In einem abgelegenen Haus am Waldrand leben die Geschwister Annie und Rew mit ihrer Großmutter. Die Mutter habe die Kinder verlassen, der Vater sei tot, mehr erzählt die Großmutter nicht. An schlechten Tagen spricht sie überhaupt nicht, sondern starrt nur vor sich hin und vergisst darüber, zu kochen, einzukaufen und aufzuräumen. An solchen Tagen flüchten sich die Geschwister in den "Zebrawald", den sie so nennen, weil sich dort weiße Birken mit dunklen Eichen abwechseln. Unter den Bäumen erfindet Annie für Rew Geschichten über ihren Vater, macht aus ihm einen verwegenen Seeräuber, einen Goldgräber, Geheimagenten.

Wie eng der Rückzugsort der Kinder ist und wie sie aus ihrer schattigen Welt herausfinden, in der die hellen und dunklen Bäume sie wie Gitterstäbe einer Gefängniszelle gefangen halten, das erzählt Adina Rishe Gewirtz in ihrem Debütroman Zebrawald. Der Weg in die Freiheit beginnt aber mit einem brutalen Überfall: Ein entflohener Sträfling dringt ins Haus ein und nimmt die Kinder und ihre Großmutter als Geiseln. Und als wäre das nicht Schock genug, stellt sich noch heraus, dass dieser Mann ihr Vater ist, dass er gar nicht gestorben war, sondern jahrelang wegen Totschlags im Gefängnis saß.

Während Rew den Vater rundheraus ablehnt, bewegt sich Annie auf ihn zu. Und erfährt so, erst durch die Begegnung mit ihm, von den Zwischentönen des Lebens. Je länger die Gefangenschaft andauert, desto klarer erkennt sie, dass ihr Vater zwar ein Verbrecher ist, aber nicht nur. Sie versteht, dass Menschen gleichzeitig gut und schlecht sein können, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist. Das Leben ist anders als die Baumstämme des Zebrawaldes.

Mit dieser Metapher des Waldes spielt die Autorin gekonnt über die gesamte Handlung hinweg, um die inneren Konflikte zu beschreiben, die Annie und ihr Bruder durchleben. Und schließlich verwandelt sich der Wald, der ein Gefängnis war, in das Tor zu einer Welt voller Möglichkeiten.