Mit ernster Miene und drei Piercings im Gesicht blickt Jan Brand von seinem Profilfoto. "Heuere mich!", fordert eine Schaltfläche unter seinem Bild, die deutsche Übersetzung des englischen "Hire me". Ein paar Klicks – und Jan Brand ist als Programmierer engagiert. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man ihn im Internet buchen. Freelancer.com heißt das digitale Jobportal, in dem der Webentwickler aus Dresden seine Arbeitskraft anbietet. Auf seinen Profilseiten hat der 26-Jährige alle Programmiersprachen und IT-Kenntnisse durchbuchstabiert, die er beherrscht: PHP, CMS, SEO. "Pünktlich geliefert", "super Arbeit", "sehr schnell und zuverlässig" – so lauten die Bewertungen ehemaliger Auftraggeber. Die meisten von ihnen sind mittelständische Unternehmen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

Jan Brand ist Teil eines internationalen Heeres digitaler Arbeitsnomaden, das sich im Internet von Auftrag zu Auftrag hangeln. Freie Zuarbeit gibt es schon länger, Plattformen wie Freelancer.com verleihen ihr jedoch eine ganz neue Dimension. Nie war es für Unternehmen so einfach, Unterstützung für Projekte zu finden – und nie war es für Selbstständige so einfach, ihr Können anzubieten, wie heute. Im globalen Netz spielen nicht nur Ländergrenzen keine Rolle mehr, hier ist für jeden etwas zu holen, für die gut ausgebildeten Fachkräfte ebenso wie für ungelernte Helfer.

Crowdsourcing heißt dieses Beschäftigungsmodell, das den Arbeitsmarkt zurzeit kräftig durcheinanderwirbelt – und große Fragen stellt: Wird sich dieser unüberschaubare Markt jemals lenken lassen? Oder ist die gnadenlose Konkurrenz zwischen den flexibelsten und billigsten Arbeitskräften alternativlos?

Den Ausdruck Crowdsourcing prägte 2006 der US-amerikanische Journalist Jeff Howe im Wired- Magazin, indem er die Begriffe crowd und outsourcing zusammenbrachte. Aufgaben werden nicht mehr an einen Einzelnen, sondern an eine Menschenmenge ausgelagert. Branchengrenzen gibt es dabei keine. Jede Arbeit, die am Computer erledigt werden kann, ob Testen von Software, Rechtsberatung oder Ghostwriting, kommt dafür infrage.

Der Vorteil für Unternehmen: Sie können sich weltweit die talentiertesten und preisgünstigsten "Cloudworker" aussuchen. Schon jetzt tummeln sich auf den Portalen unzählige von ihnen. 13 Millionen Menschen sind bei Freelancer.com, einem Portal aus Australien, registriert. Beim deutschen Ableger von Elance-oDesk haben mittlerweile 40.000 Freelancer und 32.000 Unternehmen ein Profil angelegt. Allein im zweiten Quartal dieses Jahres leisteten die deutschen Freelancer auf Elance-oDesk insgesamt 45.000 Stunden Arbeit ab, 60 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Markt der Internetarbeit wächst unaufhörlich.

Vor allem kleinere Firmen und Start-ups setzen auf die spontane Intelligenz aus dem Internet. Gerade in Gründungsphasen, wenn die Ressourcen knapp sind, gleichzeitig aber Logos entworfen oder Verträge aufgesetzt werden müssen, sind die Internetarbeiter eine gute Alternative zu dauerhaften Festanstellungen.

Das Portal Elance-oDesk sieht aber auch Mittelständler als Zielgruppe, die in ihrem Einzugsgebiet oft nicht ausreichend qualifizierte Fachexperten finden. "Wir wollen nicht mit den lokalen Arbeitsmärkten konkurrieren", sagt der Deutschlandchef des Portals Nicolas Dittberner. "Aber wir ergänzen sie."

