Fußballer. Ausgerechnet Fußballer. Das ist nun wirklich kein Beruf, mit dem man in Hamburg mal eben einen Job findet. Aber Mohammed war in Mali nur zwei Jahre auf der Koranschule, er kann nicht lesen und schreiben. Nur kicken, sagt er, das kann er richtig gut. Also ist er eben Fußballer.

Tosan Kraneis, 27, beugt sich verlegen über sein MacBook. Fußballer. Alle im Raum wissen, dass sich Mohammed damit in Hamburg keine Existenz aufbauen kann. Und dass sie eigentlich nichts tun können für den jungen Mann, der da zwischen ihnen sitzt, ohne Papiere, aber voller Hoffnung.

Alle wissen es. Alle außer Mohammed.

In dem kleinen Raum zwischen den Messehallen und Planten und Blomen prallen an diesem Abend Welten aufeinander. Hinter der Tür mit der Aufschrift "Law Clinic" trifft ganz oben auf ganz unten: angehende Top-Juristen der Bucerius Law School versuchen Menschen zu helfen, die nichts mehr zu verlieren haben. Und lernen dabei, wie machtlos die Waffen des Rechts sein können.

Mohammed blickt auf den Tisch. Er versteht kein Wort. 2012 ist er nach Deutschland gekommen, aber er spricht immer noch kein Deutsch. Eigentlich müsste er in Mecklenburg-Vorpommern sein, wo er als Flüchtling gemeldet ist. Aber in Hamburg kennt er wenigstens ein paar Leute, deswegen lebt er hier – auf der Straße. Ein Flüchtlingsberater hat ihn hierher geschickt, ein Freund ist zum Übersetzen mitgekommen. Mohammed möchte lesen und schreiben lernen, erzählt der. Ein Alphabetisierungskurs würde 240 Euro kosten. So viel Geld hat Mohammed nicht. Er brauchte einen Job, um es zu verdienen. Doch das ist kompliziert, wenn man nicht lesen kann – und illegal ist.

Mohammeds ist Anfang 20. Seine Möglichkeiten sind begrenzt, er hat keine Wahl.

Tosan Kraneis ist nur ein paar Jahre älter, und doch könnte sein Leben kaum gegensätzlicher sein. Seine Möglichkeiten sind unbegrenzt. Er muss nur wählen.

Bald wird der 27-Jährige sich Dr. jur. nennen dürfen. Ob er allerdings überhaupt als Jurist arbeiten möchte, weiß er noch nicht. Er hat so viele Interessen, spricht fließend Französisch und Spanisch, Englisch sowieso. In seinem Lebenslauf stehen Auslandsaufenthalte in Kairo, London, Paris, Buenos Aires. Er hat ein Prädikatsexamen gemacht, seine Fachgebiete sind Unternehmens- und Kapitalmarktrecht.

Die Elite-Uni will "Persönlichkeiten" hervorbringen, nicht Staranwälte

240 Euro, so viel wie der Alphabetisierungskurs von Mohammed kosten würde, wird Kraneis mit etwas Glück schon bald pro Stunde verdienen. Sein Studium an der Bucerius Law School hat 48.000 Euro gekostet – zusätzlich zum Lebensunterhalt. Die Elite-Uni ist die erste private Jura-Hochschule Deutschlands: kleine Gruppen, individuelle Betreuung der Studenten, internationale Ausrichtung, renommierte Professoren und Gastdozenten, Auslandssemester.

Wer hier studiert, dem stehen später alle Wege offen. Mehr noch: Eigentlich kommt hier überhaupt nur hin, wer schon alles mit auf den Weg bekommen hat. Wer gut Englisch spricht, in der Aufnahmeprüfung eine gute Allgemeinbildung zeigt. Wer Eltern hat, die sich die Ausbildung ihres Kindes eine Menge kosten lassen.

Trotzdem will die Hochschule nicht nur die Anwälte der Oberschicht ausbilden. Im Leitbild heißt es, sie möchte "Persönlichkeiten hervorbringen, die ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gesellschaft stellen und Verantwortung für andere übernehmen".