DIE ZEIT: Herr Mason, werden Sie auf der Straße eigentlich erkannt?

Nick Mason: So gut wie nie. Nur wenn ich mit Roger Waters oder David Gilmour unterwegs bin, fallen wir manchmal auf. Eigentlich ist es perfekt, unbemerkt zu bleiben – aber wenn in einem schönen Restaurant alle Tische reserviert sind, würde ich gern mal erkannt werden.

ZEIT: Haben Sie in so einer Situation schon mal gesagt: Entschuldigung, aber ich bin Nick Mason von Pink Floyd?

Mason: Nein, das würde ich nie machen. Man muss sich entscheiden, ob man unsichtbar sein möchte oder auffällig.

ZEIT: Pink Floyd sind eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Dennoch sind Sie und Ihre Kollegen als Individuen unscheinbar geblieben. Zufall oder Strategie?

Mason: Anfangs war es ein Zufall. Als wir mit Pink Floyd starteten, wollten wir eine richtige Rockband sein. Wir wollten im Fernsehen auftreten, mit schreienden Mädchen und allem was dazugehört. Aber dann sind wir in eine erstaunlich distanzierte Position hineingerutscht. Das fing wohl mit den Konzerten an, bei denen unsere Lightshow so aufwendig wurde, dass wir als Musiker dahinter verschwanden. Im Verborgenen gefiel es uns dann, ehrlich gesagt, ganz gut. Selbst in den Siebzigern gab es eine lange Phase, in der wir kaum noch mit der Presse sprachen. Dabei war ich die treibende Kraft. Ich sagte: Macht an Interviews, was ihr wollt – aber ohne mich. Rückblickend war das vielleicht etwas drastisch, aber ich fühlte mich im Rampenlicht einfach deplatziert. Ich fand immer, wir sollten einfach nur Musik machen. Auf diese Haltung haben wir uns irgendwann geeinigt.

ZEIT: Entsprechend produzierte der Grafiker Storm Thorgerson legendäre Design-Plattenhüllen wie die zu den Alben Dark Side Of The Moon, Animals oder Wish You Were Here, hinter denen Sie sich verstecken konnten.

Mason: Storm Thorgerson ersetzte uns als Band durch raffinierte Illustrationen und Bilder. Seine Kunstwerke zogen wir dem Grinsen in die Kamera vor. Unsere Existenz als Phantom passte auch zu unserer Idee von atmosphärischer Musik. Jede x-beliebige Band könnte ein Gummi-Schwein in die Luft steigen lassen, so wie auf dem Animals- Cover, und schon assoziieren das alle mit Pink Floyd. Wie die Musiker dahinter ausschauen, ist egal.

ZEIT: Thorgerson ist im vergangenen Jahr gestorben. Das Cover, das ein 18-jähriger Ägypter für ihr neues Album The Endless River lieferte, wurde vorab als Kitsch geschmäht. Verstehen Sie die Kritik?

Mason: Sie erstaunt mich. Ich bin sicher, dass Storm sehr zufrieden gewesen wäre mit dem Design und dem Motiv. Außerdem war sein Partner Aubrey Powell ja an der Entwicklung beteiligt. Ich sehe das Motiv in Kontinuität zu unseren alten Hüllen. Kitschig? Das höre ich zum ersten Mal, aber ich verstehe, was Sie meinen. Genau das gefällt mir daran! Ja, es ist ein Retromotiv, aber das passt, denn unsere Platte ist retro. Sie soll auch retro sein, das ist die Idee. Damien Hirst hatte auch einige Cover-Entwürfe gemacht. Die sahen toll aus – aber nicht für uns, das sah mehr nach Damien Hirst als nach Pink Floyd aus. Und dummerweise ist das eine Pink-Floyd-Platte, und die sollte nun mal in einer Pink-Floyd-Hülle stecken.

ZEIT: Ihr Kollege David Gilmour sagte mal: Wir könnten auch auf dem Kamm blasen, solange Pink Floyd auf der Plattenhülle steht, verkaufen wir mehr Platten als alle anderen Bands auf dem Planeten. Stimmen Sie dem zu?

