Der Landtag in Düsseldorf befasst sich in einer langen Debatte mit dem Wert von Kunst jenseits ihres Preises: Dieses Ereignis war kulturell wahrscheinlich die einzige positive Konsequenz aus der Versteigerung der beiden frühen und deshalb wertvollen Warhol-Gemälde aus dem Aachener Kasino. Bei Christie’s in New York spielten sie in der vergangenen Woche 135 Millionen Dollar ein (ohne das Aufgeld von Christie’s); die Warhols waren der Höhepunkt einer Rekordauktion mit 853 Millionen Dollar Umsatz.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft stand seit Wochen massiv unter öffentlichem Druck – weil die WestSpiel, ein Tochterunternehmen eines Tochterunternehmens des Landes, die beiden großformatigen Gemälde am Parlament vorbei zur Auktion eingeliefert hatte (ZEIT Nr. 44/14). Aus dem Erlös will Finanzminister Norbert Walter-Borjans die sterbende Glücksspielbranche subventionieren, während gleichzeitig die ebenfalls landeseigene Koordinierungsstelle Glücksspiel in teuren Aufklärungskampagnen und -broschüren ("Glücksspiel – Ich mach das Spiel nicht mit") auf deren hohes Suchtpotenzial hinweist.

Nicht nur die Kulturstaatsministerin in Berlin, auch der Deutsche Kulturrat, der Bundesverband Bildender Künstler, zwei Dutzend namhafte Museumsdirektoren und zahlreiche weitere Verbände und Initiativen hatten auf den Tabubruch hingewiesen, den der Warhol-Verkauf für das Selbstverständnis einer Kulturnation bedeute. Bislang war Konsens, dass – auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte – Kunst aus öffentlichem Besitz nicht verkauft wird. Das werde auch weiterhin so bleiben, beeilt sich die Landesregierung nun zu versichern. Familien- und Sportministerin Ute Schäfer, die auch das Kulturressort mitverwaltet, kündigte einen Runden Tisch an, an dem über die Zukunft von landeseigenem Kunstbesitz beraten werden solle.

Finanzminister Walter-Borjans lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass weitere Verkäufe nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich sind. Und dass es dabei nicht nur um die Kunstsammlung der zur landeseigenen NRW.Bank gehörenden WestSpiel GmbH & Co. KG geht, zu der unter anderem noch Werke von Robert Indiana, Helen Frankenthaler, Mel Ramos oder Kenneth Noland zählen, sondern auch um bedeutende Kunstwerke und Musikinstrumente aus dem Besitz der ehemaligen Landesbank WestLB.

Deren Rechtsnachfolgerin nämlich, die Portigon AG, wird durch die erst im Januar gegründete hundertprozentige Tochtergesellschaft Portigon Financial Services abgewickelt: Spätestens 2017 sollen alle Firmenteile bis auf eine Restgesellschaft, die langfristige Aufgaben wie Pensionen und Immobiliengeschäfte erledigt, verkauft und aufgelöst abgewickelt sein. Die dafür notwendigen Mittel, so der Finanzminister, müsse Portigon aus dem bestehenden Betriebs- und Geschäftsvermögen aufbringen – und zu dem zählen unter anderem Werke von August Macke, Gabriele Münter, Paul Signac und Giovanni di Paolo, von Morris Louis, Henry Moore, Eduardo Chillida und Victor Vasarély, von Joseph Beuys, Gotthard Graubner, Isa Genzken, Hans Peter Feldmann, Günter Uecker, Otto Piene, Heinz Mack und Imi Knoebel – insgesamt viele Hundert Arbeiten, von denen einige zurzeit an Museen in Bonn, Münster und Dortmund ausgeliehen sind. Daneben besaß die WestLB eine umfangreiche fotografische Sammlung mit Werken von Bernd und Hilla Becher und ihren Schülern sowie die Stradivari-Violinen Ex Croall von 1684, die an Suyoen Kim ausgeliehen ist, und die 1711 gebaute Lady Inchquin, die zurzeit Frank Peter Zimmermann spielen darf. Für dieses Instrument liegt angeblich bereits ein Gebot aus Korea vor. Laut Portigon gibt es bislang aber "keinerlei Entscheidungen".

Kräftiger kann das Unternehmen alle möglichen Verkaufsgerüchte, die die Warhol-Auktion ausgelöst hat, weder jetzt noch in Zukunft dementieren. "Das Aktienrecht unterscheidet beim Betriebs- und Geschäftsvermögen nicht zwischen Kunstwerken, Immobilien und anderen Sachwerten", erläutert Unternehmenssprecher Walter Hillebrand-Droste. "Für die Restrukturierung und Selbstauflösung werden rund 4,2 Milliarden Euro benötigt. Diese Summe kann nur aus dem eigenen Kapital kommen." 28 Millionen Euro beträgt nach Angaben des Finanzministeriums allein der Versicherungswert der bankeigenen Kunstsammlung zurzeit. Weil ein komplettes Inventar als "Betriebsgeheimnis des Unternehmens" gewertet und nur einzelne Bilder genannt werden, ist eine Aussage über ihren kunsthistorischen Wert nicht möglich.

"Die jetzt diskutierten Kunstwerke gehören zum Betriebsvermögen einer Aktiengesellschaft des Landes und stehen nicht zur freien Verfügung des Landes", bestätigte auch Finanzminister Norbert Walter-Borjans vor dem Düsseldorfer Landtag. "Wir sind verpflichtet, alle Vermögenspositionen zu verwerten. Die Entscheidung über die Kunstwerte unterliegt nach Aktienrecht den Gremien der Portigon AG, ein unmittelbarer Zugriff des Landes ist ausgeschlossen, weil es sich um eine gegenüber dem Land eigenständige juristische Person handelt."

Anders hat sich auch die CDU/FDP-Vorgängerregierung nicht verhalten: Schon 2006, unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und seinem Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, hatte die WestLB freihändig ein Selbstbildnis von Max Beckmann für 13,2 Millionen Euro verkauft. Der damalige Finanzminister Helmut Linssen erinnert sich, dass das Gemälde im folgenden März auf der European Fine Art Fair am Stand der Marlborough Galleries für mehr als das Doppelte angeboten wurde. Damals wurde über eine Stiftung diskutiert, die mit der landeseigenen Kunstsammlung NRW in Düsseldorf kooperieren und den Kunstbesitz von WestLB, NRW.Bank und WestSpiel aufnehmen sollte. Die Idee wurde nie umgesetzt.