Wenn ein Land wählt, das in Teilen annektiert ist, in dem noch immer Krieg tobt, das sich nahe der Staatspleite bewegt und seinen Bürgern erklären muss, warum sie im Winter werden frieren müssen, dann erwartet man eher Wut. Deshalb ist das Ergebnis der ukrainischen Parlamentswahl vom vergangenen Sonntag beeindruckend: Die Ukrainer haben so moderat und vernünftig gewählt wie nie zuvor.

Der "Rechte Sektor", eine paramilitärische Organisation, die vor allem von Russland zum Schreckgespenst aufgeblasen wurde, bekam nicht einmal zwei Prozent der Stimmen – auch wenn ihr Chef über ein Direktmandat in das Parlament einziehen wird. Die rechtsradikale Partei "Freiheit" (Swoboda) – sie hatte das letzte Mal zehn Prozent auf sich vereinigt – scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Selbst der nationalistische Politclown Oleh Ljaschko, gern im bestickten Trachtenhemd unterwegs, galt zwar noch bis vor Kurzem als Aufsteiger, doch seine "Radikale Partei" erreichte am Ende nur gut sieben Prozent.

Diese Zahlen, sollte man meinen, müssten endlich die Propaganda verstummen lassen von einem faschistischen Putsch, von russophoben Nationalisten, von einer Nazi-Junta in Kiew. Die deutsche Partei Die Linke kann es gleichwohl nicht lassen. Das Wahlergebnis sei "antirussisch und nationalistisch", kommentierte sie den Ausgang – als sei es eine Katastrophe, dass es die Kommunisten sowjetischen Schlages erstmals nicht mehr ins ukrainische Parlament, in die Werchowna Rada, geschafft haben und dass auch die alten Kräfte um den fortgejagten Präsidenten Viktor Janukowitsch, die sich in der neu gegründeten Partei "Oppositionsblock" versammeln, mit lediglich rund zehn Prozent vertreten sind.

Während in den meisten von Wirtschaftskrisen geplagten Ländern Europas, in Frankreich, Griechenland, Ungarn oder Österreich, nationalistische und radikale Parteien erstarken, haben die Ukrainer sich für Reformen und die politische Mitte entschieden. Dazu zählt die Partei "Selbsthilfe" des Bürgermeisters von Lwiw (Lemberg), Andrij Sadowyj. Sie trat zum ersten Mal in der gesamten Ukraine an – und gewann gleich elf Prozent. Sadowyj vertritt traditionell-christliche Werte, in seiner Partei finden sich viele junge Aktivisten, Anwälte und Unternehmer, viel Mittelstand also, der zu Geld gekommen ist. Angeblich haben alle Oligarchen dem Parteichef Geld angeboten, angeblich hat er alle Offerten ausgeschlagen.

Zur politischen Mitte gehört auch die Partei von Präsident Petro Poroschenko, die mit fast 22 Prozent überraschend schwach abschnitt. Sie hat bei der Wahl einen mächtigen Konkurrenten bekommen, die neue Partei von Premierminister Arseni Jazenjuk, die mit etwas mehr als 22 Prozent stärkste Kraft wurde.

Während in Poroschenkos Wahlkampf der Krieg im Osten kaum eine Rolle spielte und der Präsident mit Plakaten wie "Vereinte Ukraine" warb, ließ sich Premier Jazenjuk gern bei Frontbesuchen auf Panzern ablichten. Seine Parteiliste schmückte er mit Kämpfern der Freiwilligen-Bataillone, und wenn er über Russland sprach, dann tat er dies weit emotionaler und aggressiver als der Präsident, was viele Wähler anzog. Der ukrainische Patriotismus ist bei dieser Wahl zwar erwacht, aber nationalistisch oder gar rechtsradikal ist die Gesellschaft deshalb nicht.

Auf der Krim und in östlichen Teilen der Ukraine waren mehr als viereinhalb Millionen Wähler von der Wahl ausgeschlossen, weil die dort herrschenden Separatisten die Teilnahme verhinderten. Lange zögerte die OSZE, Wahlbeobachter selbst in jene östlichen Gebiete zu schicken, die der ukrainische Staat kontrolliert. Zu gefährlich schien ihnen die Mission. Am Ende kamen die Beobachter dann doch. Und sie waren insgesamt zufrieden mit dem, was sie sahen, trotz einiger weniger Zwischenfälle: dass Bewaffnete Wahllokale stürmten oder eine Handvoll bereits ausgefüllter Stimmzettel in Wahlurnen geworfen wurden. Das Urteil der OSZE-Beobachter: Frei und chancengleich sei diese Wahl gewesen, ein Schritt in die richtige Richtung, wenn Russland denn die Ukraine endlich zur Ruhe kommen ließe.

Ja, wenn. Trotz offizieller Waffenruhe wird im Osten weiter gekämpft und versucht sich eine Region, die nur mit russischer Hilfe und Waffengewalt gehalten werden kann, eine Pseudo-Selbstständigkeit zuzulegen. Im November wollen dort die Separatisten eigene Wahlen abhalten. Moskau hat bereits angekündigt, diese anzuerkennen. Zudem naht der Winter, und der Gasstreit mit Russland ist noch immer nicht beigelegt. In dieser vertrackten Lage muss über die Zukunft des Landes entschieden werden, über Fragen, von denen abhängt, ob die Ukraine ein neuer, funktionierender Staat werden kann. Ob sie sich eine neue Verfassung gibt, ihr Wahlgesetz ändert, die Parteienfinanzierung transparenter gestaltet – und in welchem Umfang Kiew Macht an die Kommunen und Regionen abgeben wird.

Sicher, die Wahl beseitigt nicht über Nacht die massive Korruption. Noch immer gehören die Medien den Oligarchen, die sich nach wie vor Abgeordnete kaufen und gleich mehrere Parteien mit Geld bedenken, um stets auf der sicheren Seite zu sein. Aber im neuen Parlament sitzen auch viele junge Aktivisten und Journalisten, die nach Reformen streben und die alten Machtstrukturen aufbrechen wollen. Möglich, dass sie scheitern. Aber allein dass sich inmitten des Krieges und der schweren Krisen die Chance zur Erneuerung auftut, stimmt hoffnungsfroh.