DIE ZEIT: Sie sind erfolgreiche Autoren von Fernsehkrimis. Nun debütieren Sie als Buchautoren – und haben wieder Krimis geschrieben. Warum nicht einen Liebesroman, einen Arztroman oder was auch immer?

André Georgi: Die Kriegsverbrechen, um die es in meinem Roman geht, könnte man im Fernsehen nicht erzählen, eher schon im Kino. Auf die Idee, den Arztroman zum Jugoslawienkrieg zu schreiben, bin ich irgendwie nicht gekommen.

Orkun Ertener: Ich wollte keinen Krimi schreiben. Ich habe versucht, einen Roman zu schreiben über Leidenschaft, Verbrechen und Missverständnisse. Ich finde es sehr bezeichnend, dass es nur in Deutschland dieses Label Krimi gibt, als handele es sich um eine Unterform der Literatur. Ein Roman wie Dostojewskis Schuld und Sühne wäre in Deutschland auch ein Krimi, weil es hier um Mord, Verbrechen und Aufklärung geht.

Georgi: Krimis sind hier nicht so richtig stubenrein, die stehen eigentlich in der Schmuddelecke.

Sascha Arango: Eine Subliteratur, die sich so langsam hocharbeitet. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir dann alle drei Krimis geschrieben haben.

ZEIT: Warum?

Arango: Ich habe nie etwas anderes gemacht. Das Verbrechen im Zentrum einer Geschichte ist für mich der Generator, der alles antreibt. Alle großen Erzählungen haben damit zu tun. Kain und Abel – der erste Krimi, der mir bekannt ist. Ich habe mich in diesem Debütroman bemüht, mich so nah wie möglich an das mir Bekannte zu halten: Alle Fernsehkrimis, die ich schreibe, gehen nach dem gleichen Muster auf. Ich stelle mich auf die Seite des Übeltäters, und dann begleite ich ihn.

Georgi: Ich wollte in einem Roman das machen, was ich in Drehbüchern gerade nicht machen kann: die Abgrenzung zwischen Dialog und Handlungsanweisungen verwischen, die Zeit dehnen und komprimieren, die Grenzen von Innen und Außen verschwimmen lassen, sodass der arme Kollege, der den Roman irgendwann adaptieren muss, so richtig Mühe hat!

ZEIT: Wie würden Sie in drei, vier Sätzen Ihre Hauptfiguren schildern?

Ertener: Meine Hauptfigur ist der Ghostwriter Can Evinmann, der nichts über sich weiß. Und eigentlich reicht dieser eine Satz. Er lebt so, als brauchte er nichts über sich zu wissen, und stellt im Laufe des Romans fest, dass das so nicht geht, nicht zu wissen, wer man ist und woher man kommt. Das waren vier Sätze.

Arango: Das ist eine perfekte Vorlage für mich! Mein Held, Henry Hayden, weiß mehr über sich als andere. Und er schützt dieses Wissen um jeden Preis. Er ist sein Leben lang bemüht, das, was ihn selbst so jagt und quält, nicht preiszugeben.

Georgi: Meine Heldin in Tribunal erfährt über sich selber und ihre Familie etwas, was sie lieber nicht gewusst hätte. Als Ermittlerin des Internationalen Gerichtshofs recherchiert sie Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien. Sie trifft auf ihre eigene Vergangenheit und erfährt, wer ihr Vater und ihr Bruder eigentlich waren.

ZEIT: Ist es die Gewalt, die Ihre Bücher zu Krimis macht?

Ertener: Ich würde das gern beantworten anhand von Andrés Buch. Ich habe mich jahrelang geweigert, mich mit dem Jugoslawienkrieg zu beschäftigen. Damals war mir dieser Krieg zu nah. Nun habe ich das Buch gelesen. Um es etwas pathetisch zu sagen, mit einem Kafka-Zitat: "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Die Eruption von Gewalt, die da geschildert wird, hat mich dazu gebracht, nächtelang im Internet diesem Krimi nachzurecherchieren. Andrés Geschichte lässt sich ohne Gewalt nicht erzählen.

Georgi: Krimi ist im Kern eine Auseinandersetzung mit Gewalt. Aber nicht als Selbstzweck. Es gibt ja Unmengen von Thrillern, die unendlich viel Splatter-Gewalt haben, Serienmordgeschichten, in denen noch viel mehr Blut fließt als in meinem Buch. Trotzdem hat die Gewalt in Tribunal die Leute so sehr schockiert, weil sie einen realen Hintergrund hat und man sie nicht als "bloß ausgedacht" beiseiteschieben kann.

Arango: Für mich ist das Verbrechen im Roman wie auch im Film nichts anderes als die Einleitung zu der elementaren Frage nach dem Danach. Jedes Verbrechen hat das Ziel, etwas Grundlegendes zu ändern. Und nachdem dieses Ziel erreicht ist, muss man sich in der Welt verorten mit seiner Schuld. Das interessiert mich. Die meisten Menschen, die ein Verbrechen begehen, planen immer nur bis zu dem erlösenden Moment der Tat und nicht darüber hinaus. Und deswegen gibt es meistens am dritten Tag danach dieses entsetzliche Fiasko. Ein kluger Mensch, ein Ingenieur, plant den Mord an Frau und Kind minutiös über Wochen und Monate. Er fährt an den Ort, spielt die Tat immer wieder durch, lässt die beiden verschwinden, fährt nach Hause und denkt, hier sei die Geschichte zu Ende. Und in diesem Moment beginnt mein Interesse.

ZEIT: Gibt es deshalb in Ihrem Buch immer wieder Reflexionen, fast Anleitungen, Rezepte zum Verbrechen? Da heißt es: "Der kompetente Verbrecher weiß, dass Kriminologie ..."

Arango: "... als Wissenschaft eine sehr umfassende ist." Hier beginnt die große Freiheit, der große Luxus des Romanschreibens. Hier kann man seine persönlichen Einstellungen, seine Vorstellung zum Ausdruck bringen. Ich habe das als ungeheuer erlösend empfunden. Diese arrogante Metaebene zu betreten ist der ganz große Hit für uns Drehbuchautoren, die wir das ja nie dürfen. Im Roman kannst du dich – im Gegensatz zum Drehbuch – immer wieder überhöhen, du kannst dich distanzieren, du kannst dich persönlich ausdrücken, schöne Sätze loslassen.