"Er gehörte nicht zu den Mutigen" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Eisfeld, was hat sich Theodor Eschenburg im "Dritten Reich" zuschulden kommen lassen?

Rainer Eisfeld: Von Anfang 1938 bis Mitte 1939 war er als Verbandsfunktionär in der Bekleidungsindustrie und in der holzverarbeitenden Industrie beteiligt an der sozialen Diskriminierung und wirtschaftlichen Ausplünderung deutscher und österreichischer Juden.

ZEIT: Eschenburgs Verbände waren seit 1936 dem Reichswirtschaftsministerium unterstellt. Er war zuständig für Knöpfe und Reißverschlüsse sowie für Schnitz- und Formerstoffe. Wie bedeutend war seine Mitwirkung an der "Entjudung" der deutschen Wirtschaft?

Eisfeld: Er hat keine Entscheidungen getroffen. Aber er hat in seiner Funktion mit Stellungnahmen und Vorschlägen an "Arisierungen" mitgewirkt.

ZEIT: Einen ersten Fall haben Sie 2011 aufgedeckt. Es geht darin um den deutschen Juden Wilhelm Fischbein, der Kunststoffe produzierte, die für die deutsche Wirtschaft von großem Interesse waren. Nun haben Sie weitere Dokumente gefunden.

Eisfeld: Sie handeln von der Liquidierung beziehungsweise "Arisierung" der Wiener Reißverschlussfabriken Auerhahn und Blaskopf 1938/39 – und sie zeigen, dass die Beteiligung an der Beraubung von Juden zum Alltagsgeschäft der von Eschenburg geleiteten Geschäftstelle gehörte. Bestürzend finde ich, dass er offenbar mit einer gewissen Beflissenheit bei der Sache war. So hat er in einem Brief an das Reichswirtschaftsministerium von 1939 seinen Rat, die Firma Auerhahn zu liquidieren, noch einmal bekräftigt. Eschenburg handelte in allen drei Fällen nach einer technokratischen, funktionalen Logik. Nach dem Krieg hat er vom "Arisierungsterror" der Nazis gesprochen. Dieses Wort wendet sich gegen Eschenburg selbst.

ZEIT: Herr Wengst, Sie arbeiten derzeit an einer Biografie Eschenburgs, die im Februar 2015 erscheint. Wie bewerten Sie sein Verhalten?

Udo Wengst: Wir sollten vorsichtig sein mit Urteilen, denn die Quellenlage ist erbärmlich. Die meisten Unterlagen der von Eschenburg geleiteten Stelle sind bei einem Bombenangriff 1943 zerstört worden. Dass wir überhaupt etwas mehr wissen, verdanken wir Herrn Eisfeld. Eschenburgs Mitwirkung aber schätze ich vollkommen anders ein als er. Zu den Wiener Betrieben Auerhahn und Blaskopf wurde er um eine Stellungnahme gebeten. Er hat zu deren Liquidierung geraten, da der Verband, dessen Geschäftsführer er war, die Ansicht vertrat, dass es genügend Reißverschluss- und Knopfbetriebe im Reich gebe, die sich die knapper werdenden Rohstoffe nicht streitig machen sollten. Einen besonderen Eifer Eschenburgs kann ich nicht erkennen.

ZEIT: Und im Fall Fischbein?

Wengst: Mit dem hat er sich intensiver befasst. Schon deshalb, weil der Betrieb sehr wichtig war und die Sache komplizierter lag. Um den Betrieb "arisieren" zu können, musste man auf den britischen Anteilseigner, die Sassoon-Bank, Rücksicht nehmen. Fischbein fuhr immer wieder zu Verhandlungen nach England. Als ihm wie allen deutschen Juden im Oktober 1938 der Reisepass entzogen wurde, befürwortete das Eschenburg zunächst, weil er fürchtete, Fischbein könnte sich absetzen. Doch dann änderte er seine Meinung.

ZEIT: Warum?

