Die Bayreuther Festspiele des 21. Jahrhunderts engagieren Künstler nach dem Lotterieprinzip. Gern verpflichten sie fachfremde Regisseure und sorgen damit für das Raunen des Feuilletons (wie bei Lars von Trier, Wim Wenders und Jonathan Meese), doch insgeheim rechnet die Festspielleitung damit, dass die Herrschaften vor dem hehren Wagner kapitulieren und wieder absagen. Zum Leidwesen von Katharina und Eva Wagner verspürte ausgerechnet der Unreifste von ihnen, der Maler und Performance-Künstler Meese – der mit dem juristisch lizensierten Hitlergruß –, eine solch umgebremste Lust auf Parsifal im Jahr 2016, dass die Herrinnen vom Hügel am Ende selbst den Stecker aus der Wand zogen. Ihren obersten Buchhalter ließen sie ausrufen: Der Mann überzieht sein Budget, das können wir nicht verantworten. Es soll nie wieder so werden wie zu Zeiten Wagners, dessen Miese auf dem Konto weltberühmt waren.

Wie üblich steht auch in dieser Causa Aussage gegen Aussage; Meese sagt, er habe sogar eine Bürgschaft angeboten. Keiner kann das nachprüfen; das Bayreuther Finanzwesen ist so transparent wie der Pulverdampf im Finale der Walküre. Der Wahrheit am nächsten dürfte diese Lesart kommen: Die Intendantinnen bekamen kalte Füße, nachdem sie ihr Publikum unlängst erst wegen Frank Castorfs Ring oder Sebastian Baumgartens Tannhäuser beschwichtigen mussten. Dabei war Castorfs Rheingold-Regie eine der aufregendsten Produktionen, die je am Grünen Hügel zu sehen waren. Angeblich soll der Regisseur, der ebenfalls im Knatsch von Bayreuth schied, den Ring zu weiten Teilen eher improvisiert als geprobt haben. Das stand dem Werk nicht übel an; Wagner verträgt Kintopp, Slapstick, Farce, Séance und Satyrspiel, vielleicht jedwede Form des szenischen Spielcharakters besser als gedacht. Das sah man bei Hans Neuenfels’ wundervoller Lohengrin-Regie, die wegen ihrer Ratten-Allegorien anfänglich verwünscht wurde und mittlerweile, einige Jahre später, Kultcharakter besitzt.

Die Intendantinnen hätten auch Meese gewähren lassen sollen. Vielleicht hätten uns Normalsterblichen, die wir noch nicht so erstarrt sind wie die Gralsritter, und dem sehr weihevollen Parsifal einige Turbulenzen gutgetan. Meese wurde gewiss geopfert, weil einflussreiche Wagnerianer eine Schändung befürchteten. Dabei ist der Mann eigentlich ungefährlich – er spielt mit Förmchen im Lehm und ruft: Guckt, wie schmutzig ich bin! Das tut er am liebsten, wenn Kameras in der Nähe sind. Stille Kunst kann Jonathan Meese nur im Hobbykeller. Auch darin ist er Richard Wagner nicht unähnlich.