DIE ZEIT: In Rostock wird nächste Woche Ihre bislang größte Retrospektive eröffnet ...

Norbert Bisky: Nein, keine Retrospektive, das fände ich doof. Eine Retrospektive kann man nach dem Tod machen. Ich stehe erst am Anfang meines Schaffens.

ZEIT: Anfang? Sie malen seit knapp zwei Jahrzehnten. Wie lange wollen Sie denn malen?

Bisky: Fünfzig Jahre sind realistisch, dann bin ich 94. Da kann man noch akzeptabel malen. Ob es danach weitergeht, hängt vom medizinischen Fortschritt ab.

ZEIT: Welche Künstler haben Sie vor Augen, die so alt noch akzeptabel malen?

Bisky: Viele! Otto Piene, Lucien Freud, Francis Bacon. Baselitz springt herum wie ein hipper, junger Künstler. Das ist ja auch das Schöne an der Malerei, dass man seine Karriere nicht so früh wie ein Tennisspieler beenden muss. Auch Michelangelo und Picasso haben in ihren letzten Jahren noch viel hinbekommen. Man hat ja ein Gefühl von sich selbst, und ich glaube, dass ich noch eine lange Zeit arbeiten werde. Ich will alt werden.

ZEIT: Also geht es in Rostock um den Anfang Ihres Schaffens – was werden Sie zeigen?

Bisky: Die Ausstellung heißt wie ein Gemälde von mir aus dem Jahr 2008: Zentrifuge. Im übertragenen Sinne spielt dieses physikalische Prinzip in vielen meiner Bilder eine große Rolle. Vom Zentrum ausgehend, wirken Kräfte, Formen explodieren, Massen werden beschleunigt und an den Rand gedrückt. Da löst sich etwas auf, die Dinge werden malerisch zersetzt.

ZEIT: Auf dem Gemälde Zentrifuge haben Sie das Gesicht eines Menschen mit Ihrem Pinsel so durcheinandergewirbelt, dass es aussieht, als wäre es mit einem Stabmixer bearbeitet. Woher die Gewalt, die in solchen Bildern sichtbar wird?

Bisky: Zum einen habe ich schon immer viele Albträume gehabt. Zum anderen ist da der Einfluss der Kunstgeschichte. Als ich während des Studiums ein Jahr in Madrid verbrachte, hatte ich ein winziges Atelier, in dem ich mich kaum drehen konnte. Ich habe dann fast jeden Tag in der Sammlung des Prado verbracht und Bilder kopiert. Das Museum gleicht in Teilen einem Splatter-Movie, viele Gemälde dort sind wesentlich brutaler als alles, was ich bisher gemalt habe. Sie haben sich in meinem Bildgedächtnis festgesetzt. Und dann gab es Auslöser, Gewaltsituationen, die ich selbst erlebt habe, wie etwa die Terroranschläge im November 2008 in Mumbai. Ich befand mich damals nur unweit des Hotels Taj Mahal Palace und sollte eine Ausstellung eröffnen.

ZEIT: Ist das Bild Zentrifuge nach Mumbai entstanden?

Bisky: Nein, bezeichnenderweise kurz davor. Die Bilder, die ich in Mumbai zeigte, waren bereits sehr gewalttätig. Es war dann problematisch, sie in einer solch angespannten Situation überhaupt zu zeigen.

ZEIT: Wie weit darf die Malerei denn gehen?

Bisky: Es hat mich immer schon interessiert, was darstellbar ist und was nicht. Und das Verrückte ist, dass man in die Malerei auch die ganz harten Sachen übersetzen kann.

ZEIT: Wie etwa hier auf dem Gemälde mit dem Titel Alles wird gut, auf dem ein abgetrennter Kopf durch das Bild fliegt?

Bisky: Auf dem Gemälde erinnert der abgerissene Hals an einen Granatapfel, als Foto aber wäre diese Szene unerträglich. Malerei kann Gewalt auf eine sonderbare Weise erträglicher machen.

ZEIT: Hilft Ihnen die Malerei so auch persönlich?

Bisky: Ich würde die Welt nicht aushalten, ohne zu malen. Es ist eine ganz wunderbare Arbeit, mit den eigenen Händen, ohne Boss. Und ich kann auf die Bilder draufhauen, was mich beschäftigt.

ZEIT: Beispielsweise die sehr expliziten homosexuellen Szenen, die Sie zuweilen malen.

Bisky: Das Thema musste ich irgendwann klar und drastisch formulieren, um Ruhe zu haben vor den Interpretatoren, die etwas unterschwellig Homosexuelles in meine Bilder hineinlasen.

ZEIT: Sind Sie schon einmal zensiert worden?

Bisky: Eine Galerie hatte einmal die Sorge, dass sie auf der New Yorker Kunstmesse Armory Show eines meiner expliziten Gemälde vielleicht nicht zeigen könnte, und hatte deshalb eine Anfrage an die US-Zollbehörden gestellt. Aber es gab kein Problem. Ich habe absichtlich auch solche Bilder gemalt, die nicht in jedem Bankflur hängen können. Sonst könnte ich ja auch Blumenbilder malen. Das mache ich vielleicht auch einmal ...

ZEIT: Mit 95 dann?

Bisky: Nein, dann male ich wahrscheinlich viel härtere Sachen.