Wengst: Er sah die Exportinteressen des Reichs gefährdet. Und er wollte Fischbein schützen. Eschenburg plädierte am 8. November in einem Brief an den zuständigen Referenten im Wirtschaftsministerium dafür, Fischbein den Pass zurückzugeben – einen Tag nach dem Attentat auf den Botschaftssekretär Ernst Eduard vom Rath in Paris, das die Nazis zum Anlass nahmen für die Pogrome vom 9. November. Diesen Kontext muss man berücksichtigen: Eschenburg erkannte, dass Fischbein in Gefahr schwebte.

"Ich will ihn nicht dämonisieren"

Eisfeld: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Dokumente, die wir haben, belegen, dass Eschenburg sich schon am 4. November dafür starkgemacht hat, Fischbein den Pass zurückzugeben – mit ökonomischen Argumenten: Fischbein müsse die Möglichkeit haben, Aufträge im Ausland zu akquirieren. Noch wichtiger ist, und damit wollen Sie, Herr Wengst, sich offenbar nicht auseinandersetzen, dass Eschenburg Fischbein in dem Brief vom 8. November regelrecht angeschwärzt hat. Er hat nämlich die Vermutung geäußert, dass Fischbein staatliche Gelder nutzte, um eine eigene Firma in England aufzubauen. Veruntreuung von Devisen also! Das war ein Vergehen, auf das seit 1936 die Todesstrafe stand. Der Referent im Ministerium hätte Fischbein auf der Stelle verhaften lassen können.

Wengst: Das ist Unsinn, entschuldigen Sie, aber das muss ich so deutlich sagen. Es war doch klar, dass das nicht geschehen würde. Man brauchte Fischbein, um die "Arisierung" abzuwickeln. Sie werden Eschenburg nicht nachweisen können, dass er den Mann "ans Messer liefern" wollte. Außerdem muss man berücksichtigen, dass die "Arisierung" auch von Fischbein selbst und der Sassoon-Bank stark befürwortet wurde.

Eisfeld: Aber Herr Wengst! Im Deutschen Reich brannten die Synagogen. Fischbein gab sofort seine Wohnung auf und tauchte unter. Er musste heraus aus Deutschland, so schnell es ging. Das war doch keine freiwillige Entscheidung!

Wengst: Richtig. Aber das alles ändert nichts daran, dass Eschenburg Fischbein helfen wollte.

ZEIT: Herr Eisfeld, Sie deuten an, dass es einen vierten und einen fünften Fall geben könnte.

Eisfeld: Eschenburg erwähnt in einem Brief von 1938, dass es im "Altreich" noch zwei "nichtarische" Betriebe gebe, die in seine Zuständigkeit fielen.

ZEIT: Werden weitere Dokumente auftauchen?

Wengst: Das ist sogar wahrscheinlich.

Eisfeld: Da sind wir ja endlich einmal einer Meinung. Und ich glaube, wir sind uns noch in einem weiteren Punkt einig. Sie schreiben, dass Eschenburg sich auf das Regime eingelassen und sogar mit ihm paktiert habe. Nichts anderes sage ich auch. Ich will ihn nicht dämonisieren. Eschenburg spiegelt exakt die Verwerfungen und Brüche der deutschen Geschichte, einerseits mit ihren Meriten, andererseits mit ihrer Last an Lügen und Schweigen.

Wengst: Wenn man Herrn Eisfeld hört, wirkt das alles so schön schlüssig, aber es ist doch sehr ex post gesehen. Wir müssen Eschenburg aus seiner Situation heraus verstehen.

ZEIT: Was war seine Situation?

Wengst: 1933 wurde der Freihandelsverband, für den er arbeitete, aufgelöst. Daraufhin bot man Eschenburg an, in die Leitung eines Kartellverbandes einzutreten – neben einem Juden, der 1936 emigrierte. Nach kurzer Überlegung hat Eschenburg, dem die Materie fremd war, zugesagt. Er wollte nicht arbeitslos werden.

