Da waren selbst altgediente Bundeshäusler baff. Jeder zehnte Mitarbeiter der Bundesverwaltung ist gar nicht beim Staat angestellt, sondern er steht auf der Lohnliste eines privaten Unternehmens. Das zeigte ein Bericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle. 2013 kostete dies den Steuerzahler 860 Millionen Franken, das sind über 40 Prozent mehr als noch fünf Jahre zuvor.

Aber was bedeuten diese Zahlen? Und was tun diese Privaten überhaupt? Ja, wie beeinflussen sie die öffentlichen Verwaltungen und schließlich die Politik?

Bowil, eine kleine Berner Gemeinde am Rande des Emmentals. Bauernhäuser mit mächtigen Dächern stehen da, umgeben von saftigen Wiesen. Kuhglocken bimmeln. An der Hauptstraße: die Finances Publiques AG (FPAG) von Heinz Berger. In seinem Elternhaus hat der ausgebildete Gemeindeschreiber und ehemalige oberste Aufseher über die Gemeindefinanzen des Kantons seinen Firmensitz eingerichtet. An einer Bürowand hängt eine Karte mit allen politischen Gemeinden der Schweiz. Blaue Gemeinden sind Kunden der FPAG, weiße Gemeinden könnten es noch werden. Der Kanton Bern ist zu etwa zwei Dritteln blau.

Bergers erstaunlichster Kunde ist die Gemeinde Mühledorf im Gürbetal zwischen Bern und Thun. Das 254-Seelen-Dorf hat die gesamte Verwaltung an die FPAG ausgelagert. Es sind die Mitarbeiter von Berger, welche die Geschäfte des Gemeinderates vorbereiten: Sie machen das Budget und bereiten beispielsweise Zonenplanänderungen vor.

Regiert hier eine Firma ein Dorf?

"Nein", sagt Berger. "Die Entscheide liegen immer beim Gemeinderat oder, wenn nötig, bei der Gemeindeversammlung." Seine Angestellten würden nur Entscheidgrundlagen erarbeiten. Die Strategie liege immer in politischen Händen. Dann zählt er die Vorteile für die Gemeinde auf: Die Verwaltung bietet längere Öffnungszeiten, Ferienvertretungen sind geregelt, und jede Aufgabe wird von einem Spezialisten erledigt. Ein Problem aber bleibt: Wegen der Mehrwertsteuer ist jeder externe Dienstleister acht Prozent teurer, dazu kommt die Gewinnmarge der privaten Firma. "Das machen wir aber durch unsere Effizienz wieder wett", sagt Berger. Doch selbst wenn seine Leute günstiger sind: Was passiert mit einem Gemeinwesen, mit einem Staat, wenn er sich selber privatisiert?

"Im Prinzip müsste der Staat mit Ausnahme seiner hoheitlichen Kernaufgaben wie Polizei und Justiz gar keine Leistung selber erbringen. Man könnte alles auslagern und nur noch die Rahmenbedingungen setzen." Das sagt Reto Burn. Er ist stellvertretender Generalsekretär der Bernischen Finanzdirektion und macht sich täglich Gedanken dazu, ob eine Staatsaufgabe ausgelagert werden soll – oder nicht. "Letztlich ist das eine rein politische Frage."

Burn empfängt in seinem Büro in einem ehemaligen Stadtpalais am Berner Münsterplatz. Er ist der Typ drahtiger Hobbyläufer: analytisch, lakonisch. Kürzlich habe Bern beschlossen, erzählt Burn, seine Informatik effizienter zu bewirtschaften. 24 Millionen Franken könne man so einsparen, beschied die Firma AWK Group AG in ihrem Bericht. "Mich hat keine einzige der vorgeschlagenen Maßnahmen überrascht", sagt Burn. Alle von der AWK vorgeschlagenen Verbesserungen habe die Finanzdirektion in den letzten zehn Jahren bereits vorgeschlagen. Im Parlament kam aber nur wenig durch. Aber: "Jetzt, da die Vorschläge einen anderen Stempel trugen, fanden wir plötzlich eine Mehrheit."

Mit externen Gutachten kann man also politische Mehrheiten kippen. Steht als Absender anstelle der BDP-Finanzdirektorin plötzlich AWK oder PwC oder sonst ein Firmenkürzel auf dem Papier, können auch die politischen Gegner den Vorschlägen zustimmen. Die Verwaltung spielt über die Bande.

Ähnlich lief es beim jüngst beschlossenen Sparpaket des Kantons. Eigentlich ist es eine zutiefst politische Frage, welche Dienstleistungen der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern noch anbieten soll. Nicht so in Bern. Wo genau die rund 400 Millionen Franken gespart werden sollen, hat das Büro BAK Basel untersucht. Das Parlament und die Regierung haben schließlich nur noch geringfügige Änderungen vorgenommen.

Aber warum hat der Kanton Bern diese strategische Frage an ein fremdes Hirn ausgelagert?

"Der Kanton Bern hat seit Mitte der neunziger Jahre über ein Dutzend Sparpakete erarbeitet. Diesmal wollten wir einen anderen Ansatz wählen", sagt Generalsekretär Burn. Bei BAK Basel arbeiten Experten, die wissen, wie man die Rechnungen einzelner Kantone oder Gemeinden auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen muss, um vergleichbare Zahlen zu bekommen – Benchmarking nennt sich das. "Wir selber hätten das gar nicht machen können", sagt Burn.

Weil das ein einmaliger Vorgang war, hat die Finanzdirektion das Wissen eben eingekauft. Klingt auf den ersten Blick einleuchtend, ja nicht einmal problematisch. Aber ist es das tatsächlich?

Am Institut für Public Management der Universität Bern arbeitet Professor Reto Steiner. Der Betriebswirtschafter saß selber kurze Zeit für die EVP im Berner Großrat. Er sagt: "Es gibt kaum Literatur zum Thema." Weder ist erforscht, wie private Dienstleister Einfluss auf politische Gremien ausüben, noch, welche Aufgaben ein Staat unbedingt bei sich selber halten sollte. Steiner zieht eine Liste hervor, darauf stehen zehn Punkte: Absteigend nach der Wichtigkeit, liest man, wann der Staat seine Aufgaben auslagern soll – und in welchen Fällen besser nicht. Das Pikante an dieser Liste: Steiner hat sie als Auftragsarbeit für den Kanton Aargau erarbeitet, als externer Experte.