Gegen zehn Uhr an diesem Novemberabend sitzt Campino auf den Stufen vor den Teldex-Studios in Berlin-Lichterfelde und atmet aus: "Es ist ein unpeinlicher Song geworden. Das war das Ziel."

Wenige Wochen ist es her, da erreichte den Sänger der deutschen Band Die Toten Hosen in einem Hotel in Spanien der Anruf seines alten Bekannten Bob Geldof. Große Sache, so der weltbekannte Spendensammler Geldof, jetzt müssten alle noch mal zusammenhalten. Die UN hätten ihn um Unterstützung gebeten: Anlässlich des dreißigsten Jubiläums des Songs Do They Know It’s Christmas?, 1984 als Hilfe gegen den Hunger in Äthiopien aufgenommen, solle der Song in Frankreich, England und Deutschland neu eingesungen und aufgelegt werden – es ginge um Soforthilfe für das von der tödlichen Ebola-Seuche betroffene Westafrika. Campino sagte zu, den deutschen Beitrag zu organisieren – wohl auch deshalb, weil der Freund am Telefon ihm kaum eine andere Wahl ließ.

Rund 250 Millionen Dollar hat Geldof mit Do They Know It’s Christmas? und seinem Live Aid Trust seit 1984 eingespielt. Die englische Neuversion des Songs – unter anderem Bono, Chris Martin, Sinéad O’Connor und die Teenager-Band One Direction liehen ihre Stimmen – lief am 17. November erstmals auf allen englischen Radiostationen, schon Wochen vor Erscheinen stand der Song auf Platz eins der Charts. Für die deutsche Version hat Campino erst seinen Freund, den Rapper Marteria, dann Thees Uhlmann, den Sänger der Hamburger Band Tomte, als seine Mitstreiter engagiert und dann innerhalb weniger Tage rund dreißig deutsche Popstars, unter ihnen: Jan Delay, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Clueso, Gentleman, Max Herre, Joy Denalane, Max Raabe, Jan Josef Liefers, Andreas Bourani, Silbermond, Die Fantastischen Vier, Seeed, 2raumwohnung, die Sportfreunde Stiller. Das ist nicht der ganze, aber doch der halbe deutsche Pop.

Zehn Uhr vormittags im Aufnahmestudio: Besprechung mit den deutschen Botschaftern des Charity-Songs. Campino erklärt: "Wir versuchen, an die Leute zu appellieren: Kauft diesen Song. Am besten zweimal." Er wiederholt damit ein Zitat von Sir Bob Geldof auf der Pressekonferenz im Berliner Soho House ("Buy the song, stop the virus"). "Machen wir uns nichts vor", sagt Campino jetzt über den Song Do They Know It’s Christmas?, "das ist natürlich ein Kitschlied." Und nun erklärt er, was es bedeutet, ein zum Gassenhauer gewordenes Weihnachtslied nach dreißig Jahren in die Gegenwart zu befördern: "Wir haben bis gestern Nacht am Text gefeilt und versucht, die größten Flachheiten des englischen Originals zu umschiffen." Als Flachheit sehen Campino und Thees Uhlmann zum Beispiel die Zeile "There’s no snow in Africa". Das Image von Charity-Songs, überhaupt von Entwicklungshilfe, hat sich in den letzten zehn Jahren doch stark verschlechtert. Die gleichermaßen simple wie bange Frage, für die Campino und seine Mitstreiter dankenswerterweise eine Sensibilität entwickeln, lautet: Geht das noch, der für wohltätige Zwecke singende Popstar? Kann man das 2014 noch bringen, einen Charity-Song aufzunehmen?

Und nun treffen hier nach und nach die deutschen Popgrößen ein. In den Teldex-Studios, diesem Relikt aus den sechziger Jahren, ist genug Platz für ein ganzes Sinfonieorchester. Jan Josef Liefers hat die zweite Strophe gesungen. Da dringt der sagenhaft seelenvolle Soul von Joy Denalane aus der Aufnahmezelle. Udo Lindenberg hat seinen Gesangspart schon am Vortag vorbeigeschickt. Da trifft der begabte deutsche Reggae-Künstler Patrice ein. Sein Vater stammt, das wird hier gerne gesehen, aus Sierra Leone. Der deutsche Gangsta-Rapper Haftbefehl hat, zum Bedauern aller, kurzfristig abgesagt – er hätte noch mal eine ganz andere Farbe, den Geruch der Straße, in den Song gebracht.