ZEIT: Welche Handlungsspielräume hatte er nach 1936, als der Verband unter staatliche Kontrolle kam? Hätte er sagen können: Nein, zu "Arisierungen" äußere ich mich nicht?

Wengst: Als Geschäftsführer musste er die Interessen vertreten, die im Verband herrschten. Er hätte sagen können: Ich scheide aus. Aber das war für ihn mit Rücksicht auf seine Familie keine Alternative.

ZEIT: Eine andere Möglichkeit gab es nicht?

Wengst: Nein. Und bedenken Sie: Eschenburg war von seiner Ausbildung her Historiker. Ohne Examen, nur mit Promotion. Aussichten auf andere Beschäftigungen waren damit kaum gegeben. Außerdem gehörte er nicht zu den Mutigen, zu den Helden. Und er hatte einen glänzend dotierten Job.

ZEIT: Wie glänzend?

Wengst: Bis zu 60.000 Reichsmark im Jahr. Das lag weit über einem Professorengehalt.

ZEIT: Hat ihn das korrumpiert?

Wengst: Es ist bei seinen Einkünften davon auszugehen, dass sie nicht ohne Auswirkung auf seine Haltung zum Regime geblieben sind.

ZEIT: Gibt es Hinweise, dass er sich bei "Arisierungen" persönlich bereichert hat? Der Journalist Hans-Joachim Lang ist Hinweisen nachgegangen, dass Eschenburg 1939 eine Villa in Berlin-Zehlendorf gekauft hat – von einem jüdischen Rechtsanwalt, der ins Ausland geflohen war.

Wengst: Als ich das gelesen habe, ist mir ganz komisch geworden. Weil ich mir gesagt habe: Verdammt noch mal, wenn das eine "Arisierung" war, dann ist der Mann nicht mehr zu halten. Ich habe in Berlin um Akteneinsicht gebeten. Ernst Wolff, der Besitzer, war zum Zeitpunkt des Kaufs in London. Den Verkauf hat ein Generalbevollmächtigter übernommen, ein Mann namens Georg Maier, der, wie man so sagt, ein "aufrechter Kämpfer" gegen den Nationalsozialismus war. Er hatte im KZ Oranienburg gesessen. Ein ganz integrer Mensch, der mit Wolff befreundet und mit Eschenburg gut bekannt war. Der Preis lag deutlich über dem, was damals in solchen Situationen sonst gezahlt wurde. Die Sache sieht sauber aus.

ZEIT: Wie kommt es eigentlich, dass Eschenburg nie zur Wehrmacht eingezogen wurde?

Eisfeld: Er galt als zu wichtig für das System.

ZEIT: War er ein Nazi?

Wengst: Nein.

Eisfeld: Ich habe ganz bewusst immer von konservativer Kollaboration gesprochen. Er gehörte zur konservativen Funktionselite des Reichs.

Wengst: Er ist auch nie in die Partei eingetreten. Nur der Deutschen Arbeitsfront, der größten NS-Massenorganisation, gehörte er an.

Eisfeld: Und dem Rechtswahrerbund.

ZEIT: Und der SS!

Wengst: Kurzzeitig, ja. Oder wie Herr Eisfeld sagt: vermutlich kurzzeitig, weil der Austritt nicht in seinem Stammrollenblatt verzeichnet ist. Aber das hat wohl eher mit den chaotischen Zuständen bei der SS im Jahr 1934 zu tun, in das diese Episode fällt.

Eisfeld: Zugegebenermaßen: In einem Lebenslauf, den er 1936 verfasst, erwähnt er die SS nicht. Das spricht dafür, dass er damals kein Mitglied mehr war. Jeder hätte damals wohl sonst gesagt: Und außerdem bin ich in der SS!

"Er sah sich zeitlebens als Teil der Elite"

ZEIT: Gibt es eigentlich in Eschenburgs Aufzeichnungen Hinweise, ob ihn seine Arbeit in Gewissensnöte gebracht hat?

