Der Tag, an dem Johann Franz zum Helden wird, ist ein sonniger Donnerstag. Es ist der 5. Oktober 1989. Während in Ost-Berlin die Tribünen für die Militärparade zum 40. Jahrestag der DDR aufgebaut werden, fressen sich in den Mastställen des Volkseigenen Gutes Tierzucht Nordhausen, dessen Direktor Johann Franz ist, die Zuchtschweine dicke Schinken an. Ein Fahrer holt den promovierten Landwirt am Morgen in seinem schwarzen Dienst-Wolga ab, um ihn von Thüringen in die Hauptstadt zu bringen. Draußen, vor dem Staatsratsgebäude, gibt es Proteste. Sie gelten auch ihm, Johann Franz, der hier zum Helden werden soll. Drinnen, im Festsaal, redet Willi Stoph, stellvertretender Staatsratsvorsitzender, vom "Leistungswillen der Werktätigen" und von der "großen Kraft, die unserer sozialistischen Gesellschaft innewohnt". Erich Honecker lässt Grußworte senden, und niemand weiß, warum er die Auszeichnungen ausgerechnet im Jubiläumsjahr der DDR nicht selbst übergibt.

Den Orden Held der Arbeit erhält Johann Franz an diesem Tag trotzdem. Gemeinsam mit 54 anderen Arbeitern und Bauern, Parteifunktionären und Betriebsdirektoren. Leiter von Walzwerken sind darunter, von Taktstraßen und Möbelwerken, der Rektor der Parteihochschule Karl Marx, eine Weberin aus der Oberlausitz, ein Meister der Chemischen Werke Buna, der Generalintendant des Städtischen Theaters Leipzig, ein Meister aus dem VEB Waggonbau Görlitz und ein Gussputzer aus dem Nähmaschinenwerk Wittenberge. Dass sie die Letzten ihrer Art sind, die letzten Helden eines untergehenden Landes, das ahnen sie in diesem Moment noch nicht.

Im weißen Hemd, braunen Anzug und mit blank geputzten schwarzen Schuhen öffnet der inzwischen 80-jährige Johann Franz an einem Oktobertag 25 Jahre später die Tür seines Hauses in Nordhausen. Die noch immer vollen, jetzt weißen Haare hat er sorgfältig nach hinten gekämmt, sein Blick ist freundlich, aber skeptisch. "Wer will diese alten Geschichten denn heute noch wissen?", fragt er, lässt sich in einen Korbsessel am Fenster fallen und fängt an zu erzählen. "Ich saß hier immer mittendrin im Betrieb." Er zeigt auf einen umgepflügten Acker neben dem Gartenzaun. Dahinter Wiesen, Felder – und stünden die hohen Nadelbäume nicht im Weg, er könnte bis zu den Ställen und Anlagen des Tierzuchtbetriebes sehen, dessen Direktor er mehr als zwanzig Jahre lang war.

Als er damals, 1967, nach Nordhausen kam, bezog er mit Frau und Kindern zunächst Zimmer direkt neben seinem neuen Büro. "Tag und Nacht" habe er vor Ort sein wollen. Der Viehzuchtbetrieb hatte keinen guten Ruf unter den Landwirten. Er galt als unrentabel und wegen seiner Stadtlage und der vielen Außenstellen schwer zu verwalten. Bevor Franz kam, verbuchten die Bauern jährlich Verluste in Millionenhöhe. Die Leute seien lieber in die Industrie gegangen, sagt Franz. Von leidenschaft- lichen Landwirten, wie er selbst einer war, fehlte jede Spur. Franz ließ "den Dreck wegschaffen", "Rasen aussähen" und "Tausende Rosen anpflanzen". Er baute Kinderkrippen, Kindergärten, einen Jugendclub und Wohnheime für Auszubildende aufs Gelände und ließ die "hohlen Parteiparolen" und Losungen, die er überall an den Wänden vorfand, überpinseln. "Für meine Mitarbeiter sollte der Betrieb mehr sein als ein Ort zum Geldverdienen."

Der sozialistische Staat dagegen hat mit dem neuen Betriebsdirektor jede Menge Geld verdient. Die "höchsten Gewinne unter den Zuchtbetrieben im Republikmaßstab" habe er gemacht und nebenbei kräftig Devisen reingeholt. Und das bis zum Schluss. Bis es die DDR nicht mehr gab – sogar im ersten Halbjahr 1990 habe er noch einen Gewinn von 17 Millionen Mark abgeführt, sagt Franz. War das also die Heldentat, mitten in der sozialistischen Planwirtschaft auf Gewinnmaximierung zu setzen?

"Ach, Helden, so ein Quatsch. Die gibt es doch gar nicht", sagt Franz. "Schon gar nicht bei der Arbeit." Ihm sei es immer "um gute Menschenführung" gegangen, um motivierte Mitarbeiter, die er "ihrer perspektivischen Bestimmung zuführen" wollte, wie er das ausdrückt.

Da fällt ihm wieder ein, dass er sich sehr gewundert habe, als ihn damals, im Herbst 89, ein Mitarbeiter des Ministerrats angerufen habe, um ihn zu fragen, ob er die Auszeichnung Held der Arbeit denn überhaupt annehmen wolle, in diesen Zeiten des Umbruchs. "Das war ein ganz neuer Ton", sagt Franz. "Der hat mir gefallen." Er hat angenommen, sicherlich auch, weil die DDR in den Augen des Landwirts zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz so aus den Fugen geraten war wie für viele andere, die längst das Weite suchten. An jenem Tag, als Franz in Berlin Held der Arbeit wurde, meldeten die Nachrichten im Westen, dass Tausende Flüchtlinge, die in der bundesdeutschen Botschaft in Prag auf ihre Ausreise gewartet hatten, im fränkischen Städtchen Hof angekommen seien.

