DIE ZEIT: Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen, und Technik hat mich noch nie sehr interessiert. Wenn was am Computer nicht funktioniert, delegiere ich das gerne an den Jüngsten. Was ist da falsch gelaufen?

Ortwin Renn: Das ist ganz klassisch für eine Familie in Deutschland. Diese Rollenverteilung verfestigt sich schon im frühen Kindesalter, auch durch das Spielzeug, das Eltern ihren Kindern kaufen. Ihre Eltern haben das nicht bewusst gemacht – die ganze Umgebung ist so. In anderen Gesellschaften, etwa den USA, den skandinavischen Ländern oder in Portugal, ist diese frühkindliche Prägung auf Stereotype längst nicht so stark ausgeprägt.

ZEIT: Aber spielen nicht auch Neigungen eine Rolle?

Renn: Neigungen sind ein Stück weit angeboren, ein Stück weit müssen sie aber auch gefördert werden. Hier geht es nicht um die Elite: Mädchen, die extrem technikorientiert sind, werden ihren Weg finden. Aber es gibt viele, bei denen die Begabung nicht so sehr hervorsticht. Diese Mädchen brauchen Strukturen, die ihnen bei der Entwicklung ihrer Begabung helfen. Ich kenne viele Frauen, die etwa Krankenschwester geworden sind, aber im Nachhinein sagen: Eigentlich wäre ich gerne Ingenieurin geworden.

ZEIT: Mit dem neuen Mint-Nachwuchsbarometer werfen Sie dieses Jahr einen besonderen Blick auf das Geschlechterverhältnis in der naturwissenschaftlich-technischen Erziehung – und sprechen Empfehlungen aus, wie man schon Kleinkindern diese Themen stärker nahebringt.

Renn: Wenn Mädchen bis zum Alter von zwölf Jahren kein naturwissenschaftliches oder technisches Interesse entwickelt haben, entwickeln sie es auch nicht mehr. Also muss die Förderung schon früh ansetzen.

ZEIT: Mit mehr Lego-Steinen und Chemiebaukästen für Mädchen?

Renn: Wir haben herausgefunden, dass Mädchen sehr viel stärker als Jungen Bezüge zu sozialen Kontexten oder zur Natur favorisieren. Während es sich zum Beispiel in Rollenspielen bei Jungs häufig um Ritter und Helden dreht, spiegelt sich bei Mädchen die soziale Lebenswelt wider, etwa im Mutter-Kind-Spiel. Es ist noch nicht wirklich klar, warum das so ist, aber da müssen wir ansetzen. Deshalb darf man bei Mädchen nicht nur über den analytischen Weg gehen, der ist nicht attraktiv für sie. Stattdessen muss man sie über den konstruktiven Weg ansprechen, zum Beispiel indem man zusammen eine Stadt aus Klötzen baut. So können Mädchen spielerisch ihre soziale Welt erschaffen.

ZEIT: Wenn die Eltern selbst weniger Angebote in dieser Richtung machen – können dann Kitas und Schulen noch etwas retten?

Renn: Sie könnten es auf jeden Fall – aber dort wartet leider schon die nächste Barriere für Mädchen. Die meisten Pädagogen sind weiblich. Die Stereotype, die Mädchen im Elternhaus erlebt haben, werden hier verstärkt. Das ließe sich ändern, indem man versuchte, mehr Männer als Erzieher zu gewinnen – aber das ist genauso schwierig, wie Frauen für die Mint-Fächer zu begeistern. Der pragmatischere Ansatz ist derzeit, Erzieherinnen in Fortbildungen dazu anzuhalten, Spielzeuge nicht nur geschlechtstypisch zuzuweisen, sondern auch einmal bewusst die Spielecken zu mischen.

ZEIT: Dann kommen die Mädchen in die Grundschule ...

Renn: Da haben wir leider ein wichtiges Fach aufgegeben: den Werkunterricht. Dabei sind besonders Mädchen daran interessiert, selbst gestalten zu können. Das spielt heute aber höchstens noch im Kunstunterricht eine Rolle, und so wird ihnen ein wichtiger Zugang zur Technik verbaut. Außerdem gehen Lehrer häufig mit der falschen Methode an den Mint-Unterricht heran. Statt: "Wie kann man das jetzt technisch umsetzen?", sollten sie fragen: "Ich will fliegen – wie können wir die Naturgesetze hier anwenden?" Nur so wird die Fantasie angeregt. Oft steht aber die Analyse im Vordergrund – genau der falsche Ansatz, wenn man Mädchen für Technik begeistern will.

ZEIT: Ausschlaggebend für das Interesse an Mint scheint auch das Zutrauen in die eigene Kompetenz zu sein. Warum ist das bei Jungen höher als bei Mädchen?

Renn: Wenn sie schon früh zu hören bekommen: Überlass das Technische mal lieber deinem Bruder, dann glauben die Mädchen schnell, dass sie es selbst nicht können. Bei den meisten Mädchen ist die Frage nach der Begabung im Mint-Bereich deswegen mit sehr vielen Selbstzweifeln verbunden. Das zieht sich auch in der Schule durch: Während sich Jungen nach der ersten schlechten Note in Physik denken: Na ja, ich war ein bisschen faul, sagen die Mädchen sich: Hab ich gewusst, ich bin dafür nicht geeignet. Außerdem haben wir festgestellt, dass bei aller Aufgeklärtheit heute gerade auch die jungen Männer, die sehr begabt sind im Bereich Technik, ihren weiblichen Mitschülern oder Mitstudierenden am allerwenigsten zutrauen. Das zeigt sich etwa in abfälligen Kommentaren, und da geht natürlich bei den Mädchen die Motivation in den Keller.

ZEIT: Ein Teufelskreis.

Renn: ... der sich auch in der Wahl der Leistungskurse und des Studienfaches niederschlägt: Weil Mädchen in den Mint-Fächern ihre Fähigkeiten unterschätzen, zeigen sie oft trotz hoher Kompetenz kein Interesse – während Jungen mit demselben Wissen vor Selbstbewusstsein strotzen.

ZEIT: Wie könnte man Mädchen in ihrem Selbstvertrauen bestärken?

Renn: In einigen Schulen gab es Versuche, zum Beispiel den Informatikunterricht im ersten Jahr geschlechtergetrennt durchzuführen. Im zweiten Jahr, wenn der Unterricht zusammengelegt wurde, haben sich die Mädchen dann nicht mehr einschüchtern lassen. Eine weitere Möglichkeit sind Mentoren, vor allem für die Übergänge von der Oberstufe zum ersten Semester. Gerade in dieser Zeit brauchen Mint-begabte Mädchen noch Betreuung, weil die Unsicherheit sehr groß ist.