Wengst: Nein. Er hat sich wie viele andere nach 1945 kaum zu seinem Leben im "Dritten Reich" geäußert. Hermann Lübbe hat das "kommunikatives Beschweigen" genannt.

Eisfeld: Mit seiner SS-Mitgliedschaft konfrontiert, hat er bei einer Gelegenheit geschwiegen, bei einer anderen dem betreffenden Journalisten mit Beschwerde gedroht, bei einer dritten, im Kreis seiner Schüler, offen gesprochen. Er war wie ein Chamäleon.

ZEIT: Warum ist er denn in die SS eingetreten?

Wengst: Um einem SA-Mann Paroli bieten zu können, von dem er sich bedroht fühlte. Das schreibt er zumindest in seinen Memoiren. Er hat sich offenbar überlegt: Wie kann ich mich schützen? Und dann fiel sein Blick auf die SS. Das passt zu ihm. Er wäre nie zur SA gegangen, zu dieser proletenhaften Truppe. Die SS galt als Elite. Und als Teil der Elite sah er sich zeitlebens selbst.

ZEIT: War er Antisemit?

Wengst: Nein.

Eisfeld: Das ist auch meine Auffassung. Aber er war als junger Mann Mitglied der Tübinger Burschenschaft Germania, die seit 1919 keine Juden und "Judenabkömmlinge" – diese entsetzliche Sprache! – mehr aufnahm. Zudem war er in den zwanziger Jahren für eine Weile Vorsitzender des rechtsradikalen Hochschulrings Deutscher Art. Er war dort die Diskriminierung von Juden gewohnt. Als sie im "Dritten Reich" gesteigert wiederkehrte, kannte er sie zumindest aus seiner Tübinger Zeit als eine Art fataler "Normalität".

Wengst: Eschenburg war zwar Vorsitzender des Hochschulrings Deutscher Art in Tübingen. Wie ich in meiner Biografie zeigen werde, hat er aber versucht, diese Vereinigung aus der "rechten Ecke" herauszuführen. In Berlin lebte er anschließend in einem Umfeld, in dem die Diskriminierung von Juden keineswegs alltäglich war.

ZEIT: 2011 hat die Historikerin und Politologin Hannah Bethke im Auftrag der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), die seit 2003 den Theodor-Eschenburg-Preis für Politikwissenschaft vergab, ein Gutachten erstellt. Eschenburg, lautet ihr Fazit, sei im weitesten Sinne ein Mitläufer gewesen. Sie empfahl die Umbenennung des Preises. Stimmen Sie ihrem Urteil zu?

Wengst: Mitläufer ist ein Begriff aus den Entnazifizierungsverfahren nach 1945. Ich würde ihn nicht benutzen. Und was ich schon damals irritierend fand: Wie kann es sein, dass eine Gutachterin eine Handlungsempfehlung ausspricht? Vor keinem Gericht würde so etwas durchgehen.

Eisfeld: Mein Kollege Hubertus Buchstein war damals DVPW-Vorsitzender und hat eine treffende Formulierung gefunden: Mit der Benennung eines Preises nach jemandem sei auch die Annahme verbunden, dass derjenige ein Vorbild sei. Und daran knüpfe sich die Erwartung, dass er in schwierigen Situationen so gehandelt hat, wie man sich selbst wünschen würde, gehandelt zu haben. Niemand kann sicher sein, wie er gehandelt hätte. Man kann nur hoffen, dass man das Richtige getan hätte, und man kann nach einem Maßstab suchen.

ZEIT: Der Preis wurde also zu Recht abgeschafft?

Eisfeld: Ja. Da gab es, genau besehen, keine Wahl.

Wengst: Ich finde die Entscheidung bis heute nicht richtig. Und damit stehe ich nicht allein. Es geht hier schließlich darum, die Lebensleistung des Politologen Eschenburg zu würdigen, und der ist er erst nach dem Krieg geworden.

