Die Fotos, die Wasilij Ende Juni ins Internet stellt, erinnern an einen Schulausflug. Nur zeigen sie keine Schüler, sondern Soldaten. Junge Kerle mit rasierten Köpfen und stolzem Blick. Auf ihren Uniformen die Abzeichen der russischen Armee. Wasilij, der nach Mitte zwanzig aussieht, posiert vor einem Konvoi, mit dem sie im russischen Kursk aufgebrochen und Richtung Süden unterwegs sind, Richtung ukrainische Grenze. Mehr als 30 Militärfahrzeuge haben sie dabei. Ein großes Abenteuer, dokumentiert auf Wasilijs Profil im sozialen Netzwerk VKontakte, dem russischen Facebook.

Der Soldatentrupp der 53. Flugabwehr-Brigade ist besonders stolz auf seine Buk-Raketenwerfer. Sie tragen je vier Raketen, jede 5,70 Meter lang, ausgerüstet mit 70 Kilogramm Sprengstoff. Mit dreifacher Schallgeschwindigkeit nähern sich die Raketen ihrem Ziel, kurz vor dem Aufprall explodieren sie in Tausende kleine, scharfe Schrapnelle. Nur drei Wochen später werden diese Buk im Fokus des Ukraine-Krieges stehen. Geheimdienste und Präsidenten werden darüber sprechen, was sie mit dem Absturz eines Flugzeugs der Malaysia Airlines zu tun haben. Mit Flug MH17, der am 17. Juli jäh endete und 298 Menschen in den Tod riss.

Zu Sowjetzeiten wurden die Buk über den Roten Platz paradiert. Sie sind neun Meter lang, laut und sehen gefährlich aus. Das führt auch jetzt, auf dem Weg in Richtung Ukraine, dazu, dass Anwohner, Passanten und Autofahrer ihre Handys zücken und die Fahrzeuge fotografieren oder filmen. Vieles davon landet im Internet. Mindestens 31 Filme und Fotos zwischen Ende Juni und Ende Juli. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Route des Konvois rekonstruieren.

Ein Rechercheteam der Enthüllungswebsite Bellingcat hat nachgewiesen, dass einer der Raketenwerfer von Wasilijs Einheit in ukrainisches Kriegsgebiet gelangte. Es ist der Raketenwerfer mit der verblassten Nummer auf der linken Seite. Die erste Ziffer ist eine "3". Die letzte eine "2". Die mittlere ist nicht mehr zu erkennen. Buk 3x2 hat alles an Bord, um ein Flugzeug abzuschießen.

Hinter Bellingcat steht vor allem der Brite Eliot Higgins. Er hat sich im Syrien-Konflikt einen Namen gemacht, indem er geheime Waffenlieferungen aufgedeckt und den Chemiewaffenangriff von Ghuta rekonstruiert hat. Higgins’ Methode: Er sammelt alle Hinweise zu einem Ereignis, die er in Sozialen Medien findet, YouTube-Videos, Tweets, Facebook-Fotos. Er vergleicht sie mit Satellitenbildern und Fotodatenbanken, analysiert jedes Detail, indem er in die Bilder hineinzoomt: Laternenmasten, Farbe und Form der Häuser im Bildhintergrund, die Anordnung der Bäume am Straßenrand, sogar die Schatten, die sie werfen. All das hilft ihm genau zu bestimmen, wo und wann ein Bild entstanden ist. Wie ein Detektiv puzzelt er aus vielen kleinen Hinweisen ein großes Bild zusammen.

Im Fall von MH17 bringt dieses Bild Klarheit in eine Debatte, die von Schuldzuschreibungen und Spekulationen bestimmt ist. Amerikanische Geheimdienstler behaupteten nach dem Absturz von MH17 schnell, die Separatisten hätten das Flugzeug abgeschossen. Der selbst ernannte Premierminister der Volksrepublik Donezk widersprach. Die Ukraine beschuldigte Russland, Russland die Ukraine.

In den Tagen nach dem Unglück bekräftigten westliche Geheimdienste, auch der deutsche Bundesnachrichtendienst, die Erklärung der Amerikaner. Aber Beweise wie Satellitenbilder oder Radardaten wurden nicht veröffentlicht. Auch nicht die Untersuchungsergebnisse der Schrapnellteile, die die niederländischen Ermittler geborgen haben. Der offizielle Bericht soll frühestens im Sommer 2015 vorliegen.

Die Bellingcat-Recherchen machen jetzt erstmals eine weitgehende Rekonstruktion der Ereignisse möglich. Zwar können sie nicht genau nachweisen, wer MH17 abgeschossen hat, aber sie entlarven zwei Lügen: Die der prorussischen Separatisten, deren Anführer nach dem Abschuss von MH17 gesagt hatte, man verfüge nicht über die technischen Mittel für so ein Manöver. Und die der russischen Regierung, die behauptet hatte, dass sie den Separatisten keine Flugabwehrraketen zur Verfügung gestellt habe.

