Je mehr Globalismus und Medien die Welt formatieren, desto mehr wächst die Sehnsucht nach spezifischen Orten. Im Café A. Horn am Landwehrkanal treffe ich Ricarda Messner, die ihre Kindheit am Ku’damm verbracht hat. Nach ihrem Studium an der auch nicht weit vom Ku’damm entfernten Universität der Künste ließ sie sich noch tiefer aufs heimatliche Milieu ein und gründete die Zeitschrift Flaneur, um die "hässliche kleine Schwester" des Prachtboulevards, die Kantstraße, zu porträtieren. Ihrem Prinzip treu, zog das Team für die nächsten Nummern je zwei Monate nach Leipzig und Montreal. Dort widmete es sich emotionalen Feuerstellen, einer Fußballbar namens Abseitsfalle oder einem mit Büchern randvollen Friseurgeschäft, das die Kunden vor allem zur Seelsorge nutzen. Dabei geht es mehr um eine Stimmung als um handliche Fakten. Ist die poetische Simultanübersetzung der Wirklichkeit doch eine Spezialität der Facebook-Generation, in der jeder Kommunizierende seine eigene Redaktion betreibt: ein Bild, ein Satz, die Nachricht steht; so lernt man das Edieren.

Auch der Hamburger Juwelier Wempe hat sich auf eine Weltreise gemacht und im historischen Kaufhaus Jandorf eine unverkäufliche Kollektion von zwölf Ringen vorgestellt, die ebenso vielen Weltstädten gewidmet sind und doch vor allem die Kunstfertigkeit des hauseigenen Ateliers in Schwäbisch Gmünd demonstrieren sollen. Die Designerin Catherine Plouchard betonte, dass es bei der Gestaltung nicht um Wahrzeichen, sondern den persönlichen Eindruck, das intimere Flair der Metropolen ging. Unter dem schwungvollen Treppenaufgang des Atriums, das einst auch für Defilees genutzt wurde und nun dem Flying Buffet als Plattform diente, mischten sich die Goldschmiede, Setzer und Steineinkäufer unter die Gäste. Von San Francisco, Kapstadt und Rio de Janeiro wussten sie nur vom Hörensagen. Als vielleicht letzte Bastion der bescheiden Reisenden sind sie oft gleich nach der Schule in ihren Beruf eingetreten und haben ihren Heimatort selten verlassen. So haben sie das ganze unverbrauchte Fernweh in die Ringe gelegt und wirkten entsprechend zufrieden. Nur Kim-Eva Wempe reisten ihre Meisterstücke fast zu schnell: "In China werden sie schon wild getwittert", seufzte sie erschöpft.

Das Wochenende gehörte Shantel. Wenn sein Balkanorchester in die Stadt kommt, bricht eine Naturgewalt über Berlin herein. Uralte Kirmesklänge fusionieren mit der Wucht serbischer Trauermärsche, türkischen Schlagerpirouetten, ornamental-byzantinischen Skalen, Punk, Blues, Twist und Rock ’n’ Roll zu einer anarchischen Symbiose. Das Wichtigste ist der Drive, der in seriellen Irrsinn mündet, wenn die Tempi sich überschlagen, Kniekehlen und Trompeten pumpen und das Auditorium kocht wie ein Fußballstadion. Mit seinem postmodernen Gypsy-Cocktail rührt Shantel an tief vergrabene Wurzeln: "Bach hat den freien Gesang, das Chaos, das vorher da war, gebügelt, die emotionale, spontane Art, Musik zu machen. Ich glaube, dass viel Magie entsteht, wenn man mit sogenannten Dissonanzen jongliert." Wenn die Hipster nicht gerade für Selfies am Bühnenrand posierten, gingen sie hemmungslos in die Vollen. Endlich hatte Berlin den Anschluss an die Provinz gefunden, den es den dezentrierten Amerikanern mit ihrer Folk Music, ihren Open Mics und Holzfällerhemden lange geneidet hatte. Man erkannte sich in diesen bärtigen Typen, die sich so grenzenlos verausgaben konnten, die außen hart und innen weich waren und einen Striptease bis aufs Schiesser-Hemd hinlegten, mit einem Stick-Wirbel-Trick obenauf. "Sagen wir mal", resümierte Shantel, "ich finde es gut, wenn man den Moment maximal nutzt."