DIE ZEIT: Herr Denner. Sind Sie ein Arbeitsplatzvernichter?

Volkmar Denner: Wie kommen Sie auf die Idee?

ZEIT:Bosch will Vorreiter beim Einzug der sogenannten Industrie 4.0 in unsere Fabriken sein. Da kommuniziert ein Roboter direkt mit dem anderen, das Werkstück teilt den Maschinen mit, was sie mit ihm machen sollen. Klingt, als würde der Arbeiter am Band überflüssig. Können wir bei Bosch bald die menschenleere Fabrik besichtigen?

Denner: Nein, das sehe ich völlig anders. Es ist offenbar nicht einfach zu verstehen, was da gerade passiert.

ZEIT: Erklären Sie es uns!

Denner: Es gibt zwei Trends. Der eine ist die Vernetzung. Werkstücke werden mit Maschinen kommunizieren. Das ermöglicht die flexible Fertigung zahlreicher Varianten auf einer Produktionslinie. Der zweite Trend, der davon unabhängig, aber zeitgleich kommt, ist die nächste Generation von Robotern

ZEIT: Die dann die Arbeit der Kollegen machen.

Denner: Im Gegenteil. Sie helfen ihnen. Wir haben einen Roboter entwickelt, der unter Menschen arbeiten kann. Seine Sensorhaut erkennt, wenn er dem Mitarbeiter zu nahe kommt, damit ist er ungefährlich und muss nicht mehr durch einen Schutzzaun vom Menschen getrennt werden. Diese Generation von Robotern wird für den Mitarbeiter schwierige oder gefährliche Arbeitsgänge übernehmen. Um diese Maschinen zu steuern, werden wir auch künftig Arbeitskräfte in der Fabrik brauchen. Aber die Menschen müssen dazulernen. Am Ende steht eine deutlich leistungsfähigere Fabrik, die keineswegs menschenleer ist.

ZEIT: Experten behaupten, im Zuge der Vernetzung steige die Produktivität in den Fabriken um 30 Prozent. Da müssen Sie entweder deutlich mehr Produkte verkaufen, oder Sie benötigen künftig weniger Leute.

Denner: Die Zahl ist sehr pauschal. In der Automobilindustrie beispielsweise wird es schwierig sein, die Produktivität um 30 Prozent zu steigern. Da sind wir schon sehr effizient. Aber klar ist, dass wir mit steigender Produktivität mit der gleichen Anzahl Mitarbeiter mehr produzieren können. Wer nun Angst vor diesen Veränderungen hat, geht von einem Denkfehler aus. Nämlich, dass die Menge an Arbeit in der Welt begrenzt ist. Das ist aber nicht so. Die Produktivitätsschübe der Vergangenheit haben immer für neue Produkte gesorgt, die es vorher gar nicht gab.

ZEIT: Wo Arbeit wegfällt, kommt neue nach?

Denner: Heute kostet es meist extra, wenn wir individualisierte Produkte herstellen. Künftig könnten wir eine große Variantenzahl anbieten. Das ist eine Riesenchance für die Kundenbindung.

ZEIT: Braucht der Bandarbeiter künftig Abitur?

Denner: Einfache Arbeit wird weniger durch die Robotik. Und ja, wir müssen in die Qualifikation unserer Mitarbeiter investieren.

ZEIT: Was müssen die neuen Werker können?

Denner: Künftig kann ein Mitarbeiter an mehreren Arbeitsplätzen eingesetzt werden, was natürlich abwechslungsreicher, aber auch anspruchsvoller ist. Zudem lassen sich die neuen Roboter ganz einfach mit einem Tablet-PC konfigurieren. Das kann dann auch der Kollege am Band, dafür brauchen wir keine Softwareexperten mehr. In einer ferneren Zukunft wird es die Technik erlauben, dass der Mitarbeiter dem Roboter eine Arbeit vormacht und der ihn dann nachahmt. Auch dadurch wird sich die Kooperation zwischen Mensch und Maschine fundamental ändern.