Am 11. März 2009 richtete Tim Kretschmer im schwäbischen Winnenden 15 Menschen und dann sich selbst hin. Am 22. Juli 2011 erschoss Anders Breivík auf der Insel Utøya 69 Menschen. Am 20. Juli 2012 tötete James Eagan Holmes in der Nähe von Denver, Colorado zwölf Kinobesucher.

Wer das Wort Amoklauf hört, hat diese Taten vor Augen.

Am Morgen des 17. Oktober 2014 lässt Oliver Schumacher, der Kommunikationschef der Deutschen Bahn (DB), eine Pressemitteilung verbreiten mit der Überschrift: DB: "GDL läuft Amok."

Gemeint war die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), die kurz davor zu einem 50-stündigen Streik aufgerufen hatte. Nur wegen "Machtgelüsten" würden Millionen Menschen die Ferien verdorben, heißt es, und dabei gehe es nicht um die Interessen von Lokomotivführern, sondern "um Allmachtsfantasien eines Funktionärs".

Wer nach den Gründen sucht, warum GDL-Chef Claus Weselsky in manchen Medien zum Freiwild wurde, findet am 17. Oktober eine erste Erklärung.

Um 17.55 Uhr veröffentlicht Carsten Fiedler, Chefredakteur des Kölner Express, einen Kommentar über Weselsky, und ein Wort macht Karriere. Fiedler kam zu dem Schluss: "Die Bahn hat recht: Die GDL läuft Amok."

Drei Wochen später steht Fiedler zu seiner Wortwahl: "Das ist ein Kommentar aus dem Express , und im Express geht es stark um Emotionen. Amok ist hier auch nicht im wörtlichen Sinn gemeint, ich wollte damit nicht die Lokführer mit Amokläufern vergleichen, die in Schulen um sich schießen. Ich habe das Wort im übergeordneten Sinn verwendet, um auszudrücken, dass die GDL vollkommen aus der Spur geraten ist."

Um 20.22 Uhr veröffentlicht bild.de einen Artikel mit der Dachzeile Lokführer laufen Amok. "Dürfen DIE uns einfach das Wochenende versauen?", fragen die Autoren Fritz Esser und Anne Merholz. Am nächsten Morgen legt Bild nach und verpasst Weselsky den Spitznamen "Chaos-Claus".

Die Jagd der Medien auf Claus Weselsky ist nun eröffnet, und weil der GDL-Chef nicht einen Millimeter von seiner Position abrückt, werden die Angriffe direkter. Als die Gewerkschaft den nächsten Streik ankündigt, veröffentlichen bild.de und die Springerblätter Bild und B.Z. am 5. November die Telefonnummer seines Büros in der Frankfurter GDL-Zentrale (siehe Interview links).

Eine Sprecherin des Verlags Axel Springer verteidigt das: "Die Redaktion von bild.de hat sich entschieden, die Telefonnummer zu veröffentlichen, damit die Leser ihre Meinung über den Streik der GDL kundtun können. Dies geht aus dem Artikel auch klar hervor. Die Nummer findet sich im Übrigen auch auf der Internetseite der GDL." Nur hat die weniger Leser als Bild.

Was danach kam, traf nicht Weselsky selbst, sondern dessen Sekretärin. Gegen 7.15 Uhr betrat sie am Morgen, als der Bild- Artikel erschienen war, das GDL-Büro und wunderte sich, dass das Telefon bereits klingelte. Es hörte gar nicht mehr auf. Erst die elfte Anruferin erzählte der Sekretärin, dass die Nummer an diesem Morgen auf Seite 1 der Bild- Zeitung gestanden habe. "Da war mir alles klar", sagt Weselskys Sekretärin. Nach draußen telefonieren ging nicht mehr, weil die Leitung durchgehend belegt war. Tags darauf kam die Dienstanweisung der GDL-Führung: Das Telefon wird umgeleitet – zum Büro von Bahnchef Rüdiger Grube.

Am selben Tag veröffentlicht Focus Online das Foto eines Mehrfamilienhauses und titelt: Weselskys Altbau-Fassade: So versteckt lebt Deutschlands oberster Streikführer. In dem dazugehörigen Artikel werden Weselskys Haus und Klingelschild beschrieben, hier sei sein "geheimer Rückzugsort". Weselsky "muss sich fühlen wie ein vorverurteilter Verdächtigter", schreiben die Autoren. Aber macht der Artikel nicht genau das: den Gewerkschafter durch den Hausbesuch als verdächtig darstellen?

Markus Voss, zuständiger Ressortleiter bei Focus Online, sagt: "Claus Weselsky ist dafür verantwortlich, dass Millionen Deutsche in den vergangenen Tagen nicht oder nur unter großen Umständen von A nach B gekommen sind. Daher gibt es ein gesteigertes Interesse an seiner Person, und dem werden wir mit unserer Berichterstattung gerecht." Die Grenze zum Schutz der Persönlichkeit sieht er nicht überschritten: "Wir beschränken uns auf eine allgemeine Beschreibung des Gebäudes und der Straße. Im Text wird weder der genaue Wohnsitz gezeigt noch die Adresse genannt. Anhand der Fassade ist das Haus nicht identifizierbar – es gibt Hunderte Häuser in Leipzig, die ähnlich aussehen."

Das Foto allerdings zeigt nicht nur die Eingangstür mit Hausnummer, im Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass sich das Wohnhaus wenige Hundert Meter vom Leipziger Hauptbahnhof befinde.

Der Frankfurter Kommunikationsberater Dirk Metz spricht von "einer schlimmen Grenzüberschreitung". In der Vergangenheit, so Metz, habe es solche Angriffe meistens nur auf Politiker gegeben. Für Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch war Metz Regierungssprecher. "Politiker fühlen sich in solchen Momenten wie Freiwild. Nun gibt es einen Trend, dass auch bei Wirtschaftsführern oder im Falle von Herrn Weselsky die Privatsphäre rücksichtslos verletzt wird."

Auf die Spitze treibt es schließlich die Dresdner Morgenpost. Das Blatt entschied sich, eine ganz spezielle Zeugin zu Weselskys Charakter zu befragen: seine Exfrau. Sie wolle keine Schmutzwäsche waschen, so die Frau – um anschließend zu erzählen, wie Weselsky sich erst zum "Diktator" entwickelt und sie dann betrogen habe.

Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger erklärt das Grundgefühl: "In diesem Fall haben viele Beobachter das Gefühl, dass die Gewerkschaft vor allem mehr Macht will." Also hätten sich viele Medien mit den Streikopfern "verbrüdert". Später griffen selbst Qualitätsmedien zu überzogenen Begriffen, Kepplinger spricht von vulgärem Journalismus. Das Handelsblatt beispielsweise erklärte Weselsky zum "Staatsfeind Nr. 1".

Die Folgen spürt der Gewerkschafter auch nach dem Streikende. Seine Büronummer findet sich, genau wie das Foto seines Hauses, noch immer im Internet.