Großkonzerne folgen dem Trend aus Imagegründen zögerlicher. Als der IT-Konzern IBM 2012 ankündigte, Tausende Stellen in Deutschland zu streichen und vermehrt Projekte an externe Arbeiter auszulagern, war die öffentliche Empörung so groß, dass IBM von der Idee wieder Abstand nahm. Nachahmer im großen Stil gibt es bisher keine. Doch im Kleinen passiert längst, was sich die Großen noch nicht trauen.

Die einfache Verfügbarkeit von Kräften im Internet koste Arbeitsplätze, heißt es bei Gewerkschaften wie ver.di, die vor einer "Kannibalisierung von Arbeitsbedingungen" warnen. Tarifrechtlich geschützte Angestellte würden durch Freie aus dem Netz ersetzt, die dieselbe Arbeit zu schlechteren Konditionen übernähmen. Auch der deutsche Gewerkschaftsbund meldete sich Ende Oktober zu Wort: "Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie hier eine moderne Art Sklaverei entsteht", verkündete der neue DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann im Anschluss an den IT-Gipfel in Hamburg.

Die digitalen Jobnomaden, so die Befürchtung der Gewerkschaften, seien einem enormen internationalen Konkurrenzdruck unterworfen, da bei vielen Tätigkeiten die Sprache keine Rolle spiele. Der billigere Programmierer aus Spanien, der günstigere Designer aus Indien seien stets nur ein paar Klicks entfernt. Das könne auch die Preise in Deutschland in Grund und Boden drücken. In einem ver.di-Spot im Internet erzählt das Strichmännchen "Klaus der Cloudworker" vom Horror seines Arbeitsalltags im Jahr 2020: Ohne soziale Kontakte muss Klaus Tag und Nacht am Computer sitzen, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Die ganze Welt besteht für ihn aus Rivalen. Feste Anstellungen gibt es kaum mehr, weil die zu teuer für die Unternehmen geworden sind.

Keinen Kündigungsschutz, keinen Urlaubsanspruch

Derart prekär ist die Situation für Jan Brand noch nicht. 30 bis 40 Euro verdient er in der Stunde als Webentwickler und Designer. Damit liegt er sogar über dem Durchschnitt des Portals Elance-oDesk, der in Deutschland 27 Euro beträgt. Beliebig herunterhandeln lässt er sich nicht: "Sonst werden meine Auftraggeber skeptisch. Für gute Qualität ist man hierzulande auch bereit zu zahlen." Die Konkurrenz aus Billigländern umgeht Jan Brand, indem er sich nur auf deutschsprachige Ausschreibungen bewirbt. Zwar suchten ein paar deutsche Unternehmen auch weltweit nach Programmierern. Die Erfahrung zeige jedoch, dass diese beim nächsten Mal häufig wieder auf einen deutschen Freelancer zurückgreifen würden, weil die Qualität nicht gestimmt habe.

In seiner Dresdner Altbauwohnung tippt Brand konzentriert Quellcodes in seinen Computer. Für Onlineshops programmiert er derzeit benutzerfreundliche Suchmasken. Brand ist zufrieden mit seiner Karriere in der Crowd. Er hat mehr Aufträge, als er überhaupt bearbeiten kann.

Für sein Dasein als Freelancer hat er sich bewusst entschieden. Viele Cloudworker würden ohne Mühe einen festen Job finden. In der IT-Branche sind in Deutschland derzeit etwa 37.000 Stellen unbesetzt. "Zwar hat in den letzten Jahren die Zahl der Selbstständigen zugenommen, ebenso aber auch die Zahl der festen Stellen", sagt Tobias Arns vom Branchenverband Bitkom. Das Stundenabsitzen in einem Büro ist nur schlicht nicht für jeden erfüllend, das haben Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit schon 2006 dargelegt. Crowdsourcing ist das ersehnte Mittel zum Zweck für die von ihnen beschriebene digitale Boheme, die in der Selbstständigkeit nach Selbstverwirklichung strebt.

