Ihr Name ist ein Zungenbrecher: Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Im Fachjargon nennt sie jeder kurz Kesb. Seit bald zwei Jahren gibt es die Behörde in jedem Kanton. Zusammengesetzt aus Juristen, Psychologinnen, Sozialarbeitern und anderen Fachleuten, kümmert sie sich um Fragen, die früher in jeder Gemeinde die Vormundschaftsbehörde geklärt hat. Es geht dabei um die persönlichsten Dinge: Wird ein Kind von seinen Eltern so stark vernachlässigt, dass man es ihnen wegnehmen muss? Wie soll der geschiedene Vater trotz erbittertem Rosenkrieg das Besuchsrecht für seine Kinder wahrnehmen können? Soll eine psychisch kranke Frau gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen werden? Oder: Wann braucht ein dementer Mann einen Beistand?

Seit die Kesb vor bald zwei Jahren ihre Arbeit aufgenommen haben, hagelt es Kritik. Viel zu teuer sei das Ganze, heißt es. Die Verfahren seien zu langwierig. Es werde über die Köpfe der Gemeinden hinweg entschieden.

Was läuft falsch, wenn eine Behörde, bevor sie überhaupt richtig etabliert ist, schon zum Teufel gewünscht wird?

Denn inspiriert von aufsehenerregenden Einzelfällen, fordern einige nun die Abschaffung der Kesb. Sie wünschen sich die Zeiten zurück, als Laien mit Bauchgefühl und Menschenverstand genauso gute, ja, sogar bessere Entscheide gefällt hätten. An vorderster Front steht die Schriftstellerin Zoë Jenny, die sich im Streit mit dem Vater ihres Kinds selber als Opfer einer Kesb sieht. Im Duett mit dem Blick rief sie in die Welt: "Kampf der Kesb!" Zusammen mit "anderen Betroffenen" will Jenny eine Volksinitiative lancieren, um mehr entwicklungspsychologisches Know-how in die Behörde zu bringen.

Der Systemwechsel weg von der Laien-, hin zur Profibehörde war 2008 im eidgenössischen Parlament völlig unbestritten – und wurde mit nur zwei Gegenstimmen angenommen. Das neue Kindes- und Erwachsenenschutzrecht löste damals das hundertjährige Vormundschaftsrecht ab. Das Ziel der neuen Paragrafen: Sie sollen Personen schützen, die nicht selbstständig in der Lage sind, jene Unterstützung zu holen, die sie benötigen.

Daraufhin hat jeder Kanton nach seiner eigenen Fasson die neue Behörde aufgebaut. Wie die Erfahrungen zeigen, läuft es mancherorts gut, andernorts weniger. Es gibt Kinderkrankheiten und Pendenzenberge, Wartefristen und wie immer, wenn sich eine neue Behörde juristisch auf alle Eventualitäten vorbereiten muss, einen riesigen bürokratischen Apparat.

Dass eine Kesb für Ärger sorgt, liegt aber auch in der Sache selbst.

Sie mischt sich in Dinge ein, die höchst privat sind. Will Dinge wissen, die eigentlich niemanden etwas angehen. Und ihre Mitarbeiter tun dies in einem Psychologen-Deutsch, das manche Betroffene vor den Kopf stößt. Das befeuert den Ärger der Kritiker; darunter ist, wenig erstaunlich, auch die SVP. Sie will aus Kostengründen "der Kesb an den Kragen".

Der Kampf der Starautorin um ihr Kind war nur der Anfang. Wochenlang machten auf dem Medienboulevard andere schicksalsträchtige Geschichten von Menschen die Runde, die sich – zu Recht oder nicht – von einer Kesb schlecht behandelt fühlten.

Was immer dran ist an diesen Geschichten, sie prägen das Bild einer ganzen Behörde. An die Öffentlichkeit dringt nur, was schiefgelaufen ist. Wo Fehler passiert sind. Was für Ärger gesorgt hat oder wenn jemand, ganz individuell, schlecht gearbeitet hat. Oder es ihm an Anstand gegenüber seinen Klienten mangelte. Denn in den Kesb-Büros sitzen sich keine Gutmenschen gegenüber, sondern – hier wie dort – Menschen mit Ecken und Kanten.

Am meisten Gesprächsstoff bietet ausgerechnet die große Errungenschaft des neuen Systems: Das Gremium, das einen Entscheid fällt, muss diesen nicht auch bezahlen. Die Kesb entscheidet unabhängig und mit Blick auf das Wohl der schutzbedürftigen Person. Ein Prinzip, das im Gesundheitswesen sakrosankt ist. Dass eine Krankenkasse mitentscheidet, ob man eine Therapie, die der Arzt als die richtige erkennt, durchführen soll oder nicht, wäre undenkbar.

Anders im Vormundschaftswesen. Bis vor zwei Jahren konnte es dort vorkommen, dass Mitglieder der Laiengremien, während sie über einen Heimaufenthalt eines Kindes sprachen, mit einem Auge auf die Gemeindekasse schielten. Und in ihre Entscheide nicht nur Überlegungen zum Kindeswohl einfließen ließen, sondern sich auch fragten: Was bedeutet das für das Budget unseres Dorfs?

Geht es nach den Kesb-Kritikern, soll das bald wieder möglich sein. Sie wollen mehr Mitbestimmung für die Gemeinden. Die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter sagt es in der Basler Zeitung ganz unverblümt: "Im Sinne von 'wer zahlt, befiehlt' ist die Situation sehr unbefriedigend." Und der Direktor des Schweizer Gemeindeverbandes, Ulrich König, forderte ein Rekursrecht für Gemeinden bei Kesb-Entscheiden; was ihnen das Bundesgericht kürzlich verweigerte. Immerhin seien sie es, welche die Kosten zu tragen hätten.

Tatsächlich: Beispiele wie jenes der Zürcher Gemeinde Hagenbuch, wo das Gemeindebudget aus dem Lot zu geraten droht, weil eine einzige Familie die Kasse Monat für Monat mit 60.000 Franken belastet, lassen solche Überlegungen vernünftig erscheinen. Und sehr verlockend. Doch nur auf den ersten Blick. Wenn die teuren Arbeitsstunden der Juristen, Psychologinnen und Sozialarbeiter am Ende nicht viel mehr wert sind als eine Empfehlung zu Händen der Gemeinden, die sich nicht nur um ihre Einwohner, sondern auch um ihre Steuergelder kümmern müssen, dann ist der Systemwechsel gescheitert.

Und die aufwendig organisierte Kesb wäre dann tatsächlich ihr Geld nicht wert.