"Meine Familie", sagt Ondřej Adámek in diesem leicht singenden Pragerdeutsch, "war von überallher jüdisch", und das könnte jetzt eine lange Geschichte werden. Herbstsonne über Donaueschingen, früher Mittag, Probenpause vor der Baar-Sporthalle bei den Musiktagen, viel Zeit. Adámek aber macht es kurz. "Nach dem Zweiten Weltkrieg", setzt er fort, "war sie nicht mehr da." Nur zwei Großeltern hatten überlebt. Adámek ist 1979 geboren. Es kommt ein wenig Wind auf, der die warmen, krossen Blätter im Gras hochwirbelt. Adámek fängt ein Blatt und reibt es zwischen den Fingern. Erst knistert es länger, dann wird es mulmig und stumm. Adámek nickt, er kann in allem einen Klang finden. Und wartet dann scheinbar nur darauf, was musikalisch daraus wird.

Die Nachkriegs-Adámeks waren Atheisten. Was hatte Gott schon geholfen? Ondřej Adámek hat zwei Lebensläufe im Angebot, man kann sich auf seiner Website aussuchen, welchen man lieber haben möchte, den persönlichen oder den offiziellen. Der offizielle hakt das Leben ab, der persönliche hakt nach. Adámek erzählt, dass er es parallel zu ernsthaften Besuchen der katholischen Kirche am Klavier zuerst mit Bach versucht habe, dem Gott aller Musiker, die sich sonst schwertun mit dem Glauben. Der junge Mann wollte dann, gründlich, wie er schon als Heranwachsender war, Bachs Sprache nachbuchstabieren und Mozarts Vokabular. Aber er mochte auch Musik von Queen, den Doors und Jazz, was wiederum seine Mutter "eine Sünde" fand. Der hochbegabte Ondřej Adámek ging daheim auf die Hochschule und bald aufs Konservatorium in Paris. Das war Ende der neunziger Jahre, und er wusste da schon, dass er immer etwas hörte, hören wollte, auch das, was viele eher nicht wahrnehmen wollen, weil sie am liebsten trennen zwischen zufälligen und organisierten Klängen: U-Bahn-Krach, ungern; Zwölftonmusik, später in der Philharmonie, ja, bitte! Adámek mag das nicht so recht auseinanderhalten, weil die ganze Welt Klang für ihn ist, tonal, atonal, gleichviel, ganz ähnlich wie bei seinem Lehrer, Marc-André Dalbavie. In den letzten Jahren hat er diese Gedanken von der Gesamtheit aller Töne immer mal wieder in Indien vertieft. Schläft ein Lied in allen Dingen also, variiert.

Zu behaupten, dass die Welt Klang sei, mutet einfach an, hat bei Adámek aber einen begreifbaren Hintergrund, denn noch heute erinnert er sich (beispielsweise in der Einführung seines diesjährigen Donaueschinger Stücks Körper und Seele für Chor, großes Orchester und Air-Machine) an eine Wunde, die sich noch nicht ganz geschlossen hat: "Während meines Studiums wurden mir viele Tabus und Verbote in der Musik beigebracht. Es hat mich Jahre gekostet, mich von diesen Zwängen zu befreien. Ich erlaube es mir, in der Ästhetik oder Sprache zu komponieren, die mir gefällt." Selbstverständlich nimmt er jenen Pluralismus für sich in Anspruch, über den in der Postmoderne der Neuen Musik unter alten und mittelalten Galionsfiguren erbittert gestritten wurde. Für Adámek gibt es diese Gegensätze so nicht: Er hört, wartet – und macht sich die Dinge zu eigen, ohne ideologische Damoklesschwerter fallen zu sehen. Jugend ist oft ein Segen.

Ondřej Adámek, Jahrgang 1979 © Luc Hossepied

Für Donaueschingen hatte Adámek, der mit seiner Frau in Berlin wohnt und arbeitet, nebenher eine Apparatur gebaut, die im Konzertstück selbst nur eine Nebenrolle spielte, in einem Ausstellungsfilm während der Musiktage hingegen der Hauptdarsteller war, bestaunt und belacht von Hunderten Besuchern. Verkürzt gesagt, beatmen sich bei seiner Air-Machine zwei handelsübliche Staubsauger im Hintergrund, während aus einem System von Ventilen (und über einen Gartenschlauch) verschiedene Blasinstrumente, darunter eine Obertonflöte, aber auch Ballons, mit Luft versorgt werden. Die Ballons blähen sich, werden zu Händen, irgendwelchen Fabeltieren, schlaffen wieder ab und schöpfen erneut Atem. Ein Keyboarder steuert die Unternehmung exakt nach der Partitur. Was soll man sagen? Es ist einerseits eine herrliche Kinderei, andererseits der genial Feinmechanik gewordene Surrealistentraum zwischen gaga und Dada. Klar aber auch, dass sich das Publikum, speziell in Donaueschingen, wo gerne der bedeutungsvolle Ernst dominiert, anfangs ein wenig schwertat mit Adámeks Luftnummer. Es dauert unter Umständen, bis man begreift, in welcher Beziehung sie zu den vier im Raum verteilten Orchester- und Chorgruppen steht. Tüftelig ist Adámek nämlich auch, was die verwendeten Texte angeht: ein rituelles Mantra, eine volkstümliche tschechische Weise aus dem 19. Jahrhundert sowie zwei Gedichte des isländischen Dichters Sijón, der zeitgleich mit Adámek in Berlin ein DAAD-Stipendium hatte.