Am 23. Juni verlässt Wasilijs Konvoi seine Basis im westrussischen Kursk. Die Soldaten fahren über Stary Oskol und Alexejewka nach Millerowo. Am 25. Juni kommen sie dort an. Von hier sind es 20 Kilometer bis in die Ukraine, bis ins Separatistengebiet, wo Krieg herrscht. Es gibt keine Hinweise, dass die Soldaten, Wasilij und die anderen, in diesen Krieg eingreifen. Aber der Raketenwerfer 3x2 wird die ukrainische Grenze überqueren.

Buk 3x2 wechselt den Besitzer

Ob Wasilijs Einheit den Raketenwerfer in die Ukraine gebracht hat oder die Separatisten ihn in Russland abgeholt haben, lässt sich nicht rekonstruieren. Die nächste Spur von ihm taucht erst am 17. Juli auf. Dem Tag, an dem MH17 vom Himmel geschossen wird.

Ein Tieflader fährt raus aus Donezk, auf seiner Ladefläche steht Buk 3x2

11 Uhr*: Ein Tieflader fährt auf der Makijiwka-Chaussee stadtauswärts, raus aus der Millionenstadt Donezk, vorbei an dem kleinen Kiosk an der Ecke und dem großen Nissan-Autohaus. Auf seiner Ladefläche steht Buk 3x2. Er ist jetzt nicht mehr Teil von Wasilijs Konvoi, sondern im Besitz der Separatisten. Den Tieflader hatten sie zuvor bei einer Baugeräte-Firma in Donezk gestohlen, wie der Besitzer der Firma Journalisten der französischen Zeitschrift Paris Match erzählte. Die Reporter sind es auch, die ein Bild von dem Transporter machen, als sie ihn an diesem Morgen überholen. Darauf sieht man die Nummer des Buk. Die "3", die "2", die verblasste Ziffer in der Mitte.

Zur gleichen Zeit, 2.400 Kilometer weiter westlich, warten die Passagiere von Flug MH17 in der Abflughalle 3 des Amsterdamer Flughafens Schiphol am Check-in.

12 Uhr: Cor Schilder, 33, und Freundin Neeltje Tol, 30, ein Floristenpaar aus dem niederländischen Städtchen Volendam, warten am Gate auf den Abflug. Sie sind früh dran. Schilder geht ans Fenster und macht ein Foto vom Flugzeug, in das sie gleich einsteigen werden, einer Boeing 777. Er postet es auf Facebook. Darunter schreibt er: "Falls es verschwinden sollte, so sieht es aus." Eine Anspielung auf den Flug MH370, der vier Monate zuvor verschwunden war.

Der Tieflader mit dem Buk hat zu diesem Zeitpunkt bereits das Dorf Suhres passiert, wo er gefilmt wird. Auch in Schachtarsk ist er vorbeigekommen, wie jemand auf Twitter schreibt. Er fährt weiter nach Osten.

12.07 Uhr: Ein Twitter-User schreibt, dass er einen Raketenwerfer mit vier Raketen durch Tores habe fahren sehen. In der Gagarin-Straße wird das Fahrzeug fotografiert.

Die Crew von MH17 ist da bereits an Bord. Kapitän Wan Amran Bin Wan Hussin, 50, hat durch den Flug nach Amsterdam den 11. Geburtstag seines Sohnes Yunus verpasst. Er hat ihm versprochen nachzufeiern, sobald er zurück in Malaysia ist. Auf Facebook kommentiert eine Freundin Cor Schilders Spruch mit vier Smileys und wünscht schöne Ferien.

13.31 Uhr: MH17 startet. An Bord sind 283 Passagiere und 15 Crewmitglieder. Drei australische Kinder mit ihrem Großvater. Der niederländische Arzt Joep Lange, der auf der Aids-Konferenz in Melbourne erwartet wird. Eine Flugbegleiterin, die Schichten getauscht hatte.

Die Separatisten haben den Buk in der Zwischenzeit von dem Tieflader gefahren. Im kleinen Dorf Snischne bewegt sich das 32-Tonnen-Fahrzeug jetzt auf Ketten die Karapetjan-Straße entlang, bevor es nach rechts abbiegt in Richtung Süden, raus aus Snischne, in unbewohntes Gebiet. Satellitenaufnahmen werden später dicke Spuren im Feld zeigen. Sie folgen keinem Muster, scheinbar willkürlich führen sie zunächst ganz gerade über das Feld, kreuzen einen Weg, führen durch Büsche, dann biegen sie nach Osten ab, zurück auf eine Straße. Möglich, dass von hier die Rakete abgeschossen wird.