ZEIT: In dieser Zeitung hat Eschenburg 1961 den umstrittenen Kanzleramtsminister Hans Globke verteidigt, der 1936 einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst und andere antisemitische Gesetze maßgeblich mitgestaltet hatte. In den achtziger Jahren hat er das Buch des jungen Historikers Hans-Jürgen Döscher über die Geschichte des Auswärtigen Amtes während der NS-Zeit geradezu vernichtend kritisiert.

Wengst: Das waren Ersatzschauplätze, auf denen er sich indirekt für seine unaufgearbeitete Vergangenheit rechtfertigte. In Globke oder den konservativen Eliten, die wie Ernst von Weizsäcker im Auswärtigen Amt tätig waren, erkannte er sich selbst. Das Ganze gipfelte in dem Argument gegen Döscher: Wer das Milieu nicht kennt, wer damals nicht gelebt hat, der kann nicht darüber urteilen. Ich habe das einmal in einem Aufsatz die Vetoposition des Zeitzeugen genannt.

Eisfeld: Eschenburg ist in diesen Artikeln als Politologe weit zurückgefallen hinter Analysen des NS-Systems, wie sie Ernst Fraenkel, Franz Leopold Neumann und andere schon während ihrer Exilzeit formuliert haben. Über Weizsäcker, der damals eine hohe Stellung im Auswärtigen Amt innehatte, schreibt Eschenburg, der Mann habe nichts tun können, die alleinige Verantwortung habe bei Hitler, vielleicht noch bei Himmler und Heydrich gelegen. Hier wird auch aus wissenschaftlicher Sicht die Frage der Verantwortung des Einzelnen in totalitären Institutionen vollkommen ausgeklammert.

Wengst: In vielem stimme ich zu. Aber man kann Eschenburgs Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht auf ein paar Zeitungsartikel beschränken.

Eisfeld: Er hat ja sonst nicht groß dazu geschrieben.

Wengst: Ach! Herr Eisfeld! Die Verdienste Eschenburgs, was die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte betrifft, gehen weit darüber hinaus. Er war viele Jahre neben Hans Rothfels Herausgeber der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte des Instituts für Zeitgeschichte in München. Er hat eine intensive Lehrtätigkeit in Tübingen entfaltet und der jungen Generation die deutsche Geschichte nahegebracht. Er hat dafür gesorgt, dass dort ein Seminar für Zeitgeschichte aufgebaut wurde.

Was bleibt von der prägenden Figur der Politikwissenschaft?

Eisfeld: Ich halte Eschenburg ja manches zugute in seiner Wirkung auf die frühe Bundesrepublik. Für die Phase des Übergangs vom Untertanen zum Staatsbürger war er wichtig, für diese erste Etappe, in der auf die Demokratie vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Leistungsfähigkeit geblickt wurde. Sein Staatsbild aber war weder vor noch nach 1933 unproblematisch, und auch nicht nach 1945. Er hat sich ja 1995 im ersten Band seiner Memoiren dazu bekannt, dass er an dem führerdemokratischen Modell Alfred Webers aus dem Jahr 1925 festhalte. Er halte es nach wie vor – O-Ton Eschenburg – für die "optimale Lösung des demokratischen Problems". Dieses Modell sieht keine parlamentarische Kontrolle vor. Die Führung wird in regelmäßigen Abständen gewählt, kann dann aber frei agieren.

Wengst: Weber hatte tatsächlich großen Einfluss auf ihn. Aber Eschenburg hat auch auf die Bedeutung von Parlamenten hingewiesen. Richtig ist, dass er die Demokratie immer aus der Perspektive ihrer Funktionsfähigkeit und der Regierbarkeit gesehen hat.

