DIE ZEIT: Herr Bedford-Strohm, seit zwei Stunden sind sie gewählt. Sie repräsentieren jetzt 23 Millionen Protestanten. Sind Sie erleichtert, euphorisch oder doch erschrocken?

Heinrich Bedford-Strohm: Alles bestens! Ich mache grad mit großer Lust diese ganzen Interviews. Sekündlich laufen die SMS ein, sogar mit Segen.

ZEIT: Auf Facebook haben Sie aber noch nichts gepostet. Der letzte Eintrag ist von gestern!

Bedford-Strohm: Das kommt erst noch, weil ich wirklich selber poste. Nachher schicke ich einen Dank an alle.

ZEIT: Sie werden nun für ein Jahr die Geschicke der deutschen Protestanten bestimmen. Was war Ihre schwierigste Entscheidung 2014?

Bedford-Strohm: Genau diese Kandidatur für den Ratsvorsitz.

ZEIT: Was sprach denn dagegen?

Bedford-Strohm: Natürlich mein Terminkalender als Landesbischof. Die Frage: Kann ich das Amt vereinbaren mit meiner bayerischen Landeskirche?

ZEIT: Warum haben Sie zugesagt?

Bedford-Strohm: Weil mir die Zukunft der Kirche am Herzen liegt: Wir müssen unsere alte Botschaft so weitergeben, dass sie heute verstanden wird. Das kann kraftvoller geschehen.

ZEIT: Wo muss Kirche sich heute einmischen?

Bedford-Strohm: Ich erkläre es Ihnen am Beispiel meiner Reise in den Irak. Die bayerische Landeskirche hat ja seit Jahren Kontakt zu den Christen dort. Jetzt, da sie vom "Islamischen Staat" verfolgt werden, baten sie mich, sie zu besuchen. Ich habe die Flüchtlingslager gesehen, die Verzweifelten gehört. Danach habe ich mich in der EKD für militärische Hilfe gegen den IS eingesetzt.

ZEIT: Zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sind gegen Militäreinsätze.

Bedford-Strohm: Ich freue mich, dass die Deutschen so skeptisch sind, denn Gewalt löst keine Konflikte. Zivile Mittel müssen Vorrang behalten. Aber es gibt Situationen, wo diese keinen Völkermord verhindern. Deshalb kann zum friedensethischen Handeln auch das Militär gehören. Wir haben die Pflicht, Verfolgte zu schützen. Zugleich müssen wir die Quellen der Gewalt austrocknen und deutsche Waffenexporte in diese Region viel schärfer kontrollieren als bisher.

ZEIT: Evangelische und katholische Kirche haben sich gemeinsam zum Irak positioniert. Was kann die Politik vom Christentum lernen?

Bedford-Strohm: Hinter vielen Debatten der letzten Jahre stecken ethische Orientierungsprobleme. Die Kirche macht einer pluralistischen Gesellschaft keine Denkvorgaben, aber sie bietet einen Kompass: das Doppelgebot der Liebe. Wenn es stimmt, dass man Gott nicht lieben kann, ohne den Nächsten zu lieben, dann ist die Not anderer auch unsere Not.

ZEIT: Sie sprechen von "der Kirche", nicht "den Kirchen". Warum?

Bedford-Strohm: Es gibt keinen römisch-katholischen, evangelischen oder orthodoxen Jesus Christus, sondern nur den einen Herrn. Paulus fragt im Korintherbrief: "Ist Christus etwa zerteilt?" Nein. Deshalb muss die Einheit der Kirche für jeden Christenmenschen Herzenssehnsucht sein. Ich spreche gern von "der Kirche", denn es gibt nur die eine heilige, katholische und apostolische Kirche, die uns alle verbindet. Das hat Konsequenzen: Wir sollten gemeinsam Gottesdienst feiern und geistliche Gemeinschaft haben. Mein Horizont war immer ökumenisch, seit ich 1993 meine Doktorarbeit über die biblische Option für die Armen geschrieben und überwiegend katholische Quellen benutzt habe.