In allen Versen und in einer knappen halben Stunde geht es darum, dass der Körper mit der Seele (ver)handelt, von der er beatmet wird: ohne Seele geht es nicht (es gibt also, ließe sich ergänzen, keine kalte Musik). Adámek lässt das Orchester und den Chor diese Erfahrung machen, wenn er ihnen den Raumklang nur noch fein dosiert zuführt. Dann welken die Harmonien. Er lässt sie aber auch das Gegenteil empfinden, wenn die Streicher fast schon moldauhaft rauschen dürfen und die Bläser polkahaft vor sich hin zicken und geckern. Wer hier an Gustav Mahler denkt, liegt gar nicht mal ganz verkehrt. Auch Adámek möchte, dass sich etwas rührt unter den Leuten: Verwunderung, Sympathie, Antipathie, Erinnerung oder Neugier. Zur Not und zum Spaß kann er sein üppiges Material auch quasi orffisch beugen (was unter Avantgardisten schwere Minuspunkte bringt) – und am Ende wäre es kaum verwunderlich gewesen, wenn einem Pan Tau zugeblinzelt hätte. Apropos: Als der strenge Pierre Boulez in Luzern Adámeks Orchesterstück Endless Steps aufführte, schien er öfter zu lächeln als sonst, fast befreit, und war für jeden Vorschlag von Komponistenseite zu haben. Irgendeine besondere Saite jenseits der üblichen Diskursethik hatte der Tscheche in ihm wohl angeschlagen.

Weniger Systematik und Selbstbestätigung

Beim Proben wickelt Adámek die kompliziertesten Fragen mit gleichbleibender Heiterkeit und Wesensruhe ab, ganz egal, ob jetzt der Schwarzwälder Elektriker ihm den Hallenstrom richten soll oder ob den Dirigenten des hingebungsvollen SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, François-Xavier Roth, ein kniffliges Detail umtreibt. Adámek steht mittendrin, wie ein Fels, der ein irres Vergnügen an der Brandung hat. Und Brandung verschafft er sich genug: Während arrivierte Komponistenkollegen dabei sind, sich möglichst viel Ruhe am Rande der nicht mehr Hörbaren zu sichern (Salvatore Sciarrino), ihren unermesslichen Mikrokosmos noch minutiöser auszumessen (Brian Ferneyhough) oder, anders herum, die eigene Umtriebigkeit und Rastlosigkeit als Artefakt zu thematisieren (Jennifer Walshe), geht Adámek einen entgegengesetzten Weg. Er sucht nicht nach mehr Systematik und Selbstbestätigung, sondern nach weniger, ohne beliebig zu werden. Oft, sagt Adámek, dieser manische Mitschreiber des Lebens, notiere er einen Klang und wisse bereits im Augenblick des Niederschreibens, dass er ihn in dieser Form nicht kommunizieren könne. Dann brauche er eine neue Technik, und die entstehe meist im Verbund mit den Ausführenden: Kammermusikern, Tänzern, Vokalisten und ganzen Orchestern, kleinen wie großen. In Le Diner etwa setzt er die Musiker ganz einfach an einen großen, zum Essen gedeckten Tisch und lässt sie mit dem Mobiliar und den Bestecken spielen. So wird der Alltag zum Ereignis.

Er dirigiert sich oft selber, was handwerklich hilft – man hört schnell die eigenen Verirrungen –, aber auch gerne befreundete Komponisten: "Musiker vertrauen mir sehr schnell", sagt Adámek, und der Grund liegt auf der Hand. Er gibt ihnen das Gefühl, nicht nur einer der ihren zu sein, sondern überhaupt einer von uns: wir, Menschen mit zwei Ohren, unterwegs zwischen zu viel Krach und zu wenig Kunst.

Natürlich hat er Vorbilder: György Ligetis Lontano und dessen Zweites Streichquartett leuchten ihm musikalisch eminent ein, BoulezNotations natürlich, Heiner Goebbels, ebenso Martin Smolka. Mit einem Wort: farbige, verquere, aber auch ruhig Luft holende Musik, nichts Einengendes. Die nächsten drei Jahre sind bei ihm komplett verplant, mit Meisterklassen in Paris oder New York und einer abendfüllenden Oper, aber das macht Adámek nichts aus. Er habe ohnehin das Gefühl, auch wenn das womöglich ein bisschen esoterisch klinge, dass er nur "eine Art Medium" für Stücke sei, die im Kosmos längst schon existierten – es habe sie nur noch keiner aufgeschrieben. Wer also kann, so gesehen, schon wissen, was einmal aus dem Donaueschinger Buchenblatt vor der Baar-Sporthalle wird?