Mit seinem Zuckerwattebart und den Hosenträgern überm Kugelbauch könnte George Raymond Richard Martin ebenso gut als Zwerg im Herrn der Ringe auftreten. Doch so kauzig er auch aussehen mag, er zählt zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Seine Fantasy-Saga Das Lied von Eis und Feuer wurde in 40 Sprachen übersetzt und allein in Deutschland mehr als 3,6 Millionen Mal verkauft. Immer mehr Fans benennen ihre Kinder nach seinen Figuren, nach dem tapferen Mädchen Arya, der stolzen Drachenmutter Khaleesi oder dem scharfzüngigen Zwerg Tyrion. 2011 kam unter dem Titel Game of Thrones die erste Staffel der Fernsehfassung heraus, die Drehorte in Nordirland und Kroatien haben sich mittlerweile in Pilgerstätten verwandelt. Derzeit wird die fünfte Staffel gedreht, im kommenden Frühjahr wird sie gesendet. Schon kursieren im Internet wilde Spekulationen über den Fortgang der Geschichte. Wie konnte das "Spiel um den Thron" so populär werden?

In Martins mittelalterlich anmutender Fantasiewelt Westeros buhlen verschiedene Königsgeschlechter um die Vormacht. Die Kämpfe beschränken sich nicht aufs Schlachtfeld, sondern setzen sich in den Erotikszenen der Serie fort. Wer über das Bordell gebietet, hält die adligen Freier in Schach, wer sich leicht bekleidet ins Schlafzimmer des Kronprinzen schleicht, trägt vielleicht schon bald eine Königinnenkrone.

Während sich reale Politiker heute in undeutlicher Höflichkeit üben und Adlige nur mehr in Klatschmagazinen eine entscheidende Rolle spielen, dürsten Leser und Fernsehzuschauer offenbar nach alternativen Austragungsorten fürs Wettspiel ums große Ganze. Game of Thrones scheint die Antwort darauf zu sein. Die Serie lässt sich als Sinnbild für den alltäglichen Existenzkampf begreifen: Wie erobert der körperlich Unterlegene seinen Platz in der Gesellschaft? Wie behauptet sich das blonde Mädchen in einer von Männern dominierten Welt? Liebe oder Karriere? Martins Anhänger haben offenbar kein Interesse mehr daran, sich diese Fragen von Lifecoaches oder Talkshow-Gästen beantworten zu lassen, sondern suchen Lösungen eher auf verschlüsselten Pfaden im archaisch anmutenden Heldenepos.

J. R. R. Tolkien, als dessen Nachfolger Martin gilt, schrieb seine Trilogie Herr der Ringe in Reaktion auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg: Seine Helden wussten, anders als die Zeitgenossen des Schriftstellers, wofür sie kämpften, für den Sieg des Guten über das Böse. Diesem Triumph hat sich das Fantasy-Genre seither verschrieben, von C. S. Lewis bis J. K. Rowling. Bei Martin jedoch muss im Laufe der Handlung eine Reihe von lieb gewonnenen Helden ihr Leben lassen. Auf dem Eisernen Thron nimmt nicht zwangsläufig der moralisch Erhabene Platz.

Vielleicht beruht der Massenerfolg von Game of Thrones auch darauf, dass Martin, mit Anklängen an Shakespeares Königsdramen, das Nibelungenlied und die historischen Rosenkriege, dem Leser die dunkle Seite der eigenen Existenz vor Augen hält. Der Reiz seines Werks besteht in dem, was man im Englischen gritty realism nennt, wobei gritty für "düster" steht, aber auch für "mutig". Dieses zweifelhafte Heldentum birgt Identifikationspotenzial für ein Publikum, das der Schwarz-Weiß-Malerei überdrüssig geworden ist. Die meisten der ambivalenten Figuren handeln im Rahmen der eigenen Weltanschauung ethisch nachvollziehbar, sodass sich der Leser auch dabei ertappen kann, mit dem Tyrannen zu sympathisieren, der gerade noch herzlos seine Kinder gedemütigt hat – oder Schlimmeres.

Die Königreiche von Westeros muten zwar mittelalterlich an, doch Martins Universum basiert auf einer Idee des Internetzeitalters: "Die Welt ist ein großes Netz", heißt es im Roman, "und kein Mann darf es wagen, an einem Strang zu ziehen, ohne die anderen zum Zittern zu bringen." Die Geschichte wird aus den Perspektiven wechselnder Protagonisten erzählt – das entspricht dem Prinzip der Social-Media-Gesellschaft, jede Stimme wichtig zu nehmen.

Zwei Romanbände fehlen noch bis zur Vollendung der Saga. Für den letzten Band hat sich der Autor vier Jahre Zeit gelassen, seitdem sind bereits wieder drei Jahre vergangen. In Internetforen sorgen sich Anhänger, der 66-Jährige könnte sterben, ohne das komplexe Handlungsgeflecht aufzulösen. Nichts befördert den Hype mehr als die Angst vorm offenen Ende.