ZEIT: Haben Sie auch die sozialkritische Schrift Evangelii Gaudium des neuen Papstes gelesen?

Bedford-Strohm: Natürlich! Ich hatte mich über seine Wahl und den Namen Franziskus riesig gefreut. Seinen scharfen Satz "Diese Wirtschaft tötet!" finde ich als Kritik an den Auswüchsen eines ungezügelten Kapitalismus richtig. Ich habe das im Zusammenhang mit unserer ökumenischen Sozialinitiative immer versucht zu betonen: Eine deregulierte Wirtschaft bringt die Armen in Bedrängnis.

ZEIT: Warum gibt es solche zugespitzten Sätze in dieser Initiative der Kirche nicht?

Bedford-Strohm: Wir müssen weise mit den scharfen prophetischen Sätzen umgehen. Sonst werden sie vorhersehbar, dann hört niemand mehr hin. Der amerikanische Philosoph Michael Walzer nennt den Propheten einen connected critic , einen verbundenen Kritiker – seine Kritik wirkt nur im Dialog mit Menschen. Das entspricht ganz meiner Erfahrung, etwa in Gesprächen mit Unternehmern. Ich muss verstehen, wie schwierig ihre ethischen Konflikte sind, sonst hören sie mir nicht zu.

ZEIT: Manche Protestanten schimpfen über die ständige Medienpräsenz von Franziskus. Sie auch?

Bedford-Strohm: Nein! Zeitungen müssen sich verkaufen. Da sind polarisierende Themen und Personen nun mal attraktiv. Von der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Südkorea, die nur alle acht Jahre stattfindet, mit 250 Kirchen aus aller Welt, gab es kaum größere Berichte. Warum? Die Meldungen waren nicht griffig genug. Wenn man irgendeinen Bischof im Rotlichtbezirk erwischt hätte, hätten alle darüber geschrieben.

ZEIT: Was tun?

Bedford-Strohm: Wir brauchen mehr geistliche Ausstrahlung. Wir sind kein beliebiger Kommentator, sondern wollen von den Quellen des Lebens her zu einer Erneuerung der Gesellschaft aufrufen.

ZEIT: Bitte ein Beispiel!

Bedford-Strohm: Soziale Gerechtigkeit etwa ist ein theologisch zentrales Thema. Zahllose Bibeltexte zeigen, dass Gott und Gerechtigkeit nicht getrennt werden können. Das berühmteste Zitat stammt von dem Propheten Amos: "Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Strom." Wer das hört, der spürt im Herzen, dass es hier nicht um Tagespolitik geht. Sondern ums Prinzip. Wir haben in Deutschland über eine Million Langzeitarbeitslose, obwohl es der Wirtschaft gut geht. Diese Menschen dürfen wir nicht verloren geben.

ZEIT: Was sind andere akute Aufgaben der Kirche?

Bedford-Strohm: Die Aufnahme von Flüchtlingen, die Debatte um die Sterbehilfe und die ökologische Neuorientierung beschäftigen uns intensiv. Dabei sollten wir aber auch über unsere Grenzen hinausschauen. Nehmen Sie die Insel Tuvalu im Pazifik. Der Pfarrer dieser Insel sagte über den CO₂-Ausstoß des Westens: Meine Heimat versinkt im Meer. Der Satz prägt sich ein.

ZEIT: Sie sind international stark vernetzt. Wie wichtig ist für die Kirche Weltläufigkeit?

