Ich habe einen Großteil meines Berufslebens in der früheren Geheimen Hof- und Staatskanzlei am Ballhausplatz verbracht, und dabei verging kaum ein Tag, an dem ich nicht deren berühmten Kongresssaal nutzte, herzeigte, erklärte. So war es gewissermaßen alltäglich, auf den Wiener Kongress angesprochen zu werden, der dort stattgefunden hat. Leider war es aber auch eine ebensolche Selbstverständlichkeit, dass dabei das Ereignis immer nur auf dieselben zwei Vorurteile reduziert wurde, die sein Image zu prägen scheinen: Der Kongress tanzte, aber brachte nichts zuwege, und der konservative Metternich hat ja bloß eine Restauration der alten politischen Verhältnisse herbeigeführt. Einen aktuellen Bezug zur heutigen Bedeutung des Wiener Kongresses stellte kaum jemand der Gäste und Besucher her.

Man kann den Kongress ganz treffend mit dem heutigen EU-Vokabular beschreiben: Wien war wahrlich die Kulturhauptstadt Europas in diesem "Vorsitzjahr"; strategische Konzepte, staatliche, politische und wirtschaftliche Interessen wurden den Staats- und Regierungschefs in professioneller Weise nahe- und von diesen in die Verhandlungen eingebracht; dass auch die Arbeitsmethodik – physisches Zusammensitzen von vielen Personen aus verschiedenen Staaten in einer nach der Position der Teilnehmer aufsteigenden Folge von Treffen – heute in der EU noch dieselbe ist, wirft kein schlechtes Licht auf den Wiener Kongress, wohl aber auf den Arbeitsstil der heutigen Europa-Bürokratie; und dass man damals keinen großen Übersetzungsdienst bemühen und besolden musste, geht in eine ähnliche Richtung; der Gedanke der Supranationalität, der Legitimität normativer Festlegungen auf einer Ebene oberhalb der Staaten – die zuvor das Rechtsetzungsmonopol hatten – entwickelte sich vom Ballhausplatz bis ins späte 20. Jahrhundert kontinuierlich weiter; und dass die EU manche innereuropäische Grenzen (oder zumindest deren Erfahrbarkeit) mit Schengen erfolgreich beseitigt hat, um sie an anderer Stelle teilweise erfolglos und widersinnig neu zu schaffen, hat sie auch mit dem Kongress gemein. Das Ganze kostete übrigens ungefähr so viel wie heute eine Ratspräsidentschaft der EU, dauerte ähnlich lange, arbeitete in demselben Format und wurde, so wie heute, auch von Steuerzahlern widerspruchslos bezahlt, denen nicht recht klar wurde, wie ihnen geschah.

Also, alles zumindest auf der Ebene der Erscheinungen und des unmittelbar Wahrnehmbaren ziemlich aktuell. Und es ist wohl auch ganz sinnvoll, sich dabei zu vergegenwärtigen, dass sich die Menschheit in den letzten 200 Jahren doch nicht so toll weiterentwickelt hat, wie manche meinen.

Es macht aber auch Sinn, tiefer unter die Oberfläche zu gehen, einige Grundprinzipien des Wiener Kongresses aus der heutigen europäischen Perspektive zu betrachten und sich dabei zu fragen, ob und, wenn ja, welche Wirkungen und Bedeutung sie für das aktuelle politische Europa haben.

Eine gemeinsame Überzeugung stand wohl am Beginn des Ganzen – es schien möglich, eine fundamentale Krise als Chance zu begreifen. Die Kriege mit ihren Folgen und die weitgehende innere wie externe Destabilisierung der europäischen Staaten ermöglichten es, gemeinsame Initiativen zu setzen, die vordem und ohne jenen gewaltigen Einschnitt in Wirtschaft, Staatengefüge und Gesellschaft kaum möglich gewesen wären – eine stabile umfassende Neuordnung des ganzen Kontinents. Der Kongress bewies weiters: Kooperatives Handeln ist in Europa möglich. Nicht nur die einzelnen Staaten konnten Träger politischer Entscheidungen sein, es gab über deren Wirkungsbereich hinaus noch weitere Möglichkeiten, die zuvor kaum erkannt und so gut wie nie genutzt worden waren. Es zeigte sich sodann: Diplomatie und Recht können durchaus auch das bewirken, was bislang zumeist nur durch den Einsatz von Armeen zustande gekommen war. Es konnten die Eroberungen des revolutionären napoleonischen Frankreich rückgängig gemacht werden, ohne dass man dies auf einem Schlachtfeld erzwingen musste. Man konnte sich und anderen eine neue Ordnung geben und dabei militärische Gewalt vermeiden. Das bewies, dass es künftig vielleicht sogar möglich sein könnte, Konflikte diplomatisch zu lösen, ja sogar, ihnen auf diese Weise vorzubeugen.

Dies war eine neue politische Qualität – das Instrument war eine neue Kategorie von Normen, nämlich supranationales Recht, das von Staaten gemeinsam gesetzt wurde, danach aber für sie verbindliche Wirkung auch dort entfaltete, wo sie nicht ausdrücklich zustimmten. Dies galt sowohl für Gesamteuropa als auch – mit noch dichteren Regelungen – für Teile des Kontinents, wie etwa die sich im Deutschen Bund zusammenschließenden Kleinstaaten. Eine variable Geometrie der europäischen politischen Organisation also – ein sehr modernes Bild. Neues Völkerrecht entstand, zum ersten Mal als kompaktes, detailliertes Regelwerk auf dieser Normierungsebene. Es legte nicht nur Staaten, deren Grenzen und deren gegenseitige Anerkennung fest, sondern auch Regeln für den Alltag des Zusammenlebens auf diesem engen und politisch so reich gegliederten Kontinent: die Statuierung der Freiheit der internationalen Flussschifffahrt und die juristisch verbindliche Regelung des Gesandtschaftsrechts mögen hier als Belege dienen. Und – was keiner meiner Besucher des Kongresssaals lobend erwähnte – der Wiener Kongress hatte auch einen wichtigen Einfluss auf die Entstehung und Festlegung von allgemeingültigen Grundrechten in Europa: Die Ächtung der Sklaverei im Artikel 118 der Kongressakte ist der Beleg dafür.