16.20 Uhr: MH17 fliegt in 10.000 Metern Höhe über die Ukraine, sieben Kilometer nördlich des geplanten Kurses. Die Crew umfliegt vorsorglich eine Schlechtwetterfront. Die Passagiere sollen es angenehm haben. Sie fliegen über Suhres hinweg, über Schachtarsk, über Tores. Sie ahnen nicht, dass unter ihnen ein Tieflader Stunden vorher denselben Weg zurückgelegt hat.

Um 16.19.56 meldet sich MH17 beim Tower Dnipropetrowsk. Es geht um den weiteren Kurs. Die Antwort kommt vier Sekunden später, doch die Crew reagiert nicht. Der Punkt auf dem Radar, der die Position von MH17 angezeigt hat, verschwindet. Der Flugrekorder stoppt um 16.20.03. Ebenso der Stimmenrekorder im Cockpit.

Auf Videos im Internet sieht man eine große, schwarze Rauchwolke über der Absturzstelle. Davor fallen Trümmer, Leichen, Gepäckstücke vom Himmel. Einige der Cockpit-Trümmer, die später gefunden werden, sind durchlöchert. "Als ob das Flugzeug in eine Schrapnellwolke geflogen sei, wie sie eine Buk-Rakete erzeugt", sagt der Militärexperte Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Eine Rakete fehlt

Irgendwann am Abend des 17. Juli, als die Nachricht von MH17 um die Welt geht, wird ein weiteres Video von Buk 3x2 aufgenommen. Der Raketenwerfer ist zurück auf dem Tieflader, der mit hoher Geschwindigkeit an einem Werbeschild vorbeifährt und hinter einem Baum verschwindet. Das Tarnnetz, das vorher die Raketen bedeckte, ist entfernt worden, der Blick auf die Abschussrampe ist frei. Nicht vier Raketen sind dort zu sehen, sondern drei. Eine Rakete fehlt, die zweite von rechts.

Das russische Verteidigungsministerium hat die Bedeutung dieses Videos offenbar erkannt. Auf einer Pressekonferenz vier Tage später behauptet ein Sprecher, es sei in Krasnoarmejsk entstanden, einer Stadt, die sich unter der Kontrolle der ukrainischen Armee befindet. Als Beweis führt er das Werbeschild aus dem Video vor. Er zeigt ein Standbild davon, es ist unscharf. Darüber ist eine kleine Sprechblase montiert, in der angeblich der vergrößerte Text des Schildes steht. Die Adresse eines lokalen Autohändlers. Dnipropetrowsk-Straße 34.

Das stimmt nicht, wie Bellingcat herausgefunden hat. Sie haben einen Unterstützer in der Ukraine an den Ort geschickt, an dem das Video aufgenommen wurde, um dort Fotos zu machen. Das Ergebnis: Auf dem Schild steht keine Adresse. Dort steht "landesweiter Autohändler". Das Bild von der russischen Pressekonferenz ist eine Montage.

Das Bild von der russischen Pressekonferenz ist eine Montage

Das Video ist auch nicht in Krasnoarmejsk entstanden, wie die Russen behaupteten, sondern in Luhansk, an einer Straßenkreuzung im Westen der Stadt, etwa 75 Kilometer nördlich von Snischne. Kontrolliert wird sie nicht von der ukrainischen Armee, sondern von den prorussischen Separatisten.

Der endgültige Beweis, dass die Separatisten MH17 mit dem russischen Buk abgeschossen haben, sind auch die Bellingcat-Recherchen nicht. Vielleicht wird es ihn nie geben. Aber sie ergeben eine dichte Indizienkette, in die sich die abgehörten Telefonate, die von der ukrainischen Regierung veröffentlicht und zunächst angezweifelt wurden, nahtlos einfügen. Ihre Authentizität lässt sich nicht überprüfen. Darin bestätigen angeblich Separatisten, dass sie eine zivile Maschine abgeschossen haben. Es klingt nach einem Versehen.

Auch Wolfgang Richter von der SWP vermutet, dass die Separatisten das Flugzeug abgeschossen haben. Seiner Meinung nach kannten sie sich mit dem Buk-Raketenwerfer nicht gut genug aus. Womöglich hatten sie sogar den Automatikmodus aktiviert. In diesem Modus ortet das Radar automatisch heranfliegende Flugzeuge und schießt innerhalb von Sekunden eine Rakete ab, wenn der Vorgang nicht manuell abgebrochen wird. Dieser Modus war im Kalten Krieg eingebaut worden, weil man mit groß angelegten Luftangriffen des Feindes rechnen musste, mit Hunderten Maschinen gleichzeitig.

Vielleicht haben sich Wasilij und seine Kameraden gewundert, warum auf dem Rückweg nach Kursk Raketenwerfer 3x2 in ihrem Konvoi fehlte. Aber für sie dürfte etwas anderes wichtiger gewesen sein. Sie sind befördert worden. Nach der erfolgreichen Übung sind sie nun Leutnants. Die Zertifikate haben gleich mehrere im Internet gepostet.

*Alle Uhrzeiten beziehen sich auf ukrainische Zeit