Die helle Fassade von Brown’s Hotel schimmert in der Dunkelheit. Unbeleuchtet hocken niedrige Häuser rechts und links davon. Die Nacht im walisischen Laugharne ist ein bisschen unheimlich – so, wie der Dichter Dylan Thomas sie 1953 in seinem Hörspiel Unter dem Milchwald beschrieb: "... sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still, und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehenschwarzen, zähen, schwarzen, krähenschwarzen, fischerbootschaukelnden See."

In diesen Tagen wäre Dylan Thomas hundert Jahre alt geworden – einer der größten Poeten englischer Sprache. Er war Waliser, stammte aus der Stadt Swansea, verliebte sich aber als knapp 20-Jähriger in das Provinzkaff, das er bei einem Besuch kennenlernte. Hier in Laugharne, "Laan" ausgesprochen, wollte er leben – und tat es auch bald. Im Brief an eine Freundin nannte er den Ort "the strangest town in Wales". Was aber ist so strange hier? Was ist so seltsam, dass es einen berühmten Poeten zu fesseln vermochte? Seltsam genug, dass ihm der Ort zur Inspiration für Unter dem Milchwald diente – dieses Porträt eines exzentrischen Städtchens, wo schrullige Leute unbeeindruckt vom Rest der Welt ihr Ding machen? Hat sich etwas von der Seltsamkeit erhalten – und wie gehen die Einwohner 61 Jahre nach Thomas’ Tod mit seinem Erbe um? Das will ich herausfinden.

Die Gaststube von Brown’s Hotel ist mit acht Tischen nur wohnzimmergroß. Ein letzter Trinker hockt noch an der Bar. Von den Wänden schaut Dylan Thomas’ Lockenkopf herunter, mit kindlichem Blick aus großen dunklen Augen. Das Brown’s war die Lieblingskneipe von Dylan und seiner Frau Caitlin – nachtein, nachtaus tranken sie hier; er Bier, sie härtere Sachen. Ich habe es als Basislager für meine Spurensuche erkoren. Eine gute Entscheidung, was das Bier betrifft. Was das Wohnen angeht, weniger, denke ich, als ich die mit braunen Kunstledermöbeln vollgestopfte Suite betrete. Irgendwann scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Leider nicht zu Dylan Thomas’ Tod 1953, sondern in den 1970er Jahren.

Morgens der Blick nach draußen. Knallig grün oder blau getünchte Steinhäuser mit winzigen Fenstern, "blind wie Maulwürfe", heißt es in Unter dem Milchwald, schmiegen sich eng aneinander, die leicht kurvige Straße entlang. Gegenüber vom Hotel liegt der Buchladen Corran Books. Der Laden gehört dem Autor George Tremlett, der seit 1977 im Ort wohnt und mehrere Bücher über Dylan Thomas schrieb. Als ich wenig später davorstehe, sehe ich im Schaufenster einen Wust aus Bücherstapeln und Büromaterial sowie ein Schild, auf dem "Tourist Information" steht.

Noch hat der Laden geschlossen. Also erst mal zur fischerbootschaukelnden See. Die Straße dorthin ist absurd eng. Laugharne entstammt autolosen Zeiten; wo zwei Wagen nicht aneinander vorbeikommen, ist der Gehsteig eingespart. Man hangelt sich voran, immer wieder in kopfsteingepflasterte Nebengassen ausweichend, vorbei an der Schlossruine aus dem 12. Jahrhundert. Laugharne, das Dylan Thomas als "Nebenarm des dahinströmenden Lebens" bezeichnete, wirkt noch heute wie aus der Zeit gefallen.

Unten am Dorfplatz sind Pubs und Geschäfte ganz nah aneinandergerückt, als wollten sie sich vor dem regelmäßig heranflutenden Wasser schützen. Auf der anderen Seite der Straße glitzert nass der große Parkplatz. Dahinter ist der Meeresarm zu sehen, der zugleich die Mündung des Flusses Taf ist. Zweimal täglich wird der Parkplatz von der Flut überspült. Jetzt ist das Wasser auf dem Rückzug; erste Autos parken schon in den Pfützen.

