Man muss wissen, dass die Sondierungsergebnisse von Linken, SPD und Grünen so viel Spektakuläres nicht enthalten, sie drehen sich um bezahlbaren Wohnraum und Geschlechtergerechtigkeit, Verbraucher- und Umweltschutz oder Kulturlandschaftsprogramme. Es könnte, sagen manche, durchaus passieren, dass hier bald eine ziemlich durchschnittliche Regierung ziemlich durchschnittliche Politik macht und sich von der Vorgängerregierung vor allem dadurch unterscheidet, dass alle freundlich miteinander umgehen. Es könnte sein, dass Deutschland angsterfüllt nach Erfurt blickt, obwohl Thüringen das Gegenteil einer Revolution erwartet: maximale Biederkeit. "Wir machen hier normale, solide Fachpolitik", sagt sogar Ramelow.

Und trotzdem interessiert sich die Republik für ihn, liegt so viel Last auf seinen Schultern wie vielleicht nie in seinem Leben als Politiker, das spürt er.

Ein Besuch in seinem Büro, vor wenigen Tagen. Ramelow kommt gerade von der Kfz-Zulassungsstelle, er hat sich neue Nummernschilder besorgt. Und die alten provokant auf den Schreibtisch gestellt, damit jeder weiß, was ihm widerfahren ist. Ramelow ist eben Kampagnero.

Hat er sich darauf eingerichtet, dass sich sein Leben ändert? "Das ist eine akademische Frage. Ich musste mich ja schon lange darauf einrichten. Ich bereite mich nicht erst seit gestern darauf vor. Ich weiß nicht erst seit gestern, dass es Widerstand geben wird." Ramelow versucht, entspannt auszusehen, wie ein Urlauber. Die Arbeit, sagt er, machten gerade viele andere, Fachpolitiker. Die Koalitionsverhandlungs-Arbeitsgruppen tagen, auch während dieses Gesprächs. Es beruhige ihn, sagt Ramelow, wie beflissen alles ablaufe. Harmonisch. "Was wir da tun, verändert auch die Linke. Kompromisse, die vor Wochen undenkbar schienen, sind plötzlich kein Problem mehr."

Vor allem die Kompromisse in den DDR-Debatten. Den Streit um die Verantwortung fürs SED-Unrecht moderiert Ramelow mit ungekannter Routine. "Die DDR wird für immer in unserem Rucksack bleiben", solche Sätze sagt er. "Ich muss damit leben, dass Menschen sich verletzt fühlen, wenn sie mein Gesicht sehen. Ich kann mir Respekt nur durch Aufarbeitung erarbeiten. Da mache ich mir nichts vor." Und ihm macht keiner mehr etwas vor darin, wie ein Linker über die DDR reden soll.

Dass ein Westdeutscher – Ramelow ist in Niedersachsen geboren – der Linkspartei ihre DDR-Geschichte aufarbeitet, ist von feiner Ironie. Die Unrechtsstaats-Debatte, sagt Ramelow, habe der Linken gutgetan: Sie werde inzwischen auch in den Landesverbänden von Sachsen-Anhalt und Sachsen oder im Bund geführt, sei das nicht gelebte Aufarbeitung? Ob man gesehen habe, wie konsequent Linken-Chefin Katja Kipping bei Maybrit Illner erklärt habe, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei? Wenn man ihm dann entgegnet, dass einige Mitglieder seiner Partei noch das Gegenteil erzählen – in der BRD gebe es doch schließlich ebenfalls Unrecht, zum Beispiel –, antwortet Ramelow: Auch in anderen Parteien gebe es eigenartige Ansichten.

"Die Debatte um die Linke wird sich legen. Erst mal wird der Ministerpräsident gewählt, dann ist Weihnachten. Alle Minister übernehmen ihre Häuser, und wenn das neue Jahr anfängt, haben wir Ruhe, um zu arbeiten." Das ist kein Satz von Bodo Ramelow, sondern der eines SPD-Mannes, des Bundestagsabgeordneten Carsten Schneider. Schneider ist neuer Vize-Landeschef der Thüringer SPD. "Viele Journalisten sind sehr aufgeregt, dass wir Rot-Rot-Grün probieren wollen", sagt Schneider. "Aber innerhalb der Partei ist das anders. SPD-Mitglieder aus ganz Deutschland stärken uns den Rücken. Sie wissen, dass die CDU selbst schuld ist daran, dass wir die Regierung mit ihr nicht fortsetzen wollen."

