DIE ZEIT: Herr Ucar, die ersten Avicenna-Stipendiaten sind jetzt ausgewählt. Warum braucht es in Deutschland ein muslimisches Begabtenförderwerk?

Bülent Ucar: Es gibt hierzulande ein Dutzend vom Bundesbildungsministerium anerkannte und unterstützte Förderwerke, darunter ein katholisches, ein evangelisches, ein jüdisches, dann ist es doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass es auch ein muslimisches gibt. Es leben über vier Millionen Muslime in Deutschland. Die eigentliche Frage ist, warum es das jahrzehntelang nicht gegeben hat.

ZEIT: Und was ist Ihre Antwort darauf?

Ucar: Das hat viele Gründe. Einer davon ist, dass es in der Vergangenheit niemanden gab, der die Mehrheit der muslimischen Community in Deutschland in ihrer Vielfalt hinter sich gehabt hätte. Das ist uns jetzt gelungen. Es ist aber nicht leicht, die verschiedenen Strömungen und islamischen Institutionen und die Wissenschaftler aus diversen Bereichen zusammenzubringen. Die größte Hürde war, die Muslime zu vereinen. Ein weiterer Grund: Bei Migranten wird oft alles auf ihr "Muslimsein" reduziert. Das negative Islambild verstellte den Blick auf eine Begabtenförderung. Das Avicenna Studienwerk kann jetzt einen wichtigen Beitrag leisten, um zu zeigen, dass deutsche Muslime wichtige Leistungsträger dieser Gesellschaft sind.

ZEIT: Der Namensgeber Avicenna war ein berühmter muslimischer Universalgelehrter, der im 11. Jahrhundert lebte, in der islamischen Welt ist er unter dem Namen Ibn Sina bekannt. Warum haben Sie sich für die latinisierte Form entschieden?

Ucar: Avicenna ist schlicht der geläufigere Name, der sich leichter schreiben und aussprechen lässt, vielleicht können sich die Bürger hier auch einfacher damit identifizieren. Außerdem ist dieser Name etabliert in der abendländischen Wissenschaftstradition. Entscheidend ist, dass Avicenna ein Symbol für wissenschaftliche Exzellenz sowie gesellschaftliche Verantwortung ist und als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident gilt. Wissenschaft kennt keine religiösen oder ethnischen Grenzen.

ZEIT: Wie viele Bewerbungen haben Sie erhalten?

Ucar: Knapp 600 – aus fast allen Disziplinen, von angehenden Ingenieuren, Pädagogen, Ärzten, Juristen und natürlich auch Theologen. 65 haben wir ausgewählt. Die Stipendiaten sollen die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland abbilden, was ethnische Herkunft, Geschlecht und konfessionelle Bindung angeht. Bei der Geschlechterverteilung haben wir eine Schwachstelle, zwei Drittel unserer Stipendiaten sind Frauen.

ZEIT: Warum Schwachstelle, das ist doch gut, wenn mehr Frauen gefördert werden.

Ucar: Absolut. Ich freue mich über den hohen Frauenanteil, aber die Bildungsdefizite von Männern sind deutlich höher als die von Frauen. Das weist auf eine Misere im Bildungssystem hin.

ZEIT: Werden die Stipendiaten nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel ausgewählt, so viele Sunniten, so viele Schiiten?

Ucar: Nein, wir haben keinen Schlüssel und sagen nicht, da kommen jetzt zwanzig Türkischstämmige rein, zehn Konvertiten, zehn Norddeutsche. In diesen engmaschigen Schablonen denken wir nicht, versuchen aber zugleich das gesamte Spektrum abzubilden, ausschlaggebende Kriterien sind jedoch andere.

ZEIT: Welche?

Ucar: Wir erwarten von unseren Stipendiaten hervorragende Leistungen und ein großes gesellschaftliches Engagement. Sie sollen sich für die Gesellschaft und das Gemeinwohl einsetzen. Wir wollen keine kalten Karrieristen fördern. Und ein gewisses religiöses Profil sollten die Interessenten mitbringen. Niemand wird nach seiner religiösen Praxis gefragt, aber wir erwarten schon, dass sie sich als Muslime begreifen.