Ich setze mich ins Cross Inn, bis die Wege aus dem Dorf wasserfrei sind und blättere in George Tremletts Buch Caitlin: Life with Dylan Thomas, das ich bei mir habe. "Wer is’n das?", fragt im Vorübergehen der jugendliche Kellner und tippt auf den Umschlag mit den beiden Lockenköpfen von Dylan und Caitlin, um dann ein strahlendes "War’n Witz" über die Schulter zu werfen. Ja, da kann man nur lachen. Die Fotos des Paares aus den 1930er und 1940er Jahren sind auch jungen "Laugherneys" vertraut wie eigene Familienfotos.

Für das Buch führte Tremlett lange Interviews mit Caitlin, die nach Dylans Tod die meiste Zeit in Italien lebte und 1994 dort starb. Sie hätten einen "romantischen kleinen Ort am Wasser" gewollt, berichtete sie. 1938 zogen die Thomas’, die einen unsteten Lebenswandel pflegten und wohnten, wo es sich ergab, erstmalig für zwei Jahre nach Laugharne – und später wieder von 1949 bis 1953. Sie waren, schreibt Tremlett, die ersten Hippies am Ort; junge Künstler ohne geregelte Arbeit, die konstant über ihre Verhältnisse lebten. Im Städtchen sah man das gelassen. Dylan Thomas lobte einmal die "Großzügigkeit", mit der Laugharne "die Narrheiten anderer" hinnehme.

Draußen hat sich das Wasser zurückgezogen. Auf dem Parkplatz stoße ich auf einen Wegweiser mit der Aufschrift "Dylan’s Birthday Walk". Ein Pfad dahinter führt aus dem Dorf auf den nächsten Hügel. Über einen nassen Teppich aus Herbstblättern geht es hinein in den Wald und auf den Nachbarhügel. Zu seinem 30. Geburtstag, am 27. Oktober 1944, hat Thomas das Gedicht im Oktober geschrieben. Es erzählt vom Wandern auf diesem Weg, aufsteigenden Kindheitserinnerungen und dem Blick auf Laugharne: dem "blassen Regen über dem schwindenden Hafen", der Kirche, "schneckengroß", dem Schloss, "eulenbraun".

Auch ich sehe Laugharne bald auf Postkartengröße geschrumpft: die über einen niedrigen Hügel gestreuten Häuser, das Schloss und rechts, sich an den Fels über dem Meer klammernd, das Bootshaus, in dem die Familie Thomas von 1949 an lebte. Alle zehn Minuten passiere ich Bänke, in deren Lehne einige Zeilen des Gedichtes eingraviert sind. Die letzten lauten: "Dass meines Herzens Wahrheit / gesungen werden mag / Auf diesem hohen Hügel auch noch in einem Jahr".

Ich wandere weiter und stoße nach einer Weile auf eine Farm. Ein Mann stapft gerade über den Hof. Er strahlt aus blauen Augen: "Mochten Sie den Weg?" Bob Stevens, 67, erzählt, dass er den Pfad eingerichtet habe. "Eigentlich habe ich mit Gedichten nicht viel am Hut", sagt er, aber dieses sei etwas anderes. "Ich habe selbst im Oktober Geburtstag und laufe dann immer den Weg entlang – auf diesen Schluss zu, auf diese Hoffnung, dass man das auch in einem Jahr noch machen kann." Es ist die Landschaft, durch die sich Stevens bis heute mit dem Dichter verbunden fühlt. "Schauen Sie, da drüben, der Milchwald: Von seinem Arbeitsplatz aus konnte Dylan Thomas übers Watt schauen und diese bewaldeten Hügel sehen, an deren Fuß Milchkühe grasten."

Ich verabschiede mich, laufe zurück und am Meer entlang; will nun die beiden Gebäude besuchen, in denen Dylan Thomas wohnte und arbeitete und die heute ein Museum bilden. Sie hocken im Felshang wie Vögel mit Blick übers Meer, bereit zum Flug. Die blau gestrichene Garage, in der Unter dem Milchwald entstand, hat eine Glasscheibe in der Tür: Drinnen stehen ein Tisch und ein Stuhl mit Jackett über der Lehne, Papiere liegen zerknüllt am Boden, Flaschen, und durch zwei Fenster hindurch sieht man das Watt, bewaldete Hügel – und Kühe!