Allerdings sitzt nicht jeder Selbstständige in Verhandlungen mit Kunden am längeren Hebel wie der IT-Spezialist Jan Brand. Aufgrund der schieren Masse der Anbieter ist der Wettbewerb im Netz tatsächlich höher als außerhalb. In den USA versuchen Cloudworker jetzt, einen Mindestlohn einzuklagen. Denn auf Designplattformen wie 99designs.de kommt es häufig schon vor der Auftragsvergabe zu einem unbezahlten Wettbewerb der Ideen. Freelancer entwickeln dann bereits aufgrund von Ausschreibungen Entwürfe von Logos oder Designideen und stellen diese ins Netz, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Am Ende darf sich aber meist nur ein einziger über einen neuen Kunden freuen, der ihn auch bezahlt.

Beim externen Crowdsourcing fänden die üblichen deutschen Arbeitnehmerschutzrechte keine Anwendung, sagt Nadine Müller von der Gewerkschaft ver.di: "Es gibt oft keinen Kündigungsschutz, keinen Urlaubsanspruch, keine innerbetrieblichen Weiterbildungsmöglichkeiten. Im Krankheitsfall und im Alter sind die Cloudworker schlecht abgesichert." Müller fordert neben einem gerechten Lohn auch eine Anpassung des Sozialversicherungssystems, angelehnt an das Modell der Künstlersozialkasse. Weder das deutsche Arbeits- noch das Sozialversicherungsrecht sind auf die globale, digitale Arbeitswelt eingerichtet; Gerichte und Behörden müssen auf alte Werkzeuge zurückgreifen, wenn sie es mit dem neuen Phänomen zu tun haben. Auf den globalen Plattformen kreuzen sich außerdem häufig deutsches und internationales Recht. Bevor sich Programmierer oder Designer an die Arbeit machen, sollten sie jedenfalls gründlich die AGB der jeweiligen Plattform studieren. Hat ein Crowdsourcing-Portal seinen Sitz in Deutschland, können Freelancer auf ihren Rechten beharren, wenn Klauseln rechtswidrig sind. Bei Plattformen im Ausland ist das schwieriger.

Besonders beim Urheberrecht gibt es Konflikte. Computerprogramme, Texte oder Logos, die von Cloudworkern erstellt werden, sind urheberrechtlich geschützt; der Auftraggeber erhält die Nutzungsrechte erst beim Kauf des jeweiligen Produkts. Wie aber können Online-Freelancer sicherstellen, dass niemand ihre Ideen klaut, sobald sie einen Entwurf hochladen? Die Portale sehen sich meist nur als Vermittler und wollen in ihren Geschäftsbedingungen nicht für Gesetzesübertretungen haften. Wie weit auch immer sie am Ende gehen: Die neue technische Entwicklung verlangt nach neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Und nicht nur Spezialisten wie Brand tummeln sich im Netz. Auch Niedriglöhner und (Frei-)Zeitarbeiter suchen Jobs im Internet. Sie beherrschen keine Programmiersprachen, sie können auch keine komplizierten Texte in Fremdsprachen übersetzen oder Rechtsberatung leisten. Aber sie können anspruchslose Miniaufgaben für Unternehmen am Computer oder Smartphone erledigen: nach Schlagworten für Fotos suchen zum Beispiel, Öffnungszeiten recherchieren, kleine Produktbeschreibungen verfassen.

Diese sogenannten HITs (Human Intelligence Tasks) können nicht von Maschinen erledigt werden. Sie erfordern menschliche Intelligenz, allerdings keine besondere Qualifizierung. Im Gegensatz zur digitalen Boheme spricht man bei den Anbietern solcher Dienste daher vom neuen "digitalen Proletariat".