Tatsächlich sind sich viele in der SPD einig, dass die Linke mit ihren zweifelhaften außenpolitischen Ansichten im Bund zwar bei Weitem nicht regierungsfähig wäre. Dass sie aber in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gebraucht wird – weil auf lange Sicht nur mit der Linken hier eine Regierung gebildet werden kann, die nicht von der CDU geführt ist. Ohne die Linke als Partei, die potenziell in der Lage ist, einen Premier zu stellen, kann es in diesen drei Ländern nie einen echten Regierungswechsel geben. Ohne domestizierte Linke keine komplett funktionierende Demokratie. Das leuchtet vielen ein.

Zumal, wenn einer wie Ramelow sagt, die Staatskanzlei werde nicht seine "Privatkemenate" sein, nicht "Außenstelle der Linken", sondern: "Zentrum des rot-rot-grünen Koalitionsvertrages". Daran muss er sich messen lassen. Er redet von "drei Parteien auf Augenhöhe". Das ist eine andere Kultur als bei Koalitionsverhandlungen mit der CDU, die wenig gebe und viel fordere, wie viele Sozialdemokraten sagen.

Auch bei den Grünen verfängt Ramelows Klima-Programm. Anja Siegesmund, die Fraktionschefin, ist eine enge Vertraute der Realo-Grünen Katrin Göring-Eckardt. Man hätte vor der Wahl nicht damit gerechnet, dass Siegesmund sich mit Furor in eine rot-rot-grüne Koalition stürzen würde, aber die Aussicht auf ein Bündnis, in dem die Atmosphäre stimmt und Grüne wichtig sind, hat sie überzeugt.

"Ich mache mir schon Gedanken", sagt Siegesmund, "wenn der Bundespräsident die Koalition zum Thema macht, die wir hier eingehen wollen." Andererseits habe ihr Ringen um Aufarbeitung geholfen, "diese Debatte auf die Bundesebene zu heben. Da gab es in den vergangenen Wochen mehr Bewegung als in den zehn Jahren zuvor." Siegesmund sagt, der Zuspruch aus der eigenen Partei, aus ganz Deutschland, helfe ihr, durchzuhalten. "Wir sagen bei jeder Gelegenheit, wie schwer wir uns mit der Vergangenheit der Linken tun. Diese Koalition gäbe es nicht, wenn sich die Linke da nicht bewegen würde." Und so wird es mit jedem Tag wahrscheinlicher, dass Bodo Ramelow eben nicht scheitert. Dass die CDU in der Opposition landet. In der vorigen Woche brach der Machtkampf innerhalb der Union offen aus. Mehrere Provinzfürsten forderten offen Lieberknechts Rückzug vom Parteivorsitz – und den Aufstieg des Landtags-Fraktionschefs Mike Mohring in dieses Amt.

Auf einer Art Townhall-Meeting im Örtchen Emleben nahe Gotha schaffte es Lieberknecht in letzter Minute, sich noch etwas Zeit zu kaufen. In einer Schulturnhalle waren hier am vergangenen Sonnabend die Orts- und Kreisvorsitzenden mit dem Landesvorstand zusammengekommen. Auch Altpremier Bernhard Vogel reiste an. Die Veranstaltung wurde zur ultimativen Krisensitzung, sie endete in einem Schwur: Nur, wenn wir noch ein paar Wochen zusammenhalten, wahren wir die Restchance, Ramelow scheitern zu sehen.

Journalisten waren nicht zugelassen, aber die Reden schallten vor die Tür. Die Geschlossenheit sollte man hören können. Man müsse, rief etwa Fraktionschef Mike Mohring in den Saal, "diesen Stasispitzeln, diesen Extremisten, diesen Schotterern die Stirn bieten." Das Angebot an die SPD, unter Lieberknecht eine Koalition zu bilden, stehe. Und falls Ramelow gewählt werde, gelte: "Wir treiben diese Bande vor uns her!" Der Saal tobte.

Bis zum 5. Dezember, bis zum Tag der Wahl im Landtag, wird diese Eintracht vielleicht halten.