Schon wieder Schachweltmeisterschaft? War die nicht gerade erst? Wenn am Sonnabend dieser Woche im russischen Sotschi die erste Partie zwischen Magnus Carlsen aus Norwegen und Viswanathan Anand aus Indien beginnt, dann liegt die letzte Partie ihres letzten Titelkampfes noch kein Jahr zurück. Warum die Weltschachorganisation Fide das Match jetzt schon angesetzt hat, weiß niemand zu sagen. Im Schach geht es bei grundlegenden Entscheidungen ähnlich rätselhaft zu wie im Fußball, dessen übernächste WM bei 50 Grad im Schatten ausgetragen werden soll.

Im November 2013 hatte der junge Norweger den gestandenen Inder in dessen Heimatstadt Chennai entthront. Die Schachwelt jubelte: ein neuer König! Umso größer war die Überraschung nach dem Kandidatenturnier im März 2014: Kein junger Spieler qualifizierte sich im sibirischen Chanty-Mansijsk als Carlsens Herausforderer, sondern ausgerechnet der alte Anand, mit dem keiner mehr gerechnet hatte.

Das spontane Echo war verheerend. Der wieder? Ewig grüßt das Murmeltier? Kaum ein Kommentator sah das Nochniedagewesene: Ein 44-Jähriger setzt sich in stärkster Konkurrenz gegen den hungrigen Nachwuchs durch, gewinnt souverän eine Runde vor Schluss und fordert nun einen 23-Jährigen heraus.

In Sotschi geht es also nicht nur um das Duell zweier exzellenter Spieler, sondern auch um den ewigen Kampf zwischen Jung und Alt. Neu daran: Alt greift an!

Die ungewöhnliche Konstellation lädt zu einer näheren Betrachtung ein. Ist dieses Duell der Generationen mehr als eine Laune des Schicksals? Inwiefern können es ältere Spieler mit jüngeren aufnehmen? Und wenn man den Blick über die 64 Felder hinaushebt: Wie sieht es in anderen Sportarten aus? Und was sagt die Wissenschaft dazu?

Fragen wir Adelheid Kuhlmey, Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie in Berlin. Sie ist seit 35 Jahren Gerontologin, mit allen Facetten des Älterwerdens beschäftigt. Dass da einer wie Anand jetzt Weltmeister werden will, erschüttert sie überhaupt nicht. In seinem Alter würden viele in Deutschland überhaupt erst Professor. "Ich sage meinen Mitarbeitern immer: Wie lange wollt ihr noch auf der Jugendschiene fahren, ihr seid doch schon 40!" Andererseits habe sie neuerdings 17-jährige Studenten. Dehnt sich die Zeit beruflicher Blüte etwa aus?

"Das Defizitmodell aus den fünfziger Jahren, dem zufolge im Alter alles zurückgeht und nachlässt, ist nicht mehr aktuell", sagt Adelheid Kuhlmey. Damals hätten einfache psychologische Untersuchungen ergeben, dass Jüngere schneller lernen. Später habe man differenziertere Studien unternommen: "Die Aufgaben waren die gleichen, aber die Lösungswege waren freigestellt." Nun zeigte sich: "Die Älteren waren viel schneller." Junge Menschen, so sehe man es heute, nutzten ihre "fluide Intelligenz", ältere ihre "kristalline Intelligenz". Jüngere hätten ein höheres Grundtempo und seien in der Lage, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, "neben Aufgaben lösen noch Musik hören und quatschen". Ältere kompensierten den Verlust an Geschwindigkeit mit ihrem Erfahrungswissen. Das sei beim Schach nicht anders.

"Ein jüngerer Spieler rechnet schneller und trifft eher mutige Entscheidungen", sagt Adelheid Kuhlmey, "aber das ruhige Abwägen ist genauso wichtig. Wenn ein älterer Spieler hundertmal abgewogen hat und achtzigmal damit richtiglag, ist das eine wertvolle Kompetenz."

Viswanathan Anand hatte seinen ersten WM-Kampf 1995. Er forderte Garri Kasparow heraus, gespielt wurde in New York, im Südturm des World Trade Center, 107. Etage. Nach acht Remispartien brach Anand ein und verlor – als 25-Jähriger.

Magnus Carlsen war damals vier Jahre alt. Ein paar Monate später brachte sein Vater ihm die Regeln bei. Der Versuch, ihn für das Spiel zu begeistern, blieb zunächst ohne Erfolg. Erst nachdem er einmal seine ältere Schwester geschlagen hatte, erwachte sein Interesse. Sein erstes Schachturnier spielte er im Juli 1999, mit achteinhalb.