DIE ZEIT: Ihre Stiftung hat die Rote Flora im Auftrag der Stadt für 820.000 Euro gekauft. Warum tun Sie sich das an?

Karin Schmalriede: Die Lawaetz-Stiftung steht für gute Lösungen, der Kauf der Flora durch die Stadt ist so eine. Dafür sind wir vor 28 Jahren gegründet worden. Wir sollen unkonventionelle Lösungen zwischen Staat, Politik und Verwaltung auf der einen Seite und Bürgern und deren Projekten auf der anderen Seite moderieren und umsetzen.

ZEIT: Die Besetzer der Roten Flora wollen vermutlich gar nicht moderiert werden.

Schmalriede: Richtig, hier liegt die Lösung ja schon vor. Wir sind nicht eitel. Wenn eine bestehende Lösung von allen Beteiligten akzeptiert wird, treten wir gerne zurück und managen nur das Objekt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Was heißt das, die Flora managen? Es gibt keinen Vertrag, die Besetzer wollen auch keinen.

Schmalriede: Eine gute Frage. Womöglich ist der Aufwand für uns ja sehr gering. Das müssen wir herausfinden.

ZEIT: Sie sind gewissermaßen der neue Puffer zwischen Flora und Senat.

Thomas Mirbach: So ist es gedacht. Aber das sind wir auch bei anderen Projekten gewesen, die nur nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wir sind eine Organisation jenseits bürokratischer Routinen.

ZEIT: Sie schreiben auf ihrer Website, dass Sie Lösungen im "kooperativen Prozess" entwickeln. Ist das auch mit den Flora-Besetzern das Ziel? Denen war es bisher total egal, wem das Haus gehört.

Schmalriede: Das kann denen auch weiterhin egal sein. Wir werden daran nichts ändern. Wir können gut mit dem Status quo leben, auch wenn es das unkonventionellste Projekt ist, das wir bisher hatten. Wenn die Flora-Akteure Gespräche möchten, dann stehen wir dafür zur Verfügung. Aber ich erwarte nicht, dass derzeit jemand daran ein Interesse hat. Die sollen uns nicht lieben. Vielleicht müssen erst ein paar Jahre ins Land gehen. Wenn zum Beispiel bauliche Dinge anstehen, für die man den Eigentümer gebrauchen kann, dann stehen wir zur Verfügung.

ZEIT: Angenommen, die Rote Flora mobilisiert wieder zu einer militanten Demonstration und es kommt zu Straßenschlachten – haben Sie mit der Stadt darüber gesprochen, wie Sie damit umgehen?

Schmalriede: Es gibt eine klare Aufgabenverteilung. Wir haben das Objekt angekauft und sind Eigentümer. Aber zu unseren Aufgaben gehört es bestimmt nicht, Sicherheit und Ordnung aufrechtzuerhalten. Deshalb sind wir an dieser Stelle auch kein Puffer.

ZEIT: Können Sie wirklich so neutral bleiben?

Schmalriede: Wir haben heute eine ganz andere Zeit. Ende der Achtziger haben die Politiker schon Kleinigkeiten als untragbar bewertet, viele Aktionen des alternativen Milieus galten als Provokation. Ich habe den Eindruck, dass der Senat heute akzeptiert, dass die Rote Flora zu dieser Stadt gehört.

ZEIT: Zumindest aus pragmatischen Gründen.

Schmalriede: Genau.

ZEIT: Im Juli gab es wegen eines Transparents an der Roten Flora, auf dem eine PKK-Fahne wehte und der Slogan "Cops morden ungestraft" stand, zwei strafrechtliche Verfahren gegen den Verein Flora e. V. Was machen Sie, wenn solche Verfahren demnächst bei Ihnen auflaufen?

Schmalriede: Dann hätten sie ja vorher bei Herrn Kretschmer landen müssen. Sind sie aber nicht. Es ist nicht unsere Art, so etwas klein-klein durchzuspielen. Wir haben als Eigentümer bestimmte Rechte und Pflichten. Denen kommen wir nach. Punkt.