Aber in den Ställen und auf den Weiden von Johann Franz standen noch immer die prächtigsten Zuchttiere, Turnierpferde zum Beispiel, die als Exportschlager der DDR galten, besonders begehrt beim britischen Königshaus. Egal ob Hühner, Enten, Gänse, Schafe, Schweine, Rinder, Blumen, Hopfen, Champignons oder Chicorée – "es gab keinen Bereich, der keinen Gewinn abwarf", sagt Johann Franz, und er sieht immer noch stolz aus dabei. Warum also sollte er dafür keine Auszeichnungen bekommen? Er hat den Nationalpreis der DDR erhalten, wurde Verdienter Züchter und Verdienter Genossenschaftsbauer. Der Betrieb als Ganzes bekam den Karl-Marx-Orden. Franz mietete damals ein Theater und verjubelte mit seinen 800 Mitarbeitern das Preisgeld in einer Nacht. "So viel Selbstbewusstsein hatten wir schon, dass wir dachten, dass wir solche Preise verdient haben", sagt er. "Wir sind da vor keinem in die Knie gegangen."

An Orden, Medaillen und Ehrennadeln herrschte in der DDR nicht der geringste Mangel. Je älter das Land wurde, desto mehr Auszeichnungen gab es. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat, in dem das Ziel nicht die Erfüllung, sondern stets die Übererfüllung der Norm war, stand aber das "Kollektiv" immer über dem Individuum. Das machte es schwer, den Einzelnen zu höheren Arbeitsleistungen zu motivieren.

Die Menschen hätten deshalb die Wertschätzung durch Ehrungen und Auszeichnungen durchaus angenommen, sagt der Historiker Rainer Gries, der in Wien lehrt und sich mit den Helden im Sozialismus wissenschaftlich beschäftigt hat. Mit Titeln wie Held der Arbeit, die recht inflationär vergeben wurden, habe die Staats- und Parteiführung den Menschen außerdem das Gefühl geben wollen, ein jeder habe das Zeug zum Helden, sagt Gries. Das bekannteste Beispiel: Adolf Hennecke, der Grubenarbeiter, der 1948 in einer Sonderschicht 537 Zentner Steinkohle förderte und damit das damals vorgegebene Soll um 387 Prozent übertraf. Und obwohl dem Aktivisten Hennecke nicht von allen Seiten Jubel entgegenschlug, er als "Arbeiterverräter" und "Russenknecht" beschimpft wurde, wusste die Bevölkerung seine Mittlerrolle zwischen dem Volk einerseits und Staats- und Parteiführung andererseits geschickt für ihre Anliegen zu instrumentalisieren, sagt Gries. "Hennecke bekam massenweise Briefe; die Leute schrieben von ihren Sorgen, aber auch: Ich brauche ein Auto, einen Küchenschrank."

Johann Franz hat irgendwann in seinem Leben gemerkt, dass seine Freiheiten größer wurden mit jedem Preis, den er bekam. "Diese Ehrungen waren wie eine Art Schutzschild für mich", sagt er. So manche Kapriolen des Betriebsdirektors, der zwar Parteimitglied war, aber mit dogmatischen Ideologen nie etwas anzufangen wusste, gingen den Aufsichtsorganen in Berlin dann aber doch zu weit. Von der ersten Biogasanlage der DDR, von der Franz heute noch schwärmt, waren sie nicht überzeugt. Auch nicht von der Idee, Champignons im ehemaligen Schacht Mittelbau Dora zu züchten, tief unter der Erde, wo die Nazis einst die V2-Rakete montieren ließen. Aber wenn es Ärger gab, Einschränkungen oder unsinnige Anordnungen drohten, entgegnete Franz: "Ihr könnt das gerne auch alles alleine machen." Das half: Danach konnte er wieder ungestört weitermachen.\Johann Franz holte sich die besten Fachkräfte nach Nordhausen, entledigte sich fauler Parteisekretäre, baute einen eigenen Baubetrieb und ein Forschungslabor mit 30 Mitarbeitern auf und ließ in der Schweinehaltung eigene Neuzüchtungen vorantreiben. Der Betrieb hatte mit 300 Stuten die größte Pferdezucht der DDR und war mit 120 000 Tieren der größte Schweinezuchtbetrieb des Landes. "40 Prozent aller Mastschweine, die es in der DDR gab, hatten Väter, die aus Nordhausen kamen", sagt Klaus Heinecke. Der damalige Tierzuchtleiter zog seine geplante Kündigung zurück, als Franz Direktor wurde. Was ihn überzeugte: "Bei allem, was wir aufbauten und planten, bestand Franz darauf, dass es ökonomisch fundiert sein musste." Und das war im Sozialismus alles andere als selbstverständlich. Während auf anderen Staatsgütern die Misswirtschaft geblüht und es oft schon an Futter für die Tiere gemangelt habe, sei es in Nordhausen immer nur bergauf gegangen, sagt Heinecke. "Unser Gut war hier in der Gegend regelrecht verrufen. Uns ging es einfach zu gut!" Böse Zungen hätten sogar behauptet, sie seien ein "kapitalistischer Betrieb mitten im Sozialismus". Und der Direktor zeigte mit seinem für die DDR so untypischen Unternehmergeist, was alles möglich war.