Bedford-Strohm: Das hat bei mir zunächst eine persönliche Dimension. Meine Frau ist Amerikanerin, meine Kinder haben deutsche und amerikanische Pässe. Ich bin sozusagen der einzige Nichtamerikaner in meiner Familie und finde es wunderbar, in anderen Ländern zu sein, andere Sprachen zu sprechen. Hinzu kommt mein Kirchenverständnis: Wir können den Glauben an Jesus Christus nie für uns alleine leben. Die Kirche muss ihre weltweite Vernetzung nutzen, um weltweite Probleme mit zu lösen. Deshalb bin ich im Weltkirchenrat engagiert, lehre gern in Südafrika, war in Texas, in Brasilien und Ruanda. Das Gedenken an den Völkermord hat mich stark geprägt: dass in 100 Tagen fast eine Million Menschen mit Macheten abgeschlachtet wurden, dass UN-Soldaten danebenstanden und ihre Waffen nicht gebrauchen durften! Ich habe mir geschworen, nie wieder zu schweigen, wenn eine solche Situation entsteht.

ZEIT: Sie haben dieses Jahr eine Ehrung für den Theologen Friedrich Schorlemmer unterstützt, der zu den Wegbereitern der Friedlichen Revolution gehörte. Warum?

Bedford-Strohm: Weil wir die Impulse aus der DDR-Friedensbewegung nicht vergessen sollten. Es war eine Konferenz des Evangelischen Bildungs-und Tagungszentrums Alexandersbad, an der ich mich sehr gern beteiligt habe, weil Friedrich Schorlemmer für Mut in bedrängter Lage steht. Ich selber habe ja als Kind bei Sonntagsspaziergängen an der innerdeutschen Grenze noch den Stacheldraht gesehen, das Minenfeld. Grauenvoll! Es war eine ungeheure Leistung, dass viele Menschen sich am Ende nicht mehr einschüchtern ließen. Das ist Freiheit eines Christenmenschen. Das beeindruckt mich. Dazu will ich ermutigen.

ZEIT: Mut gehört heute auch zum Kirchenasyl, wie es der Hamburger Pfarrer Wilm in St. Pauli syrischen Flüchtlingen gewährte. War das richtig?

Bedford-Strohm: Ja! Ich habe ein Foto davon gesehen und es gepostet: Man blickt von oberhalb des Kreuzes ins Kirchenschiff auf die Flüchtlinge. Wie Christus sagt: "Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen."

ZEIT: Das große politische Thema dieser Woche ist die Sterbehilfe. Sie haben gerade ein Buch darüber geschrieben. Was steht drin?

Bedford-Strohm: Dass das Leid, dem viele Menschen am Lebensende ausgesetzt sind, endlich zur Sprache kommen muss.

ZEIT: Sind Sie für eine Verschärfung der Gesetze?

Bedford-Strohm: Ich trete für ein Verbot der organisierten und erst recht der kommerziellen Sterbehilfe ein. Tötung auf Verlangen ist unnötig, wenn wir die Palliativmedizin ausweiten und Sterbende besser begleiten. Als Pfarrer weiß ich, dass Menschen, die gut begleitet werden, die Angst vor dem Tod verlieren. Wenn wir aber bejahen, dass Patienten ihr Leben beenden, sind wir schnell bei der Frage: Koste ich zu viel am Lebensende?

ZEIT: Momentan verdienen Kliniken gut daran, das Sterben Schwerkranker zu verlängern. Und die Angst vorm Tod ist oft nur Angst vor Qualen, die auch die Palliativmedizin nicht lindern kann. Wer Sterbehilfe sucht, trifft auf Ärzte, die ihre Approbation verlieren können. Ist das nicht unbarmherzig?

Bedford-Strohm: Wer moralisch über Sterbehilfe urteilt, darf auf keinen Fall über konkretes Leid hinwegsehen. Und Selbstbestimmung, wenn jemand keine Therapie mehr will, ist wichtig. Schmerzminderung kann auch dann richtig sein, wenn sich das Leben dadurch verkürzt. Ich halte keine neuen strafrechtlichen Regelungen zum ärztlich assistierten Suizid für nötig. Ärzte dürfen nicht mit einem Fuß im Gefängnis stehen, wenn sie schwer Leidenden beistehen. Aber Ärzte sollen auch keine Spezialisten für das Töten sein. Ich möchte, dass das Tötungstabu nicht aufgelockert wird.

