Das Schwein liegt trophäengleich auf dem Buffet, guckt gläsern durch all die Üppigkeit in Aspik. Spießchen, Käsewürfel, Südfrüchte, die Kamera filmt die essbaren Errungenschaften des deutschen Wirtschaftswunders geduldig ab: Jede Einstellung dieser Frankfurter Establishment-Party gleicht einem Stillleben der fünfziger Jahre. Giulio Ricciarellis Film Im Labyrinth des Schweigens will die bleierne Nachkriegszeit ins Bild setzen, und die Kamera nimmt sich Zeit, um die Gegenstände der Adenauerjahre sorgfältig zu reanimieren. Es treten auf: graue Filzhüte mit breitem Band, zumeist auf den Köpfen der Herren, sonst ordentlich auf Garderobenhaken; das Gummitwistband der Schulpausen, am wollenen Kniestrumpfrand; die unter der Taille weit aufspringenden Falten im Petticoat; die Diktat-Notizblocks in der Hand einer Sekretärin; natürlich auch der röhrende Hirsch an der Wand, im möblierten Zimmer zur Untermiete. Und im großstädtischen Hinterhof hängt flatternd, trocknend und gespenstergleich, am Samstag die Wäsche aller Mietparteien.

In dieser Szenerie, es ist das Jahr 1958, spielt die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses. Der begann nach jahrelangen Ermittlungen Ende 1963, kurz vor Weihnachten, weil ihn der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, ein deutscher Jude und Sozialdemokrat, gegen die Widerstände einer Gesellschaft aus Tätern und Mitläufern möglich gemacht hatte. Bauer hatte alle Verfahren in einem großen Prozess gebündelt und so für Öffentlichkeit gesorgt: damit fast 20 Jahre nach Kriegsende das Lügen, Unwissen, Halbwissen und Schweigen endlich aufhörte, um der Opfer willen. Bauer selbst trat im Verfahren nicht auf, er betraute drei junge Staatsanwälte mit dem Prozess. Das ist der historische Kern, alle Tatsachen sind seit Langem unumstritten. Elisabeth Bartel hat nun, in einem beachtlichen Debüt als Drehbuchautorin, eine fiktive Geschichte daraus gemacht, in der Fritz Bauer in den Hintergrund tritt. Kann das gelingen, im November 2014 noch einmal von Auschwitz zu erzählen, als sei eine Neuigkeit, was dort geschah – das Menschheitsverbrechen des millionenfachen Mordes, für das in Frankfurt am Main nach 183 Prozesstagen mit 359 Zeugen schließlich von den 8.000 SS-Leuten des Vernichtungslagers nur 17 als Täter verurteilt wurden? Die Antwort ist Ja. Denn der Film konzentriert sich darauf, dem Rechtsstaat Gesichter zu geben. "Dass ein deutscher Staatsanwalt nicht weiß, was in Auschwitz passiert ist, ist eine Schande!", brüllt der Journalist Thomas Gnielka den jungen Anwalt Joachim Radmann an, der bisher bloß Verkehrsdelikte bearbeitet hat, immer nur das Richtige tun will und nun maßlos verwundert ist. Seine Eltern gehören zu den Schweigern, und in der Bibliothek ist nichts greifbar. Auschwitz gilt als "Schutzhaftlager".

André Szymanski als Gnielka und Alexander Fehling als Radmann zeigen den Schrecken genauso wie die Leidenschaft für die Aufklärung. In ihrem Gesichtsausdruck liest man, nach und nach, wie sie begreifen, dass der Rechtsstaat Grenzen hat. In den labyrinthischen Treppenspiralen des Frankfurter Gerichtsgebäudes tobt Gnielka vor Wut, weil kein Anwalt, kein Richter, keine Sekretärin, kein Passant wissen möchte, was er zur Anzeige bringen will: In einem Gymnasium unterrichtet ein Lehrer Deutsch und Geschichte, den ein überlebender Häftling als Auschwitz-SS-Mann wiedererkannt hat. Das Recht existiert nur durch Menschen, die die Geltung des Rechts wollen: Die tiefe Skepsis des Oberstaatsanwalts Friedberg spielt Robert Hunger-Bühler, er verkörpert die Frage, was der deutschen Gesellschaft an Unfrieden durch Aufklärung zumutbar sei – "wollen Sie, dass sich jeder Mensch in diesem Land fragt, ob sein Vater ein Mörder ist?" Und dagegen, daneben Gert Voss in einer seiner seltenen Kinorollen, der letzten vor seinem Tod. Er verleiht dem "General" Fritz Bauer jene unaufhebbare Trauer, politische Klarsicht und Menschlichkeit, die ihn zu einer der großen Gestalten des 20. Jahrhunderts machen.

Der 73-jährige Gert Voss wusste nichts über Bauer, bevor er das Drehbuch zu lesen bekam, dem 33-jährigen Alexander Fehling ging es nicht anders. Das allein reicht als Grund, die Geschichte noch einmal von vorn aufzurollen: Vier Juristen erproben jahrelang im Zeitlupentempo, Akte für Akte, Mensch für Mensch, Adresse um Adresse, durch ihre Ermittlungen, wie wirksam das Strafrecht ist. Mit begrenztem Erfolg. Nur ein persönlich zurechenbarer Mord kann nach damals geltendem Recht geahndet werden. Jeder Nachweis ist zu erkämpfen. Aber zuletzt wird dieses Deutschland ein anderes sein. Die Öffentlichkeit weiß nun um Auschwitz. Ein Land hat begonnen, über sich selbst zu Gericht zu sitzen.

Die knappen Dialoge gehören zu den Stärken des Films: wenn Fritz Bauer die jungen Männer warnt, über der Schwierigkeit der Aufgabe nicht den Verstand zu verlieren. Wenn Radmann seine Geliebte Marlene so bohrend nach den Kriegsverbrechen ihres trinkenden Vaters befragt, dass sie ihn rausschmeißt. Dieser Marlene im selbst geschneiderten Petticoat verleiht Friederike Becht einen Hauch von Pariser Existenzialismus und eine zauberhaft autonome Weiblichkeit. Radmann erträgt es nicht, dass sie jenem Establishment, das er juristisch decouvrieren will, als Mode-Designerin zu neuen Kleidern verhilft.

Im Labyrinth des Schweigens gewinnt seine Qualität als Schauspielerfilm. Aber Giulio Ricciarelli hat auch Kompromisse mit den Konventionen des Gefühlskinos geschlossen, die so überflüssig wie unsicher wirken: Ob es die Instant-Tränen im starren Gesicht eines Überlebenden sind, die musikalischen Streicherharmonien, die süß über Bildern des Leidens liegen, oder die überschüssigen Sätze expliziter Moralität in den Dialogen des jungen Staatsanwalts mit Bauer. Solche sentimentalischen Anwandlungen können die unansehnliche Protagonistin des Films jedoch nicht hübscher schminken, als sie es in Wirklichkeit ist: veritas, die Wahrheit. Ansehnlich wird sie erst, wenn sich die finden, die sie ins Recht setzen wollen.

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