Auf dem Umschlag von Neil Gaimans Roman Der Ozean am Ende der Straße prangt ein Zitat von Daniel Kehlmann: "Ein poetisches Juwel, wie man es nicht oft zu lesen bekommt." Kehlmann muss in einer großzügigen Laune gewesen sein, als er dieses Lob spendierte. Ein "Juwel" ist das Buch sicherlich nicht, und wenn man unter "poetisch" die Kunst versteht, aus Sprache eine Welt zu erschaffen, so ist Gaimans Welt ausgesprochen ärmlich.

Das Problem des Buches ist leider auch ein Übersetzerproblem. Auf der ersten Seite ist von einem Ententeich in der Nähe eines Bauernhofes die Rede, und Hannes Riffel übersetzt wie folgt (in Klammern Korrekturvorschläge): "Er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es (er) sei ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch. Sie behauptete, sie wären (seien) von jenseits des Ozeans hierhergekommen, aus der Heimat. Ihre Mutter sagte, Lettie könne sich nicht mehr richtig daran erinnern, schließlich sei es schon lange her, und außerdem wäre (sei) ihre Heimat untergegangen. Die alte Mrs. Hempstock – Letties Großmutter – behauptete, sie hätten beide unrecht, und das Land, das untergegangen sei, wäre (sei) gar nicht ihr Heimat gewesen. Sie sagte, an ihre wirkliche Heimat könne sie sich nicht erinnern. Sie behauptete, ihre wirkliche Heimat wäre (sei) in die Luft geflogen."

Der Unterschied zwischen Konjunktiv I, der die indirekte Rede markiert, und Konjunktiv II, der dem Möglichen, Gewünschten, Nichtwirklichen Ausdruck gibt, ist dem Übersetzer offenbar Jacke wie Hose, sonst hätte er nicht beide gleichgültig nebeneinandergesetzt, obwohl hier der Modus immer derselbe ist: Jemand behauptet etwas, hält es also für zutreffend oder möchte den Eindruck erwecken, es sei zutreffend. Der Satz "ihre Heimat wäre untergegangen" bezeichnet etwas, was nicht passiert ist, und sinngemäß müsste er etwa so weitergehen: "... wenn nicht rechtzeitig Hilfe gekommen wäre."

Selbst wenn wir die Konjunktivregel großzügig außer Acht lassen wollten – ich kann nicht finden, dass diese Sätze literarisches Können verraten. Eher handelt es sich um einen Mitteilungsstil, der sich mühsam von Satz zu Satz vorantastet. "Unser Haus war groß und hatte viele Zimmer, was gut war, als sie es kauften und mein Vater Geld hatte; später dann eher weniger." Gleichgültig, wer den Satz verbockt hat, Gaiman oder Riffel, ich verstehe ihn nicht. Das Haus war groß, und das war gut. Diese Qualität bestand aber auch schon vor dem Kauf und sicherlich auch danach. Und was heißt "später dann eher weniger"? War die Qualität des Hauses "später dann eher weniger" gut, oder hatte der Vater "später dann eher weniger" Geld? Rätselhaft.

Neil Gaiman ist vernarrt in seine Umständlichkeiten. "Ich ging durch das Schlafzimmer meiner Eltern auf den Balkon, der vor diesem Zimmer und dem Kinderzimmer verlief." Das ist wirklich erschöpfend genau beschrieben, ebenso wie diese Szene: "Ich half ihr, die Blumen in die Vasen zu stellen, und sie fragte mich nach meiner Meinung, wohin in der Küche sie die Vasen stellen sollte. Dort stellte sie sie dann auch hin." Doch wie kamen die Blumen in die Küche? "Die alte Mrs. Hempstock breitete ihre Schürze auf dem Küchentisch aus und schob die Narzissen mit raschen Bewegungen auf das Holz." Vielleicht doch eher auf die Holzplatte oder auf die hölzerne Tischplatte? "Ich fragte mich, ob jetzt ein guter Zeitpunkt sei (wäre), um das Grundstück zu verlassen und die kleine Landstraße hinunterzugehen, aber ich war mir sicher, dass ich mich, sollte ich das versuchen, bald dem zornigen Gesicht meines Vaters gegenübersehen würde." Sich dem Gesicht des Vaters gegenüberzusehen ist eher weniger poetisch gesagt als vielmehr unbeholfen. An den Übersetzer geht die Frage, was eine "kleine Landstraße" ist. Ein Feldweg? Eine schmale Straße? Eine kurze Seitenstraße?

Allzu oft merkt man dem Text an, dass er aus dem Englischen stammt. " ›Meine Schwester behauptet, ich hätte aus dem Gestrüpp (Gebüsch?) mit Münzen nach ihnen geworfen, aber das hab ich nicht.‹ – ›Nein‹, pflichtete sie mir bei, ›hast du nicht.‹ " Kann man behaupten, dass Hannes Riffel Deutsch kann? Nein, kann man nicht. "Als ich das Bauernhaus – durch die Hintertür – betreten hatte, stand ein Vollmond am Himmel, und es war ein wunderschöner Sommerabend. Als ich ihn durch die Vordertür verließ, war der Mond, hoch oben am wolkigen Himmel, zu einem weißen Lächeln gekrümmt." Das "weiße Lächeln" ist hübsch, wobei wir hoffen, es handele sich nicht um ein "weises". Es fragt sich jedoch, worauf sich das "ihn" in dem Satz "als ich ihn durch die Vordertür verließ" bezieht. Auf den Vollmond? Wahrscheinlich stand in der ersten Fassung "Bauernhof". Gibt es eigentlich Lektoren bei Eichborn?

Fügen wir an, worum es geht. Ein älterer Mann gerät durch Zufall an einen prägenden Ort seiner Jugend, und er erinnert sich daran, welche Ängste er als Siebenjähriger durchlitten hat. Seine Freundin Lettie ist elf Jahre alt. Ihre Mutter und ihre Großmutter sind gute Geister, die zaubern können und bei denen er Hilfe findet. Die benötigt er auch, denn zu Hause sind ein autoritärer, verständnisloser Vater und eine Haushälterin, eine böse Fee, vor der er sich tödlich fürchtet. Wir haben es mit einer Kinder- und Kindheitsgeschichte zu tun, die mit märchenhaften Motiven und gruseligen Harry Potter-Effekten spielt. Sie ist nicht sehr originell, und man könnte sie entspannt lesen, wäre sie nur besser geschrieben und besser übersetzt.

Der britische Autor Neil Gaiman, Jahrgang 1960, hat viele Romane, Comics und Kinderbücher publiziert. Dieses Buch stand 2013 auf der Bestsellerliste der New York Times. Auch hierzulande findet es regen Zuspruch, sogar den Beifall der FAZ, die sich an der miserablen Übersetzung nicht gestört hat. Die ersten Sätze von Gaimans Nachbemerkung "Dieses Buch ist das Buch, das Sie gerade gelesen haben. Es ist zu Ende" empfand ich als eine ebenso überraschende wie tröstliche Mitteilung.