Die Esa fällte ihr Urteil. Sie beschloss, beide Projekte zu vereinen. Also eine gemeinsame Messbox für Europa. Was das Verankern im Boden des Kometen betraf, schien der Esa der deutsche Ansatz durchdachter zu sein. Der Rest war komplizierte Kompromisssuche.

Der Streit begann schon mit der Namensgebung. Einig waren sich zwar alle, dass die Sonde Rosetta heißen solle, benannt nach dem berühmten Stein aus dem alten Ägypten, dessen Hieroglyphen die ersten waren, die Forscher entzifferten. Doch als es um die mobile Messbox ging, war es mit der Einigkeit vorbei. Die Deutschen sagten, man könne doch den Namen Rosetta mit dem englischen Wort lander kombinieren. Ro-Land. Roland. Ein schöner deutscher Name für das allererste Labor auf einem Kometen. Undenkbar, fanden die Franzosen und brachten den Erforscher des historischen Rosetta-Steins als Namenspatron ins Spiel. Champollion. So ging es hin und her, dann taufte man die Messbox auf den Namen Philae, nach einer Insel im Nil.

Heute sitzt Jean-Pierre Bibring, Chefwissenschaftler von Philae, Franzose, bei der Esa in einem Konferenzraum und redet über seinen Gegenpart in Deutschland: "Ich glaube, er ist nicht geeignet für seinen Job."

Stephan Ulamec, Projektleiter für Philae beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, sitzt in einer Kaffeeküche neben seinem Büro in Köln und sagt: "Der Bibring tut überhaupt nix außer reden."

Der Franzose Bibring ist Astrophysiker und Altlinker. Er trägt gern wehende Schals und das weiße Haar halblang und wirr. Als die Esa ein Foto von ihm in die Sozialen Netzwerke stellt, schreibt jemand darunter: "Gut, dass Einstein beim Rosetta-Team mitarbeitet."

Der Kölner Ulamec ist Geophysiker, ein etwas blässlicher Mann im schlichten weißen Hemd. Er sagt: "Die Verhandlungskulturen sind schon unterschiedlich."

Der Franzose Bibring lässt sich zu einigen unvorteilhaften historischen Vergleichen hinreißen. Und sagt: "Er will immer bestimmen."

Ulamec, in Köln, verdreht nur die Augen.

Sie erobern gemeinsam das Weltall, aber auf der Erde sprechen sie kaum miteinander. Und dann der Termin des Abwurfs auf den Kometen: Die deutsche Seite stellt sich auf den 11. November ein, es wäre nach jetzigem Wissensstand der beste Tag. Nicht möglich, sagen die Franzosen. Am 11. November gedenkt ihr Land des Ersten Weltkriegs. Europas Schlachten würden sich dann in jeder französischen Fernsehsendung vor Europas Raumfahrt schieben. Wollen die Deutschen das nicht begreifen? Wollen sie wirklich so unsensibel sein?

Der Frühling kommt. Ungerührt von den zankenden Forschern auf der Erde, auf dem kleinen Kontinent Europa, rast Rosetta auf ihr Ziel zu. Anfang April, noch 4,3 Millionen Kilometer. Anfang Mai, noch 2,2 Millionen Kilometer. Endlich offenbart sich der Komet jetzt den Kameras auf der Raumsonde, ein winziger Lichtpunkt zwischen unzähligen Lichtpunkten, Accomazzo und seine Leute freuen sich darüber. Nun haben sie etwas, auf das sie hinsteuern können. Nach zehn Jahren Flug hätte man fast glauben können, dieser Komet sei die Erfindung eines Betrügers.

An einem Tag im Juni bereiten im Raum D254 zwei von Accomazzos Ingenieuren ein wichtiges Manöver vor, es sind Roberto Porta, ein hagerer Italiener, und Ritchie Kay, ein höflicher Brite. Accomazzo selbst musste zu einer Konferenz. Heute soll Rosetta ihr relatives Tempo zum Kometen auf 690 km/h verringern. "Vor der Mittagspause", verkündet Porta, "waren wir noch 300 000 Kilometer vom Ziel entfernt. Oder 400.000?"

"425.000", korrigiert Kay.

Sie haben ihre Befehle tausendmal simuliert und besprochen und sie dann ins All geschickt, nun sitzen sie herum und warten. Raumfahrt kann langweilig sein. In diesen Momenten der Zwischenzeit erlauben sich die Steuerleute manchmal, ein wenig philosophisch zu werden. Sie erzählen dann, wie schwer es ihnen fällt, eine Beziehung aufzubauen zu diesem fernen Ding, das kaum jemand von ihnen in echt gesehen hat, weil es schon am 2. März 2004 im All verschwand, nach dem Start vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana.

Rosetta wacht auf. Rosetta bereitet sich vor. Rosetta hat ein Rendezvous mit dem Kometen. So reden sie hier. Kleine Rebellionen gegen den Geist der Abstraktion, der den Alltag dominiert, und gegen diese sonderbare Unsichtbarkeit: Wo niemand hinblicken kann, ist ein Würfel aus Aluminium unterwegs. Im Vergleich zu den Weiten, die er durchquert, bleibt dieser Würfel mikrobenhaft klein, Kantenlänge nicht einmal drei Meter. Die 24 Schubdüsen sind kaum größer als Eierbecher. Oben – falls es im Weltraum ein Oben gibt – die Kameraaugen, überall Kabel und Elektrozeug. Die schwarze Schutzfolie, die den Würfel umhüllt, ist von Hand getackert. Käme Rosetta ins Blickfeld eines Außerirdischen, er würde denken, auf der Erde habe ein verrückter Forscher zu viele Bastelabende im Hobbykeller verbracht.

Man kann nicht sagen, dass Rosetta den direkten Weg zum Kometen genommen hätte. Europa schreckte davor zurück, seine Sonde nuklear zu betreiben, wie es die Nasa getan hätte. Zu riskant, hieß es; lieber eine grüne Energiequelle. Rosetta bekam Solarzellen für ihre Elektronik und für die Instrumente, genau wie Philae, jenes mobile Labor, das Rosetta mit sich trägt. Die Sonde musste also Strom sparen, und so näherte sie sich ein Jahr nach dem Start wieder der Erde, um Schwung zu holen: Physikalisch betrachtet, tauscht man Energie aus mit einem Planeten, an den man nah heranfliegt. Man wird von seiner Gravitation gleichsam angeschubst, als säße man auf einer Schaukel.

Viermal nahm Rosetta Fahrt auf, dreimal an der Erde und einmal am Mars. Rosetta umrundete fünfmal die Sonne, schickte ein Selfie nach Darmstadt und schaute bei einem Asteroiden namens Lutetia vorbei. Dann begab Rosetta sich in einen Stromsparmodus. Fast drei Jahre lang hatte Raum D254 keinen Kontakt mehr mit ihr, viele Männer aus dem Team nutzten dies für ein Langzeitprojekt anderer Art: Sie bekamen Kinder. Accomazzo stieg in ein Flugzeug und flog nach Thailand, wo er einen Jungen aus einem Waisenhaus adoptierte.