Er bestellte von neun Autoren ein Textmosaik, ließ es im Programmbuch des wichtigsten Festivals drucken, das es für zeitgenössische Musik gibt, und fügte eine eigene "Gegendarstellung" an. Das war typisch. Viel Spielraum, nichts Vergrämtes, Kontroversen gern vor den Kulissen. In diesem Jahr, dem letzten, das Armin Köhler selbst kuratiert hat, ging es bei den Donaueschinger Musiktagen um Mehrfachbegabung. Während sich, so der Intendant, die "Spezialisierung der Gesellschaft ausdifferenziert", erwarte diese zugleich den "Allrounder". Dieses Paradox interessiere ihn, und nicht, ob ein John Cage auch Gärtner gewesen sei.

Köhler war selbst ein spezialisierter Allrounder. Posaunist, Musikologe, Lektor für neue Musik, von 1992 an Chef auf dem grünen Hügel der Avantgarde. Ein zierlicher, blasser, auf den flüchtigen Blick unauffälliger Mann war da aus der Ex-DDR angerückt, um die Musiktage vom brodelnden Josef Häusler zu übernehmen. Köhler war keine westlich durchtrainierte Betriebsnudel, das Gegenteil eines dominanten Charismatikers. 1952 im Erzgebirge geboren, glaubte er an den Diskurs, er liebte das Risiko der Irrwege, ohne die kein Bahnbrechen möglich ist, und sanft brach er das Gehege auf.

Zum ersten Mal wurde nun in Donaueschingen auch Musik von Sofia Gubaidulina gespielt, deren Vertrauen auf Visionen und Transparenz in der "Szene" eingespielter Widerborstigkeitsrituale belächelt wurde – und höre da, das Publikum reagierte mit Wärme, genoss den Ostwind und musste auf Hinterfragungsapostel wie Dieter Schnebel dabei nicht verzichten. Mit den fast 400 Kompositionen, die Köhler als Redaktionsleiter des SWR seither in Auftrag gab, förderte er die Ironie nicht minder als die tiefere Bedeutung und die neuen Namen nicht weniger als die Fortschreibungen großer Œuvres wie etwa das Wolfgang Rihms.

Rihm wetterte in Donaueschingen öffentlich: "Nur Scheiße darf noch teuer sein!" Es war in jenem Jahr 1996, als ein weltweiter Proteststurm und Armin Köhlers leise Beharrlichkeit die Halbierung des Festivals verhinderten. Der Erneuerer hatte dem ritualisierten Avantgardefest Fenster und Türen geöffnet, zu neuen Medien, zum Einsatz von Satelliten und Folkloreinstrumenten, später folgten Laptops und, ja doch, Schafsblökdosen. Das konnte er sich leisten, weil Jahr für Jahr auch nachgewiesen wurde, zu welchen Weiterungen ein Sinfonieorchester fähig ist – jenes jedenfalls, um dessen Zukunft noch immer gekämpft wird.

Denn nur dem SWR-Sinfonieorchester konnte Köhler zumuten, sich etwa den Limited Approximations von Georg Friedrich Haas zu stellen, mit sechs Klavieren im Zwölfteltonabstand. Wie schmelzendes Geröll fließen ihre Töne durch Schichten des Orchesters. Die Uraufführung war 2010 eine jener halben Stunden, in denen Musikgeschichte gemacht wird. Solche Starts brauchen aber auch das Klima, die Betriebstemperatur, den Geist eines Festivals, dem Armin Köhler mit feinem Lächeln den ideologischen Ton der Fortschrittlichkeit ausgetrieben hat, ohne zur Entspannung einzuladen.

Er stellte Fragen, die den Antworten gewachsen waren. Nach Musik und Maschine, nach dem Streichquartett, zuletzt nach dem Paradoxon. Dass dabei selbst ein vermeintlich alter Rebellenhut wie die Zertrümmerung eines Konzertflügels existenziellen orchestralen Mehrwert erzeugen kann wie das Klavierkonzert von Simon Steen-Andersen, das hat Köhler, bereits schwer erkrankt, nicht mehr mit seinem Publikum erlebt. Am vergangenen Samstag ist er, 62-jährig, gestorben. Er, den man nie aufstampfen sah, hinterlässt umso tiefere Spuren. Für seinen Nachfolger Björn Gottstein wird es nicht leicht.