Gute Laune an diesem Vormittag in Berlin

Es gibt Leberkäs’-Semmeln und Filterkaffee. Da kommt Klassenfahrtstimmung auf: Draußen bilden sich Rauchergrüppchen. Ist schon was Nettes, so ein Charity-Song: Am Tischkicker versammelt sich die denkwürdige Besetzung von Thees Uhlmann und dem Tote-Hosen-Gitarristen Kuddel gegen Michi Beck und Marteria. Ein Paradoxon: Die gute Laune an diesem Vormittag in Berlin entsteht dadurch, dass alle wissen, dass sie an einer auf den ersten Blick uncoolen Sache beteiligt sind. Spendenaktionen sind einfach uncool, so sieht das auch die Mehrheit der Künstler in den Teldex-Studios. Es muss trotzdem irgendwie gut werden.

Fragen an den offensiv gut gelaunten Max Herre: Hat er, wie es immer so schön heißt, ganz spontan zugesagt? "Natürlich", sagt Max, er zieht das Wort mit einem ironischen Augenzwinkern in die Länge. "Ganz spontaaaan. Man konnte ja gar nicht anders als spontan zusagen. Die Anfrage kam erst letzte Woche." Michi Beck gibt zu, die Gemeinschaftsaktion Charity-Song einfach gut zu finden. Er fragt sich: "Bin ich der Einzige, der den Song einfach geil findet? Ich weiß immer gar nicht, was das ganze O-wie-uncool-Gejammer soll. Ich meine: Im Original stand George Michael in der dritten Reihe! Da finde ich es top, jetzt auch in der dritten Reihe zu stehen."

Der Text tut tatsächlich nicht weh, das ist schon eine Leistung. Es ist ein angenehm wolkiges Gedicht mit zwei, drei griffigen Zeilen, die so ein Song braucht. Textprobe: "Wir feiern unsere Feste / Doch wir sehen nicht, wie sie fallen / Der Tod kennt keine Feiertage / Und schon ein Kuss kann tödlich sein." Joy Denalane macht den Vorschlag, den Refrain "Do They Know It’s Christmas?" einmal als "Do We Know It’s Christmas?" zu singen – das wird von allen Seiten als glückliche Variation gesehen.

Der sympathisch umherlungernde, gut unsicher wirkende Rockstar Campino. Das ist wirklich sein persönlicher Sieg, dass er mit 52 Jahren immer noch kein dumm-selbstbewusster Star geworden, stattdessen ein dünnhäutiger und reizbarer Mensch geblieben ist (über die Psychologie der erfolgreichsten deutschen Band Die Toten Hosen und ihres Sängers ist gerade Philipp Oehmkes lesenswerte Biografie Am Anfang war der Lärm erschienen). Preisfrage: Warum hat die Schlagereule Helene Fischer nicht mitgemacht? Er setzt das Campino-Grinsen auf, bekannt aus Talkshows, Musikvideos und von Stadion-Großleinwänden: "Ich hatte ihre Telefonnummer nicht." Und fügt erklärend hinzu: "Helene ist groß genug, die kann ihren eigenen Band-Aid-Song machen." Kein Herbert Grönemeyer, kein Xavier Naidoo, es fehlt auch eine deutsche Diskursband wie Tocotronic. Campino: "Ich möchte über die reden, die mitgemacht haben, nicht über die, die nicht mitgemacht haben."

Und auf zur großen Choraufnahme: Da steht die deutsche Pop-Elite, unter Kopfhörer gestülpt. Alle genieren sich ein bisschen, haben die Hände in den Hosentaschen, gucken auf ihre Handys. Und dann hauen sie den Refrain des berühmten Kitschliedes einfach weg: "Heaaaal the woooorld!" Die Rapper Max Herre, Michi Beck und Marteria ringen, gemeinsam vor einem Mikrofon im Aufnahmestudio, um den Flow einer deutschen Liedzeile. Natürlich, man wünscht sich, dass diese dreieinhalb Minuten Pop für Westafrika eine Hilfe sind. Aber das ist jetzt auch so: einfach gut.