DIE ZEIT: Der erste Schnee ist gefallen, und Österreich präsentiert sich wieder als große Wintersportnation. Kann sich der Tourismus auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen?

Josef Margreiter: Nein. Wir erwirtschaften in Österreich rund die Hälfte der gesamten touristischen Wertschöpfung im Schnee. Aber wir müssen Respekt vor den Herausforderungen der Zukunft haben. Die Boomjahre, in denen viele Trittbrett fahren konnten und die touristische Nachfrage fast wie von selbst gegeben war, sind vorbei.

ZEIT: Immer mehr Besucher kommen aus Asien, Indien, dem arabischen Raum. Es gibt bereits Hotels, die zum Beispiel nicht an Inder vermieten, weil sie eigenwillige Vorstellungen von Hygiene und Sauberkeit hätten.

Margreiter: Es ist zu respektieren, dass Betriebe eine Auswahl treffen. Die touristische Welt funktioniert im Großen wie im Kleinen. Wenn ich mir zu Hause Gäste einlade, achte ich auch darauf, dass sie zueinander passen. Im Idealfall bemühe ich mich sogar um die richtige Sitzordnung.

ZEIT: Bei den Olympischen Spielen in Sotschi hat die Tirol Werbung das Österreich-Haus gesponsert. Sind Sie mit am Tisch gesessen, als der russische Präsident Wladimir Putin auf einen Schnaps vorbeikam?

Margreiter: Ich habe ihm sogar eingeschenkt. Es hat uns sehr gefreut, dass Herr Putin in der Tiroler Stubenecke zwischen den Sängern Platz nehmen wollte. Man konnte seine Wertschätzung für Österreich deutlich spüren. Bedauerlich war, dass die gute Beziehung, welche hier gepflegt wurde, kurz danach wegen der Krim und des Ukraine-Konflikts einen schalen Beigeschmack bekam.

ZEIT: Ist im Blick auf die heikle Situation in manchen Ländern jeder Markt ein guter Markt?

Margreiter: Wir haben immer gut daran getan, unsere Gäste nicht in Sippenhaft für politische Entwicklungen zu nehmen. Auch zur Zeit der Apartheid haben wir uns über Gäste aus Südafrika gefreut. Die Tiroler Gastfreundschaft empfängt alle Menschen aus allen Kulturen.

ZEIT: Trotzdem kommen wegen der internationalen Lage immer weniger zahlungskräftige Russen. Das Reisebüro Eurotours liegt bei den Buchungen 40 Prozent unter den Zahlen des Vorjahres.

Margreiter: Wir rechnen ebenfalls mit Rückgängen, aber weniger wegen der Sanktionen, sondern aufgrund einer Insolvenzwelle von Reisebüros in Russland und der Schwäche des Rubels.

ZEIT: Die auch eine Folge der Sanktionen ist. Und Putin hat ja seine Landsleute dazu aufgefordert, ihr Geld im Inland auszugeben.

Margreiter: Das kommt dazu. Die russischen Weihnachtsferien sind heuer aber so lange wie noch nie, und es gibt immer mehr Direktbuchungen. Wir sollten abwarten.

ZEIT: Fürchtet die Branche den Klimawandel? Bereits jetzt beträgt der Anteil der künstlich beschneiten Flächen in Österreich rund 56 Prozent.

Margreiter: In Tirol können sogar 75 Prozent der Pistenfläche beschneit werden. Unsere Devise als Marktführer ist ganz klar: Das möglichst hochwertige Wintergeschäft halten und umgekehrt die Sommersaison ausbauen – in Richtung eines Ganzjahrestourismus. Für das Sommerhalbjahr ist es ja eher eine Chance, wenn es wärmer wird. Die größte Herausforderung für unsere Branche ist nicht der Klimawandel, sondern der Gesellschaftswandel.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Margreiter: Die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städten leben und ihre Lebensgewohnheiten von dort in den Urlaub mitbringen, führt zu neuen Herausforderungen. Sie wollen per Mausklick, ganz spontan, immer kürzere Reisen buchen. Die Erwartungen an Dienstleistung, Qualität und Komfort steigen. Der Gast ist anspruchsvoller geworden, bewertet alles im großen Vergleich. Und über das Internet und soziale Medien ist es schon im Vorfeld leichter, sich ein glaubwürdiges Bild zu machen.

ZEIT: Man kann den Gästen weniger vormachen.

Margreiter: Natürlich. Umgekehrt sage ich selbstbewusst, dass wir mit aller Konsequenz Wert auf eine glaubwürdige Bildsprache legen. Photoshop ist bei uns verpönt, und es darf auch mal ein bewölkter Himmel zu sehen sein.

ZEIT: 2012 zeigten Inserate, wie die Europabrücke in weitem Bogen durch die Tiroler Landschaft schneidet.

Margreiter: Das hat für Aufsehen gesorgt. Man muss aber wissen: Tirol hat zuerst eine jahrhundertelange Geschichte als Transitland geschrieben, bis plötzlich dieser Verkehr, der eigentlich das Leben brachte, als störend empfunden und die Brücke zum Störfaktor abgestempelt wurde. Sie wurde zum Klischeebild für alles Negative am Transit. Wir fanden das dennoch einen sehr schönen Blick auf unser Land. Das richtige Bild, um zum Innehalten in dieser traumhaften Landschaft einzuladen.