ZEIT: Welches Recht hat ein Christ, von einem anderen zu fordern, er müsse leiden?

Bedford-Strohm: Ich betone noch mal: Sterbenden muss Beistand geleistet werden. Aber eine normative Freigabe des Tötens auf Verlangen und des assistierten Suizids darf es nicht geben.

ZEIT: Viele junge Christen in Deutschland sagen, die Gottesfrage sei für sie irrelevant. Was kann die Kirche da tun?

Bedford-Strohm: Wir sollten die Relevanz unserer Glaubenstraditionen deutlicher machen. Viele Lebensratgeber sagen: Lernen Sie, dankbar zu leben. Nur, wie mache ich das? Indem ich den Psalm 103 bete: "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!" Wer seinem Schöpfer dankt für den Reichtum jeden Tages, spürt etwas von der Tiefe unserer Existenz. Ein zweites Beispiel: Viele Probleme unseres Alltags kommen daher, dass wir keine Selbstdistanz gewinnen. Was habe ich falsch gemacht? Wir finden nicht aus Konflikten heraus, weil wir nur bei der eigenen Sicht bleiben. Da hilft das Sündenbekenntnis. Das klingt altmodisch, aber es ist der erste Schritt in die Freiheit. Wer Schuld bekennt, kann sich vergeben lassen. Wem vergeben wird, der kann neu anfangen. Die Bibel sagt das in alten Worten. Wir müssen zeigen, wie aktuell sie sind. Das ist der Sprung in die Zukunft.

ZEIT: Haben Sie Angst vorm Reformationsjubiläum 2017?

Bedford-Strohm: (lacht) Ganz und gar nicht! Ich freue mich darauf. Denn ich glaube, es kann ein großes ökumenisches Christusfest werden. Was wollte Luther denn mit der Reformation? Neu auf Christus hinweisen.

ZEIT: Dasselbe will Papst Franziskus. Einer seiner Vordenker, Kardinal Maradiaga, sagte: Natürlich kann Rom die Reformation mit den Protestanten feiern! – Das ist schon provokant, wenn man bedenkt, wie Luther gegen den "Papstesel" wetterte.

Bedford-Strohm: Das soll uns aber nicht hindern. Mein Ziel ist, 2017 mit den katholischen Schwestern und Brüdern zusammen zu feiern. Wie gesagt: Es gibt nur eine Bibel. Und wir versammeln uns um denselben Herrn.

ZEIT: Eine Woche lang haben die Protestanten in Dresden getagt. Was war das Beste an der Synode?

Bedford-Strohm: Der Internetchor. Unbedingt! Junge Christen aus aller Welt sangen synchron im Netz, und die Synode sang mit. Das war Heiliger Geist digital.

ZEIT: Was machen Sie morgen als Erstes?

Bedford-Strohm: Meinen Terminkalender updaten: Wie verbinde ich Bayern und Deutschland? Dann treffe ich sicher den katholischen Amtsbruder Marx in München. Ich werde mal rüberradeln.

ZEIT: Was am neuen Amt wollen Sie abschaffen?

Bedford-Strohm: Das muss ich erst rausfinden. Bisher habe ich auf alles Lust. Und der Rat der EKD ist extrem nett. Meine Krawatte, die ich grad umhabe (seriöses Dunkelblau), hat mir vorhin ein Ratsbruder geliehen, weil meine nicht so toll war.

ZEIT: Alte Synodenteilnehmer klagen, heute werde nicht mehr gestritten. Früher seien in der EKD die Fetzen geflogen. Wird es mit Ihnen nun lauter?

Bedford-Strohm: Ich streite gern. Aber ist laut schon klug? Dass Christen rumschreien, heißt ja noch nicht, dass sie hinhören.