Eisfeld: Und genau das ist die Schwachstelle. Im Hintergrund steht bei ihm immer das alte deutsche Staatsbild von der großen autoritären Käseglocke, die sich über die Gesellschaft wölbt. Aus politologischer Sicht unterschätzt er die Manipulationsmöglichkeiten, die eine Regierung hat, die sich in Abständen zur Wahl stellt, ohne dass sie zwischenzeitlich parlamentarisch kontrolliert wird.

Wengst: Noch einmal muss ich betonen, dass Eschenburg auf die parlamentarische Kontrolle Wert gelegt hat. Auch hat er den Politikern immer wieder gesagt: Ihr müsst euch institutionengerecht und verfassungsgerecht verhalten! Klar, ihm ging es ums Funktionieren der Demokratie. Die Institutionen jedoch waren für ihn nicht um ihrer selbst willen da, sondern zur Sicherung unserer Freiheit.

ZEIT: Aber ist nicht auch sein Verhalten vor 1945 Ausdruck seines rein funktionslogischen Denkens?

Eisfeld: Ja, seine auf Effizienz und Stärke des Staates gerichtete Sichtweise hatte eine entscheidende Schwachstelle: Man konnte mit ihr einer Diktatur nichts entgegensetzen – zumindest nicht, solange diese so erfolgreich zu funktionieren schien wie der Nationalsozialismus in den ersten Jahren.

ZEIT: Die ZEIT hat Eschenburg zum Lehrer der Demokratie erhoben. Was bleibt von ihm heute als prägender Figur der Politikwissenschaft und des politischen Lebens in Deutschland?

Wengst: Eine ganze Menge! Eschenburg wollte, dass die Deutschen lernen, wie ein demokratischer Staat funktioniert. Und das hat er ihnen vor allem als Publizist beigebracht – in der ZEIT. Damit hatte er eine enorme Wirkung. Er hat, etwas zugespitzt gesagt, aus den Deutschen ein Volk von Demokraten gemacht, wenigstens in ihrer Mehrheit.

Eisfeld: Andere waren mindestens ebenso wichtig. Denken Sie an Ernst Fraenkel, der seinen Studenten nach dem Krieg beigebracht hat, dass es eben nicht nur die Staatsebene gibt, sondern dass auch Parteien und Interessenverbände legitime Organisationen des politischen Lebens sind. Eine Generation später kommt Ralf Dahrendorf. Wenn ich dessen Buch Gesellschaft und Demokratie in Deutschland mit Eschenburgs Staat und Gesellschaft in Deutschland vergleiche, dann ist Dahrendorf derjenige mit den tiefgründigeren und weiter reichenden Einsichten.

ZEIT: Eschenburg hat einmal geschrieben, man solle von den Menschen nichts Außerordentliches erwarten, sondern sich mit gutem Mittelmaß zufriedengeben. Hat er sich mit seinem Verhalten im Nationalsozialismus in seiner eigenen Mittelmäßigkeit offenbart? Ist es das, was viele so sehr kränkt und die Debatte um ihn hochkochen lässt?

Eisfeld: Ich denke, die heftigen Reaktionen auf Kritiker wie mich speisen sich aus tief sitzenden Loyalitäten. Viele, die sich seit 2011 geäußert haben, pflegen ein idealisiertes Bild ihres akademischen Lehrers und eine ebenso idealisierte Vorstellung von der moralischen Integrität ihrer Profession auch unter antidemokratischen Bedingungen.

Wengst: Dass die Debatte so heftig wurde, liegt natürlich auch an Ihnen, Herr Eisfeld. Aber unabhängig davon: Es sind ja nicht nur seine Schüler, die mit Bitterkeit reagiert und die Kontroverse in Fahrt gebracht haben. Eschenburg stand schlicht und einfach in hohem Ansehen. Schauen Sie sich die ZEIT an. Zu jedem runden Geburtstag gab es Interviews und Elogen: "Instanz über den Instanzen", "Praeceptor Germaniae" – Eschenburg war der große Mann. Und dann kommt der Angriff. Ist doch klar, dass es dann knallt.