Wenn Xavier Dolan einen Film dreht, macht er fast alles selbst: Produktion, Drehbuch, Schnitt und nebenbei das Kostümdesign. Nur hinter der Kamera steht er nicht, weil er als Schauspieler meistens davorsteht. Auf diese Weise entstanden in den vergangenen fünf Jahren fünf Spielfilme. Zwischendurch fuhr Xavier Dolan zu den Filmfestspielen nach Cannes, wo er mittlerweile als alter Bekannter gilt und für seinen neuesten Film Mommy jüngst mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, den er sich allerdings mit einem alten Mann namens Jean-Luc Godard teilen musste. Der Frankokanadier Dolan ist, nebenbei bemerkt, 25 Jahre alt.

Im vergangenen Sommer kündigte das Junggenie eine Schaffenspause an. Er wolle Kunstgeschichte studieren und endlich die Werke jener Regisseure – Fassbinder, Almodóvar, Bergman – kennenlernen, in deren Nachbarschaft seine Filme von der Kritik häufig gestellt werden. Mangels Zeit sei er dazu einfach nie gekommen. Schwer zu glauben, aber vielleicht stimmt es ja. Unzweifelhaft hingegen lässt sich auf Xavier Dolans produktiven Hochdruck der Begriff Obsession anwenden. Er trifft auch auf die Themen zu, mit denen Dolan sich in seinen Filmen herumschlägt: das Hassliebeverhältnis zur Mutter und das Verhältnis zur eigenen Homosexualität. Vom ersten Bild seines ersten Films an geht es bei Xavier Dolan im Grunde um nichts anderes. I Killed My Mother heißt dieser Film aus dem Jahr 2009, ein klaustrophobischer Psychokrieg zwischen einer alleinerziehenden Mutter und ihrem 17-jährigen Sohn, der Dolans Vorliebe für krasse Dialoge, physische Unmittelbarkeit und Close-ups ankündigt, die kein Entkommen erlauben, den Figuren so wenig wie dem Zuschauer.

In Mommy kehrt Dolan zur exakt gleichen Konstellation zurück. Wieder wird die alleinerziehende Mutter von der Frankokanadierin Anne Dorval gespielt, wieder schwanken ihre Stimmungen zwischen abwehrender Gemeinheit und zärtlicher Hingabe. Wieder quält sie sich mit einem Sohn durch ödipale Höllen. Nur ist Mommy, durchweg mit Schauspielern von atemberaubender Intensität besetzt, um einiges krasser als I Killed My Mother. Die Mutter Diane gehört nicht der Mittel-, sondern der Unterschicht an, sie hat noch derbere Flüche auf Lager, und der 15-jährige Randalierer Steve (Antoine-Olivier Pilon) schöpft sein Aggressionspotenzial voll aus. Kein Sozialarbeiter ist bereit, sich mit dem Monstrum weiterhin abzugeben. Damit setzt die Filmhandlung ein: Die Mutter muss den Sohn aus dem Erziehungsheim holen und wieder bei sich aufnehmen. Nach ein paar Tagen hat er die Wohnungseinrichtung zerlegt und die Mutter um ein Haar erwürgt. Was immer man sich unter psychischer Entgleisung und sozialem Niedergang vorstellen mag, lässt sich in Mommy erleben. Die Mutter verliert die Arbeit, der Sohn schneidet sich die Pulsadern auf, der Staatsanwalt schickt eine Anklage wegen Brandstiftung und Körperverletzung ins Haus. Und damit dies alles so krass, so beklemmend wie möglich zu sehen ist, nimmt Dolan seinen fünften Spielfilm im Hochformat auf, in verengend quadratischen Bildern. Es ist ein Format, das von der überhöhten Bildsprache und durchgeknallten Tonlage unentwegt gespannt, gereizt und zuweilen gesprengt wird.

So zusammengefasst, könnte es sich um das typisch exzessive Produkt eines typischen jungen Wilden handeln. Aber solche Etiketten passen auf Mommy so wenig wie auf Xavier Dolan. Mommy ist vielmehr das Werk eines reifen Regisseurs, der an der eher simplen Logik einer einförmigen Eskalationsgeschichte keinen Gefallen finden kann. Was Dolan will und was ihn wirklich interessiert, ist etwas ganz anderes: den Raum öffnen für die Gegengeschichte. Denn Mommy hat drei Hauptfiguren. Schon nach zehn Filmminuten betritt Kyla (Suzanne Clément), eine Nachbarin von der gegenüberliegenden Straßenseite, den Kriegsschauplatz und nimmt die Rolle eines versöhnenden, vermittelnden Friedensengels ein. Mit der ehemaligen Gymnasiallehrerin, die an einer Sprechblockade leidet und schon deshalb für verbalen Waffenstillstand sorgt, erwacht der Film aus dem Albtraum. Er dreht sich gleichsam um seine Achse und zeigt eine andere, eine helle, unneurotische, hoffnungsvolle Seite des Lebens. Steve macht Schularbeiten mit Kyla, Diane lockert den Panzer ihrer Gefühle, und Kyla fühlt sich angezogen von der teils faszinierenden, teils verstörenden Vitalität der beiden. Zu dritt kochen sie Abendessen, hören Musik, unternehmen einen Ausflug ans Meer, und irgendwann zieht Steve den Film, buchstäblich aus der Leinwand heraus, ins Querformat.

Mommy läuft keineswegs auf ein hübsches happy ending zu, vielmehr entsteht der ganze Film aus unauflösbarer Ambivalenz. Denn Xavier Dolan ist in der Liga der Epiker angekommen. Er spielt diesmal auch nicht mit. Er schaut, könnte man sagen, der Inszenierung seiner Obsessionen von außen zu. Ein Päuschen hat er sich nach diesem meisterlichen Film auf alle Fälle verdient.