Auch für dieses gibt es Plattformen wie etwa das Jobportal Mechanical Turk, gegründet 2005 vom Onlineversandhändler Amazon. Das Wortspiel erinnert an den "Schachtürken" – einen vermeintlichen Schachroboter aus dem 18. Jahrhundert, in dem sich ein Mensch versteckte, um ihn zu bedienen. Menschliche Intelligenz wird auf dem Onlinemarktplatz zu einer anonymen, vor allem preisgünstigen Ressource. In den USA werden manche "Turks" mit weniger als einem Dollar pro Stunde entlohnt; Experten berechneten einen mittleren Stundenlohn von zwei bis drei Dollar. Was für Deutsche und Amerikaner ein Hungerlohn ist, empfinden Arbeiter in Schwellen- und Entwicklungsländern als gutes Geld. In den vergangenen Jahren sind deshalb immer mehr Menschen aus Indien auf der Plattform unterwegs. Für sie ist Mechanical Turk keine Beschäftigungstherapie für langweilige Stunden, sondern die Haupteinnahmequelle. Digitale Sweatshops – so nennen Kritiker diese Geschäftsidee und ziehen damit eine Parallele zu Ausbeutungsbetrieben in Niedriglohnländern.

Beim deutschen Start-up WorkHub wehrt man sich gegen solche Vergleiche. Zwar setzt WorkHub auch auf Mikrojobber – aber eher auf deutsche Freizeitarbeiter, die etwa beim Warten auf den Bus kurze Miniaufgaben auf dem Smartphone lösen wollen. Wer fleißig ist, kann so etwa fünfzehn Cent pro Minute verdienen – hochgerechnet neun Euro pro Stunde. Seinen Lebensunterhalt wird hierzulande kaum einer auf diese Weise bestreiten können. Für deutsche Studenten, Angestellte oder Rentner, die sich unkompliziert ein wenig Taschengeld dazuverdienen möchten, sind einige Applikationen aber durchaus interessant.

Das Münchner Start-up Testbirds verspricht seinen Crowdmitarbeitern sogar zehn Euro oder mehr. Die Crowdtesting-Plattform hat sich auf das Testen von Unternehmenssoftware spezialisiert – mithilfe des digitalen Schwarms. Rund 50.000 private User sind mittlerweile registriert. Sie prüfen die Webauftritte und Applikationen der Süddeutschen Zeitung oder der Deutschen Bahn auf ihre Benutzerfreundlichkeit oder mögliche Programmierfehler. Besondere Kenntnisse braucht man keine, bewerben kann sich jeder. Der Vorteil des Crowdtestings: Durch die große Bandbreite der privaten User und ihrer Endgeräte steigt die Qualität des Tests. Feste Jobs von Softwaretestern würden dadurch aber nicht zerstört. "Wir sehen uns als Ergänzung", erklärt Markus Steinhauser, einer der Gründer der Testbirds.

Ob Mikrojobbing in der Cloud massenhaft feste Arbeitsplätze vernichtet, wie die Gewerkschaften befürchten, ist bisher schwer zu belegen. Klar ist aber, dass es nicht nur Stellen vernichtet, sondern auch neue Positionen innerhalb der Unternehmen schafft, etwa die des Crowdmanagers oder des Qualitätskontrolleurs.

Langsam lernen die Arbeitnehmer im Internet auch, mit der Macht umzugehen, die ihnen das Medium verleihen kann: Mit der kostenlosen Anwendung Turkopticon können Crowdworker ihre Auftraggeber bewerten und andere digitale Zeitarbeiter vor unfairen Unternehmern auf Mechanical Turk warnen. Wird gut bezahlt? Werden Arbeitsergebnisse unbegründet abgelehnt? Wo Gesetze versagen, können solche Bewertungssysteme in Zukunft mehr Transparenz und Fairness schaffen.

Jan Brand denkt inzwischen über einen weiteren Mitarbeiter nach. Bei der Masse an Aufträgen, die er derzeit bekommt, könnte er Entlastung gut gebrauchen. Und wer weiß, vielleicht hat er irgendwann sein eigenes Crowdsourcing-Unternehmen, in dem er mit fest angestellten IT-Experten für Auftraggeber aus dem Netz programmiert.