Andere nehmen in seinem Alter Abschied vom Gewerbe, doch Deutschlands "weltweit bekanntester lebender Philosoph" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) wagt mit 85 Jahren Neuanfänge. Also fuhr Jürgen Habermas für drei Konferenztage nach Paris, um an der ersten französischen Uni-Philosophietagung nur zu seinen Ehren teilzunehmen. Drei Tage lang saß Habermas in der ersten Publikumsreihe, erhob sich nach jedem Vortrag und kommentierte die zumeist französischen Philosophen, die über sein Werk referierten. Unglaublich friedlich ging es dabei zu – als wären die Franzosen heute alle Habermas-Schüler.

Doch nicht ohne Grund war es eine Premiere. Denn lange Zeit war Habermas an den eher linken Pariser Philosophie-Universitäten als konservativer Kantianer verschrien. "Habermas erschien uns als jemand, der völlig mit dem Marxismus gebrochen hatte, dessen Polemik gegen unsere Poststrukturalisten so weit ging, in ihnen eine Gefahr für die Demokratie zu sehen", erinnert sich der Pariser Philosophieprofessor Emmanuel Renault. Renault zählt zu denen, die seit ein paar Jahren erstmals die Habermassche Sozialtheorie an der französischen Universität unterrichten. Darin liegt ein später Erfolg des Deutschen. Denn nicht einmal seine großen poststrukturalistischen Gegenspieler, die Franzosen Michel Foucault und Jacques Derrida, sind bisher in den klassischen französischen Philosophiekanon aufgenommen worden. "Habermas hat ein ganzes Philosophiegebäude errichtet, die französische Art war es dagegen eher, die Kritik punktuell zu entwickeln", resümiert Renault.

Nur was nützt dieser Erfolg heute? "Er wählte damals den falschen Feind. Der Streit mit Foucault und Derrida hat die Habermas-Rezeption in Frankreich um mindestens zwanzig Jahre verzögert", beobachtet Katia Genel von der Sorbonne, die als erste Gelehrte in Frankreich nach einer Promotion über die Kritische Theorie der Frankfurter Schule einen Philosophielehrstuhl (Maître de conférences) erhielt. Genel spricht über die Zeit von Mitte der achtziger Jahre bis Anfang des neuen Jahrtausends, in der sich Habermas regelmäßig in den USA aufhielt und sich dem liberalen US-Philosophen John Rawls deutlich verbundener fühlte als irgendwelchen postmodernen Franzosen, die gleichwohl – von Deleuze über Baudrillard bis Lyotard – den philosophischen Zeitgeist prägten.

Erst 1999, nach einem ersten, unfruchtbaren Versuch im Jahr 1984, ging Habermas wieder auf Derrida zu, man besuchte sich gegenseitig, baute Vertrauen auf, doch der sich anbahnende wissenschaftliche Austausch wurde bald vom politischen Klimawechsel nach dem 11. September 2001 überschattet. So jedenfalls erzählt es heute der Frankfurter Philosophieprofessor und Habermas-Schüler Rainer Forst. Habermas und Derrida veröffentlichen im Frühjahr 2003, im Zeichen des Irakkriegs, sogar einen gemeinsamen Aufruf: gegen den "hegemonialen Unilaterismus" der USA und für ein "Regieren jenseits des Nationalstaats" in der EU. Doch war das wirklich die Versöhnung der Großdenker? Jean-Marc Durand-Gasselin, Philosophielehrer und Habermas-Experte am Lycée Voltaire in Orléans, das seine Schüler auf Frankreichs Eliteunis vorbereitet, sieht den späten Derrida, der Habermas folgt, nur noch als einen Schatten seiner selbst: krank, den Tod vor Augen, im Auftritt konventionell und politisch korrekt. Das sei nicht mehr der Meister der Dekonstruktion gewesen, der die Welt der Philosophen einst mit seiner unerbittlichen Textkritik auf den Kopf gestellt und damit nicht nur Habermas auf die Palme gebracht habe.

Doch wer will heute noch die alten Gefechte fortsetzen? Jedenfalls nicht der Habermas, der dieser Tage in Paris auf so viel unerwartetes, intensiv geschultes akademisches Verständnis stieß. Nur Forst erwähnt in seinem Pariser Gastvortrag noch den Namen Foucault, aber auch nur kurz, als wolle er keine bösen Geister wecken. Habermas dagegen betont, wie überrascht er früher von der französischen Kritik gewesen sei – als hätte er nie etwas Schlechtes über Foucault und Derrida gesagt. Viel besser erinnert er sich an ein gemeinsames Pariser Essen mit Foucault ein Jahr vor dessen Tod – da habe man über deutsche Filme geredet, wobei Foucault den radikalen Werner Herzog und er den moderateren Alexander Kluge bevorzugt habe. Aber Streit? Um Gottes willen, nein!

Habermas genießt lieber seine neu gewonnene Autorität im französischen Philosophiebetrieb. Sie ermöglicht ihm Kritik, wo er sie für nötig hält. Seit 1953 sei er immer wieder in Paris gewesen, aber: "Noch nie habe ich eine so desolate Lage der deutsch-französischen Beziehungen gesehen", sagt Habermas beim diplomatischen Empfang zu seinen Ehren. Daraufhin herrscht Stille im großen Saal der deutschen Botschaft. Die Diplomaten zucken zusammen, sie halten sich an ihren Gläsern fest. "Das nenne ich eine politische Tat", flüstert Genel anerkennend. Was aber bezweckt die Tat? Der Demokratietheoretiker Habermas sieht Deutsche und Franzosen mit einem zunehmend undemokratischen europäischen System ins Verderben rennen, fordert Vision und Tatkraft für ein "supranationales" Europa. Wie schon damals im Zusammenspiel mit Derrida. Er kommt darauf am letzten Tagungstag in einer mitreißenden Rede im völlig überlaufenden Pariser Goethe-Institut zurück. Doch wer hört ihm außer den Experten zu? Junge Deutsche, Griechen und Serben. Junge Franzosen sind im Publikum nicht zu finden. "Habermas ist bei uns kein öffentlicher Intellektueller", erklären seine neuen Pariser Schüler anschließend. Sie sagen das ungern. Sie wissen, dass das auch die Folgen des alten, falschen Philosophenkriegs am Rhein sind.