Jahrzehntelang haben wir den Multikulti-Traum gelebt: Wir haben es nicht nur für möglich, sondern auch für erstrebenswert gehalten, dass verschiedene Kulturen, ungeachtet ihrer Unterschiede, friedlich zusammenleben. Und – wir meinten, um diesen Traum zu verwirklichen, würden allgemeine Regeln ausreichen.

Doch mehr und mehr erweist sich diese Überzeugung als falsch. Die Gefühle des Volkes in der Schweiz und in Europa sind ganz anders. Das zeigt die Abstimmung vom 9. Februar ebenso wie die erstarkten, nationalistischen Parteien in Europa.

Die aufklärerische Meinung, dass allgemeine Regeln genügten, mitunter auch solche, die nicht einmal in den Werten der einzelnen Kulturen verwurzelt sind, scheint falsch zu sein. Wir müssen darum unsere Haltung in Bezug auf die Migration, Integration und das friedliche Zusammenleben überdenken.

Ein großer Intellektueller hat das längst erkannt: Schon 1996 mahnte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in seinem Bestseller The Clash of Civilizations davor, dass kulturelle Unterschiede zu einem neuen Krieg führen könnten. 2004 doppelte er nach mit seinem Buch Who Are We? The Challenges to America’s National Identity, in dem er davor warnt, dass die neuen Einwanderer sich nicht mehr richtig integrieren. Auch Ernesto Galli della Loggia, ein bedeutender italienischer Intellektueller, vertritt seit Kurzem die Ansicht, dass das Zusammenleben von Gesellschaften eher von der "Tiefe identitärer Bindungen und vom psychologischen und emotionalen Teilen geschichtlicher Werte" abhängt als von nüchternen Verfassungsbestimmungen.

Es war ein Fehler, dass wir in Europa versucht haben, unsere Identität von unserer Geschichte, unseren Bräuchen und unserem Glauben zu entkoppeln und sie mit abstrakten Regeln zu ersetzen. Denn es hat uns dazu gebracht, unsere abendländische Kultur zu schwächen und die Bindungen zu unseren Traditionen zu brechen. Dies zugunsten einer Gesellschaft, die "ohne Werte und Geschichte, bestehend nur aus universellen Regeln, die als oberste Werte betrachtet werden" lebt. So beschreibt es Galli della Loggia. Gedanken wie diese könnten auch uns Antworten auf die Frage geben, warum die Feindseligkeit gegenüber "den anderen" bei uns gewachsen ist.

Es wäre sicher ungerecht und dumm, Migranten anhand von Vorurteilen zu pauschalisieren und zu vergessen, was sie für die Entwicklung der Schweiz getan haben. Aber wir müssen uns fragen, ob gewisse, auch übertriebene Reflexhandlungen inner- und außerhalb der Schweiz nicht von einer abstrakten, verfehlten Politik seitens der Elite und der Verwaltung stammen.

Die Idee, dass man nichts tun muss, damit sich Ausländer wirklich integrieren, hat nicht funktioniert. Viele sind schlicht nicht integriert. Und so sind in einigen Ländern wie in Großbritannien Parallelgesellschaften entstanden, in denen sogar die Scharia angewendet wird. Dass dies in der heimischen Bevölkerung ausländerfeindliche Reflexe entzündet, ist nachvollziehbar.

Eine nüchterne und intelligente Auseinandersetzung mit dem Multikulturalismus und der Immigrationspolitik tut darum not.