Wenn man in Hamburg jemanden diffamieren will, dann sagt man: Der fand Schill gut. Oder noch schlimmer: Der geht ins Musical. Unter Kulturbürgern ist der König der Löwen so was wie Analphabetismus, kombiniert mit einer echt schlechten Garderobe. Wer einmal seine Verwandten aus Duisburg oder Bielefeld ins Phantom der Oper geschleppt hat, muss als Ablass mindestens drei Schauspielhaus-Abos buchen.

Die Hamburger Scham für das Erfolgsmodell Musical ist dermaßen etabliert. Und dermaßen öde. Leider wird das Etepetete-Gefühl gegenüber dieser Kunstform von höchster Stelle beglaubigt. "Musicals sind eine effektive Art, Besucher nach Hamburg zu bringen", sagte Barbara Kisseler der New York Times. "Aber ich fürchte, dass sie keinerlei kulturelle Bedeutung herstellen, die über ihre bloße Spieldauer hinausgeht." Das kann man so sehen, aber dann glaubt man womöglich auch, dass die West Side Story (Komponist: Leonard Bernstein) ein besserer Klingelton ist und Crazy for You (Musik: George Gershwin) ein Werbejingle auf Spielfilmlänge.

"Wir wollen nicht, dass die Deutschen ihre Klassiker aufgeben für diese laute Form der Unterhaltung." Auch ein Satz der Kultursenatorin. Richtig müsste er heißen: Wir wollen nicht, dass die Leute ins Musical rennen, weil ihnen die per Subventionstheater verhunzten Klassiker einfach nichts mehr sagen. Drei Stunden Schiller mit Genitalentblößung und Schreiattacken? Dann doch lieber ein Löwenjunges, dessen Vater getötet wird, ausgerechnet vom Onkel. Es gilt, Rache zu nehmen und den angestammten Platz in der Welt zurückzuerobern. Moment mal, ist das nicht Hamlet? Genau, aber eben in der Musical-Version. König der Löwen, Einspielergebnis weltweit: fünf Milliarden Dollar.

Das Musical ist nicht beschämend, es ist schamlos. Schamlos lukrativ. Schamlos effektiv. Schamlos innovativ. Viele große Musicals folgen bewährten Erzählmustern, protzen mit Schauwerten. Dasselbe macht der Hollywood-Film. Er hat eine universelle Sprache geschaffen, die von Stuttgart bis Sidney verstanden wird. Würde man Steven Spielberg vorwerfen, sein E.T. sei nicht komplex genug in der Darstellung existenziellen Verlorenseins? Würde man James Cameron sagen, Titanic , das ist dann doch ein bisschen flach in der Darstellung von Mann-Frau-Beziehungen über Klassengrenzen hinweg? Wohl kaum.

Das Musical ist effektiv, weil es Handlung mit Musik illustriert. Kennt man auch irgendwoher. Wagner. Gesamtkunstwerk. Große Gesten, große Klänge. Heldengeschichten. Hauen, Stechen, Leiden, Sterben. Kompositionsästhetisch liegt das ein paar Klassen über Lloyd Webber, aber die Idee ist doch strukturell die gleiche: eine Geschichte derart mit Musik zu vertiefen, dass sie einen überwältigt. Wer jetzt sagt, es gibt gute und schlechte Überwältigung, ist ein Snob. Wer bestimmt denn, von welcher Ästhetik ich mich mitreißen lasse? Frank Castorf? Der Reclam-Opernführer? Theater heute?

Die Innovation des Musicals ist: Es kann jeden Plot in eine Show verwandeln. In Amerika machen sie es vor. Missionare aus Salt Lake City, die in Afrika einem Warlord heimleuchten (Book of Mormon). Psychisch kranke Hausfrauen, die ihre Familien zerrütten (Next to Normal). Arbeitslose Komiker, die sich in japanische Immigrantinnen verlieben (Avenue Q). Das sind Geschichten, die vom Alltag erzählen, von der Fremde oder vom Fremdsein im Alltag. Und die ans Happy End glauben, wobei happy immer auch Humor bedeutet, Ironie, Scharfsinn. 2015 feiert Aladdin in der Neuen Flora Deutschlandpremiere. Dann wird man unter Umständen genau das bestaunen können: einen Flaschengeist, der mit Jazznummern sein Publikum in Atem hält und nebenbei einem Underdog zur großen Liebe verhilft. Dazu noch mal die New York Times, die in Kunstdingen ja versiert sein soll: "Fantastisch!"

Und das Wunder von Bern?

Erstaunlich, dass man sich hier so etwas traut.

Ja, es könnte schiefgehen, als Aufguss eines Filmstoffs enden. Aber wenn es gut läuft, dann wird es eine Geschichte, die generationenübergreifend unterhalten kann – den Achtjährigen, der sich zu Weihnachten die ersten Fußballschuhe wünscht. Und Oma und Opa, die 1954 schon live mitgejubelt haben. Wetten, dass..? ist Geschichte, bald wird das Musical die letzte Familienkommunion im Zeichen des Entertainments sein. Das heißt: noch mehr Touristen für Hamburg. Schäm dich schon mal vor, Kulturmensch.