Im Oktober 2012 hat die Privat-Uni zusammen mit dem Diakonischen Werk die Law Clinic gegründet: Hoch qualifizierte Studenten, "Legal Adviser" genannt, unterstützen unter Anleitung eines erfahrenen Juristen mittellose Menschen, die sich keinen Anwalt leisten können. Das ist das Konzept.

Ursprünglich kommt es aus den USA, da ist es längst fester Bestandteil der juristischen Ausbildung. Die Bucerius Law School geht sogar noch einen Schritt weiter: Fällt in der Beratung die Entscheidung, den Fall vor Gericht zu bringen, unterschreiben die Studenten einen Praktikantenvertrag bei dem beratenden Anwalt und arbeiten an der Klage mit. Sie verhandeln dann auch mit Behörden und füllen für die Ratsuchenden Formulare aus, wenn die den Inhalt nicht verstehen. Die Mandanten bekommen Hilfe, die Studenten sammeln praktische Erfahrung.

Heute fühlt es sich allerdings so gar nicht danach an. Über Mohammeds Perspektivlosigkeit kann keine Plauderei hinweghelfen. Tosan Kraneis lächelt trotzdem. Er lächelt eigentlich immer. Manchmal weiß man nicht, ob er belustigt oder einfach freundlich ist.

Seit zwei Jahren engagiert er sich in der Law Clinic. Kraneis kommt aus dem katholischen Münster. Ein Bildungsbürgerkind, wie die meisten hier. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Gymnasiallehrerin. Sie haben ihm mit auf den Weg gegeben, dass er auch über den Tellerrand des eigenen, privilegierten Lebens zu schauen hat. Also engagiert er sich, betreut ein Kind aus St. Pauli, das Hilfe bei den Schularbeiten braucht, war ein Jahr in einer Banlieue in Paris, um für Obdachlose zu arbeiten. "Viele hier an der Law School sind sehr privilegiert aufgewachsen", sagt er. "Anderen helfen zu können ist da sehr befriedigend."

Asyl- und Ausländerrecht ist an keiner Universität Pflicht

Oft können die Studenten der Bucerius Law School viel für die Ratsuchenden tun: Anträge schreiben, Klagen formulieren, übersetzen. Wie für die Brasilianerin, die ebenfalls für diesen Abend einen Termin bekommen hat. Sie macht sich Sorgen um ihren Aufenthaltsstatus. Ein Blick in die Papiere, schon ist offensichtlich, dass sie gute Chancen auf ein dauerhaftes Bleiberecht hat. Außerdem erfährt sie, dass sie Unterhaltsansprüche gegen ihren Exmann geltend machen kann. Geholfen haben die Studenten kürzlich auch einem Mann aus Osteuropa, der kellnerte. Zwei Monate lang bekam er von seinem Chef kein Gehalt und flog dann ganz aus seinem Job. Sie erreichten eine gütliche Einigung.

Aber was tun mit einem wie Mohammed?

Während Tosan Kraneis, ein Rechtsanwalt und Mohammeds Freund über Dokumente sprechen, die der junge Mann aus Mali brauchte und allesamt nicht hat, starrt der auf den Tisch, als läge dort die Lösung seines Problems. Ab und zu blickt er kurz auf, schaut stumm in die Runde, dann senkt sich sein Blick wieder auf die Tischplatte.

Der Anwalt fragt nach seiner Geburtsurkunde. Geburtsurkunde? Mohammed hat nicht einmal ein Dach über dem Kopf, besitzt nicht mehr als die Klamotten, die er am Körper trägt. Wo soll er eine Geburtsurkunde hernehmen?

Es ist eine Welt, die die Studenten nie kennengelernt haben, auch nicht im Studium, nicht einmal in der Theorie. Asyl- und Ausländerrecht wird an der Bucerius Law School nicht unterrichtet, Pflicht ist das Fach ohnehin an keiner Universität.

Wer auf der Bucerius Law School sein Examen macht, geht als Justiziar in einen Weltkonzern oder als Anwalt in eine internationale Großkanzlei. Es geht um Fälle mit einem Streitwert in Millionenhöhe. Das Recht ist dann das Werkzeug, das Wege eröffnet. Mit dem man taktiert, Strategien entwickelt, verhandelt. Hier aber, bei Mohammed, zeigt es nur Grenzen auf. Keine Papiere, kein Aufenthaltsrecht. Kein Aufenthaltsrecht, keinen Job. Keinen Job, kein Geld und so weiter. "Heute war es schon hart", sagt Tosan Kraneis später.

Die Studenten, die als Legal Adviser arbeiten, werden extra geschult. Die Bucerius Law School bietet ihnen Workshops in interkultureller Kompetenz und Verhandlungsführung an. Etwa 50 Legal Adviser teilen die Beratungstermine unter sich auf, zehn Studenten kümmern sich um die Organisation der Law Clinic.

Die Studenten arbeiten mit 17 sozialen Einrichtungen in Hamburg zusammen. Es gibt ein Termin-Tool, eine Software, über die Sozialarbeiter direkt Termine buchen können für die Menschen, die sie zur Law Clinic schicken. Braucht jemand einen Dolmetscher, findet sich unter den Studenten immer jemand, der die gefragte Sprache spricht. Falls nicht, wird ein Übersetzer organisiert. Nach der Beratung schreiben die Legal Adviser einen Bericht an die Sozialeinrichtung, die den Mandanten zu ihnen geschickt hat. Damit alle Beteiligten wissen, wie es in der Sache weitergeht.

Oder auch nicht. Mohammed, das steht inzwischen fest, braucht eine Geburtsurkunde. Ohne die geht es nicht. Er muss sie aus Mali besorgen, über Bekannte, Freunde, irgendwie. Sobald er sie aufgetrieben hat, soll er einen neuen Termin in der Law Clinic machen, dann wird man weitersehen. Mohammed bedankt sich freundlich. An der Tür dreht sich sein Freund noch einmal um. Diese 240 Euro für den Alphabetisierungskurs. Das könne doch nicht sein, sagt er, dass Mohammed nicht einmal lesen lernen dürfe. Ob nicht irgendwer im Raum eine Idee dazu habe? Alle schütteln den Kopf.