der elektronischen Stimme von Stephen Hawking in Talkin’ Hawkin’, die an Keep Talking von Division Bell angelehnt sind (und erneut nicht zu beeindrucken vermögen).

Dazu passt auch die Sprachlosigkeit von Roger Waters, dem ehemaligen Kreativkopf der Band, der nach The Final Cut ausgestiegen ist. Kein Ton ist von ihm zu hören, obwohl man annehmen darf, dass er es missbilligt, wenn seine Kollegen trotz der scheinbaren Versöhnung anlässlich des Live-8-Konzerts von 2005 erneut Material ohne ihn unter dem Bandnamen veröffentlichen. Die Hoffnung, die Musiker könnten sich doch noch einmal zusammentun, stirbt nun mit dem letzten Satz des Infomaterials : " Band’s last studio album" ist da zu lesen, so lakonisch wie apodiktisch.

So steht das umstrittene Cover, das auf den 18-jährigen ägyptischen Medienkünstler Ahmed Emad Eldin zurückgeht, nicht nur für Wrights Fahrt über den mythischen Fluss Styx in das Totenreich, sondern für das Ende der Band selbst. Auf The Endless River aber bringen Pink Floyd das von ihnen geschaffene Klanguniversum noch einmal zum Sprechen. Noch einmal gelingt, gerade durch den Verzicht auf Worte, die Kommunikation zwischen Hörer und Musiker, zwischen Damals und Heute, noch einmal beginnt der musikalische, biografische und historische Resonanzdraht zu vibrieren. Das ist eine bemerkenswerte Leistung und ein würdiges Alterswerk.

Hartmut Rosa, geboren 1965, ist Direktor des Max- Weber-Kollegs in Erfurt und lehrt Allgemeine und Theoretische Soziologie in Jena. Zuletzt erschien von ihm "Beschleunigung und Entfremdung" (2013)