Der Terror des "Islamischen Staates" (IS), die Massaker des syrischen Regimes, das Flüchtlingselend – die Schreckensnachrichten aus dem Nahen Osten reißen nicht ab. All diese furchtbaren Ereignisse haben vergessen lassen, dass die Verhandlungen über das iranische Nuklearprogramm kurz vor der entscheidenden Runde stehen. Ein erfolgreicher Abschluss könnte nicht nur Auswirkungen auf andere Konflikte in der Region haben. Geschickt genutzt könnte eine Lösung des Nuklearkonflikts einen Wendepunkt in der Abwärtsspirale des Nahen Ostens markieren.

Vor einem Jahr hatten sich die Staaten des "E3+3" (Frankreich, Großbritannien, Deutschland sowie USA, Russland und China) mit dem Iran in Genf auf einen ersten Schritt zur Lösung des Atomstreits geeinigt. Im Kern geht es um die Frage, wie die internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Zukunft kontrollieren und sicherstellen kann, dass das iranische Nuklearprogramm nur friedlichen Zwecken dient.

Nicht nur der Westen, auch China und Russland sowie die Länder der Region sind besorgt, dass der Iran Atomwaffen haben möchte. Damit besteht die Gefahr eines atomaren Rüstungswettlaufs im Nahen Osten. Denn Saudi-Arabien, Ägypten, vielleicht auch die Türkei könnten versucht sein, gleichzuziehen. Israel könnte sich zu Präventivmaßnahmen veranlasst sehen. Die Konflikte im Nahen Osten, atomar hochgerüstet – ein wahrhaft apokalyptisches Szenario.

Die Chancen für einen Durchbruch in der nächsten Verhandlungsrunde stehen nicht schlecht, denn die Sanktionen gegen den iranischen Finanz- und Energiesektor hinterlassen inzwischen deutliche Spuren. Für ihre Aufhebung scheint der Iran bereit, eine Beschränkung seiner Urananreicherung, die Umwandlung des Schwerwasserreaktors Arak in einen Leichtwasserreaktor und vor allem die Ratifizierung des Zusatzprotokolls zum Nichtverbreitungsvertrag zu akzeptieren. Letzteres würde der IAEO das Recht geben, die iranischen Nuklearanlagen jederzeit und unangemeldet zu kontrollieren.

Transparenz und ständige Überprüfung aller iranischen Nuklearaktivitäten – bei diesem Verhandlungsergebnis könnte die Welt von der Friedlichkeit des iranischen Nuklearprogramms ausgehen. Das Risiko eines atomaren Rüstungswettlaufs in der Region wäre deutlich geringer als heute.

Eine Lösung des Atomkonflikts würde neue Möglichkeiten für die Politik in der Region eröffnen, etwa im Kampf gegen den IS. Die Terrororganisation hat durch ihr Vorgehen nicht nur den Irak und Syrien infrage gestellt. IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi erhebt einen Herrschaftsanspruch für die ganze Region, den er mit dem selbst verliehenen Titel "Kalif" auch religiös-ideologisch zu untermauern sucht. IS ist damit eine Bedrohung auch für Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und die Türkei. Bisher scheiterte ein abgestimmtes, gemeinsames Vorgehen dieser Staaten an den Konflikten untereinander. Vor allem die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran stand dagegen.

Nicht zuletzt wegen des ungelösten Atomkonflikts haben die USA bisher versucht, den Iran zu isolieren. Dies könnte sich jetzt ändern. Die USA könnten darauf hinarbeiten, die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran zu vermindern und das Land im Einvernehmen mit Saudi-Arabien in den Kampf gegen den IS einzubeziehen.

Dabei geht es nicht nur um militärische Maßnahmen. Im Irak stützt sich der IS auch auf sunnitische Stämme, die sich von der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad schlecht behandelt und vernachlässigt fühlen. Die Terrormiliz wird aber nur besiegt werden können, wenn sich diese Stämme wieder von ihr abwenden. Auf die irakische Regierung hat Teheran großen Einfluss. Diesen müsste es nutzen, um Premierminister Haider al-Abadi davon zu überzeugen, die sunnitische Minderheit angemessen am irakischen Staat zu beteiligen.