Es ist fünf Uhr morgens. Der Mond steht hoch über dem engen Rhonetal, noch ist die Luft angenehm kühl. Sœur Marie-Rose Genoud spricht das Morgengebet, dann tritt sie ans Fenster des unscheinbaren Wohngebäude des Ursulinenordens in Sion – und genießt den Anblick der scharf gezogenen Linie der Bergflanke. Niemand zwingt sie, so früh aufzustehen, aber sie ist ein Morgenmensch. "Ich mag die Stille und die Frische am Morgen."

Die katholische Nonne Marie-Rose Genoud eckt immer wieder an im Wallis. Mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem Mut. Sœur Marie-Rose mag die Stille des Morgens, doch nicht die Ruhe der Verschwiegenheit. Erst zweimal ist die 75-Jährige aufgefallen – aber es waren zwei Paukenschläge.

Das erste Mal knallte es, als die Schwester die Kantonsbehörden bis vor das Bundesgericht zerrte. Das zweite Mal vor ein paar Monaten, als Genoud einen Leserbrief im Regionalblatt Le Nouvelliste platzierte – und darin die Beihilfe zum Suizid verteidigte. Eine Ungeheuerlichkeit für eine katholische Nonne! Denn ihre Kirche lehnt die Beihilfe zum Suizid "kategorisch" ab. So steht es in einem Pastoralschreiben der Schweizerischen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2002.

Seinen Anfang nahm Sœur Marie-Roses öffentliches Engagement mit ihrer Frühpensionierung. Bis dahin unterrichtete sie am Gymnasium in Sion. Ihr war klar, dass sie ihre Zeit von nun an unentgeltlich für eine Sache einsetzen wollte.

Damit erinnerte sie sich der Tradition ihres Ordens, den Anne de Xainctonge im Jahr 1606 gegründet hatte. Xainctonge setzte durch, dass die Ursulinen nicht im Kloster leben mussten und ihre Zeit der Krankenpflege, der Fürsorge der Armen und der Erziehung von Mädchen widmen konnten.

Die Mädchen hatte Sœur Marie-Rose damals bereits erzogen. Jetzt wollte sie sich den Armen widmen und besuchte von da an täglich Asylbewerber in ihren Wohnungen. Sie brachte Bücher für die Kinder vorbei, sprach mit ihnen über ihre Sorgen. Bald baten sie berufstätige Asylbewerber, die Lohnabrechnungen zu studieren. Sie vermuteten Beschiss und Betrug. Sœur Marie-Rose glaubte zunächst nicht, dass der Kanton Wallis bei den Abrechnungen seiner Asylbewerber etwas falsch machen könnte. Trotzdem fragte sie nach, einfach um die Zweifel ihrer Schützlinge auszuräumen. Es war ihre Art, die Asylbewerber zu respektieren. Da merkte sie: Die Rechnungen waren faul.

Der Kanton zwackte einigen Asylbewerbern illegalerweise zehn Prozent ihres Lohns ab. Marie-Rose wollte die Sache zuerst einvernehmlich lösen, doch die Behörden gaben sich stur. Also holte die kämpferische Nonne Rat bei Juristen und wandte sich an die Medien. Im Kantonsparlament wetterte ein sozialdemokratischer Regierungsrat gegen die aufmüpfige Ordensfrau. Sœur Marie-Rose aber fand Mitstreiter, sie ermutigte die Asylbewerber, Beschwerde einzureichen. Schließlich verlor der Kanton Wallis das Verfahren vor dem Bundesgericht in Lausanne.

Heute mag Sœur Marie-Rose nicht mehr über diesen Triumph sprechen. Sie lässt die Vergangenheit gern ruhen. Sie will die Menschen nicht demütigen. Sie will sie befreien, sie zur Unabhängigkeit anstiften und ihnen damit zu Würde verhelfen. Umso glücklicher war sie über die Wahl des neuen Papstes Franziskus: "Stellen Sie sich seine Einfachheit und seine Nähe zu den Menschen vor! Er hat seine Schuhe behalten, statt die roten Schuhe des Papstes zu tragen, und er geht zu Fuß, statt sich chauffieren zu lassen. Zudem empfängt er Kinder, küsst sie, interessiert sich für die Eltern und spricht zu den Kranken."

Leichtfüßig schreitet die ältere Dame durch den dunklen Gang an die Rezeption im Ordenshaus. Sie wirkt, als verneige sie sich bei der Begrüßung. Sie ist klein, zierlich, verschwindet fast unter dem langen, blauen Gewand und dem grauen Schleier. Doch ihr Gesicht ist hellwach.

In der Stube nimmt sie Platz auf einem der samtbezogenen Stühle am runden Holztisch. Gegenüber ein Heiligenbild an der Wand. Sie faltet ihre Hände im Schoss, steht wieder auf, zieht die Jalousien zu – sie mag die Hitze nicht – und legt ein doppelseitig bedrucktes Papier auf den Tisch. Darauf hat sie festgehalten, was sie bisher getan hat, welche Bibelstellen sie am meisten inspirieren. Und auch ihren kleinen Leserbrief, in dem sie die Sterbehilfe-Organisation Exit verteidigte, hat sie darauf kopiert – umrahmt mit einer feinen Linie.

Marie-Rose Genoud besitzt zwar kein Handy, aber ohne ihren Computer möchte sie nicht mehr sein. Darauf schreibt und liest sie. Auch ihre Korrespondenz führt sie elektronisch. Die Nonne aus Sion, sie ist dem Fortschritt überhaupt nicht abgeneigt. Im Gegenteil. Das ist es ja gerade, was sie immer wieder in die Bredouille bringt. Das Zweite Vatikanische Konzil, bei dem zu Beginn der 1960er Jahre das letzte Mal die Dogmen der katholischen Kirche dem Zeitgeist angepasst wurden, war eine Befreiung für sie. Seither hat Sœur Marie-Rose nie aufgehört, die Zeichen der Zeit zu deuten und auf sich selbst zu vertrauen.

Ihr Engagement für die Suizid-Beihilfe ist dafür exemplarisch. Sie wusste von älteren Menschen im Wallis, die unter Krankheiten litten und ihr Leben lieber früher beendet hätten, als in unerträglicher Agonie vor sich hinzusiechen und auf den erlösenden Tod zu warten. Sie wusste auch von Hinterbliebenen, die einen Angehörigen mit einer Sterbehilfe-Organisation verloren hatten und die das schlechte Gewissen plagte. Das Thema beschäftigte die Ordensfrau. Sie las die Artikel anderer Geistlicher, studierte die Bibel und fragte sich immer wieder: Bestimmt wirklich Gott über den genauen Zeitpunkt unseres Todes, über unser Leben? Sie glaubt es nicht. Deswegen hielt sie es für legitim, sich für die Beihilfe zum Suizid auszusprechen.