Mason: Warten Sie, ich muss mir kurz eine Notiz machen und David darum bitten, so etwas Arrogantes nie wieder gegenüber einem Journalisten zu sagen. Im Ernst: Das Lustige ist doch, dass unsere Platten von Kritikern beständig verrissen wurden. Werfen Sie mal einen Blick in Ihr Archiv, Sie werden staunen. Pink Floyd und alles was wir so als Solokünstler nebenher veröffentlichten, kommt da nur selten gut weg. Es ist einfach ein glücklicher Zufall, dass die Musik, die wir mochten, trotzdem ein erstaunlich großes Publikum fand.

ZEIT: Ihre Fans gelten als ziemlich fanatisch.

Mason: Neulich nahm eine Frau Kontakt zu mir auf, deren Mann ein besessener Pink-Floyd-Sammler war. Er starb vor fünf Jahren, und es war sein Letzter Wille, dass ich seine Pink-Floyd-Platten-Sammlung bekommen sollte. Ich sagte der Frau, dass das sehr freundlich sei und sie möge die Platten in die Post tun. Eines Morgens stand dann ein Truck vor meinem Büro. Die brachten unvorstellbare Mengen an Tonträgern. Tonnen illegaler Platten mit wohl jedem Konzert, das wir je gegeben haben, in mehreren Ausführungen. So alt kann ich gar nicht werden, um das alles zu hören.

ZEIT: Stimmt eigentlich die schöne Geschichte, dass es ein Presswerk gab, das zeitweilig ausschließlich Dark Side Of The Moon-Platten presste, weil die Nachfrage so groß war?

Mason: Sie könnte stimmen. Es gab eine Zeit, da war die Nachfrage nach Dark Side Of the Moon unvorstellbar, insbesondere in den USA. Da grassierte ein Hunger nach unseren Platten, den wir kaum stillen konnten. Es war irre!

ZEIT: Eigentlich galt das vor zwanzig Jahren veröffentlichte Album The Division Bell als abschließendes Pink-Floyd-Werk. Nun legen Sie The Endless River nach, das bereits als das am häufigsten vorbestellte Album aller Zeiten bei Amazon gilt. Die überwiegend instrumentale Musik darauf entstand bei den Sessions zu The Division Bell, blieb aber ungenutzt. Warum nutzen Sie sie jetzt?

Mason: Neunzehn Jahre lang hielten wir es für keine gute Idee, das überschüssige Material zu veröffentlichen. Warum? Keine Ahnung, es passte irgendwie nicht. Wir hatten aber auch keine fertigen Stücke, sondern lediglich eine große Sammlung von Fragmenten. Es war sehr aufwendig, dieses Puzzle in eine Form zu bringen, die veröffentlicht werden konnte. Vor eineinhalb Jahren hätte ich noch abgestritten, dass das Material für ein eigenständiges Album reicht. Aber eines Tages rief David mich an und sagte eher beiläufig, dass er es für eine gute Idee hielte, wenn sich Phil Manzanera, der Roxy-Music-Gitarrist, mit dem er viel arbeitet, unsere alten Aufnahmen mal anhörte. Warum nicht, antwortete ich, dann ging es los. Manzanera und einige Mitstreiter entwarfen ein Konzept, das David und ich dann vollendeten.

ZEIT: Die dominanten Keyboard-Einsätze auf dem Album erinnern an Ihren 2008 verstorbenen Kollegen Rick Wright. Sie sagten mal, dass dessen Beitrag zu Pink Floyd nie ausreichend gewürdigt worden sei. Soll das neue Album das korrigieren?

Mason: Es stimmt schon, dass Rick nie angemessen respektiert wurde. Dass seine letzten Aufnahmen mit uns noch mal seine Klasse unterstreichen, ist ein feiner Nebeneffekt der Platte. Allein die ungewöhnliche Länge der instrumentalen Melodien lässt Ricks Keyboard-Beiträgen so viel Raum wie noch nie. Es gibt diesen typischen Pink-Floyd-Sound, der schnell zu identifizieren ist. Erstaunlicherweise blieb immer unausgesprochen, wie elementar wichtig Ricks Anteil daran war.