ZEIT: Müssen Sie im Winter auch Schnee schippen vor der Flora, damit sich niemand ein Bein bricht?

Schmalriede: Ich gehe davon aus, dass dort immer ordentlich Schnee geschippt wird. Und zwar vor acht Uhr morgens, so muss das nämlich sein.

"Keine weitere Kommerzialisierung"

ZEIT: Jetzt mogeln Sie sich etwas heraus. Die entscheidende Frage ist doch: Der Verkauf mag eine elegante Lösung für den Senat sein – aber müssen die Folgen nicht womöglich Sie ausbaden?

Schmalriede: Ich hoffe vor allem, dass es eine praktikable Lösung für alle Seiten ist, die Floristen eingeschlossen. Aber ich glaube nicht, dass andere stadtnahe Einrichtungen sich darum reißen würden, so ein Objekt zu managen. Wir machen das.

Mirbach: Wir stehen dafür, dass es keine weitere Kommerzialisierung mit dem Objekt gibt, und versuchen dazu beizutragen, dass Konflikte vermieden werden. Ausschließen können wir sie nicht.

ZEIT: Waren alle bei Ihnen begeistert von der Idee?

Mirbach: Es gab Diskussionen, aber einen Dissens hatten wir eigentlich nicht. Wir mussten in aufwendigen Sitzungen alle technischen und juristischen Fragen klären, aber in der Sache waren wir uns einig: Wir wollen das machen, weil es auch dem Gründungsgedanken der Stiftung entspricht.

ZEIT: Was waren die Streitpunkte?

Schmalriede: Im Wesentlichen ging es immer darum, dass die Stadt uns in die Lage versetzt, den Auftrag auch umzusetzen, dass wir die Flora treuhänderisch für die Stadt verwalten. So steht es in unserem Vertrag. Den kann jeder nachlesen, sobald er veröffentlicht ist, wie im Transparenzgesetz vorgeschrieben. Wenn zusätzliche Kosten anfallen, wird die Stadt sie tragen. Dazu gehören zum Beispiel Versicherungen, die wir abschließen wollen.

ZEIT: Heißt das: Egal, was passiert, die Stadt zahlt?

Schmalriede: Das heißt es genau nicht. Die Floristen müssen für die Kosten, die sie verursachen, selbst aufkommen, wie sie es bisher auch schon tun. Zum Beispiel für Strom und Wasser.

ZEIT: Wann waren Sie das letzte Mal dort?

Schmalriede: Letzte Woche, kurz vor Abschluss des Kaufvertrags, bin ich ums Gebäude gelaufen.

ZEIT: Reingehen wollten Sie nicht?

Schmalriede: Ich habe keine Berührungsängste. Aber das ist normalerweise nicht so mein Musikgeschmack. Will ich das meinen Ohren antun? Na gut, Fettes Brot hätte ich mir noch angehört.

ZEIT: Von den Besetzern wird es, wie man hört, wohl bald eine Erklärung geben, dass auch Sie Teil des kapitalistischen Schweinesystems seien.

Schmalriede: Aus deren Sicht sind wir das wohl. Da gibt’s gar nichts dran zu rütteln.

ZEIT: Wie bitte?

Schmalriede: Wir glauben zwar, dass wir Teil der Lösung sind – was unseren Umgang mit Immobilien angeht und wie wir Probleme lösen. Aber für Menschen, die sich grundsätzlich außerhalb dieses Systems definieren, sind wir natürlich Teil des Problems. Wobei ich mich frage, wie man sich völlig außerhalb des Systems sehen kann, wenn man Eintrittsgeld nimmt und Getränke verkauft.

ZEIT: Wo ist Ihre Schmerzgrenze? Wann sagen Sie: Jetzt reicht es, was die mit unserem Haus machen?

Schmalriede: Wir sind keine Hellseher. Aber wir können nicht derartige Aufgaben übernehmen, wenn wir uns von vornherein mit Worst-Case-Szenarien selbst blockieren.