Unter den Musikern, die auf der Originalklang-Welle schippern, ist Jos van Immerseel der Pirat. Der Belgier besitzt eine gigantische Sammlung historischer Klaviere, als Dirigent reist er mit seinem Orchester Anima Eterna und lauter Instrumenten von damals durch die Zeit und hat längst auch das 20. Jahrhundert erobert. Sogar Claude Debussys La mer oder Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung (in Ravels Instrumentierung) haben sie aufgenommen, und alle diese Werke profitierten grandios vom geistigen Elan dieses Dirigenten.

Das gilt nun auch für Carl Orffs Carmina Burana. Jos van Immerseel erweist sich wieder als euphorischer Bastler am historisch gesicherten Klang; diesmal verwenden er und sein Brügger Ensemble Instrumente aus Orffs Zeit, was bei den Klavieren, Streichern, Bläsern die Süße anderer Aufnahmen vorsätzlich löscht. So toll klingt Besserwisserei.

Zudem interessiert sich der Belgier maßlos für die komischen, geistreichen Momente des Werks. Einmal muss der Männerchor nach einem impertinent schönen Stierhorn-Ton ein "Ha, ha!" platzieren – das gelingt den Choristen hier so wunderbar originell, dass der Hörer prustet. Der offene, anderswo subtile Witz fällt umso stärker auf, als die Carmina in den meisten Vergleichsaufnahmen perfektionistisch exekutiert werden, und zwar bevorzugt von Dirigenten, die zum Lachen in den Keller gehen. Immerseel hat im Beiheft der CD übrigens ein frappierend weitherziges Loblied auf Carl Orff, die Bayern und ihren Humor gesungen.

Orffs Musik klingt hier überraschend neuartig, fast bizarr, man kommt sich vor wie bei einer archäologischen Expedition, bei der hinreißende Originale, die man sonst nur von Fotos kennt, auf einmal taufrisch und unverwechselbar vor einem stehen. Was den lichten und exquisiten Klang dieser Aufnahme anlangt: Es sind nicht irgendwelche Choristen, sondern es ist das famose Collegium Vocale Gent, das der Musikfreund ansonsten aus Philippe Herreweghes Einspielungen der großen Chorwerke Bachs, Mozarts, Brahms’ oder Strawinskys kennt.

Die Genter Chorsänger singen das Werk mit taufrischen, biegsamen, höhenschlanken und elastischen Stimmen. Man höre nur, wie unfassbar kostbar die hohen Soprane das leise und isolierte hohe H am Ende von Floret silva leuchten lassen; wie sich die Blechbläser die Speckschwarte abtrainieren; wie farbig der Klang der alten Flügel schimmert. Aus der angeblichen Monumentalmusik, deren Eingangschorsatz O Fortuna schon dem Film Excalibur oder Henry Maskes Boxkämpfen die Ummantelung lieh, wird ein sehr beredter Thriller mit offenem Ende. Die Solisten (Yeree Suh, Sopran; Yves Saelens, Tenor; Thomas Bauer, Bariton) passen perfekt in dieses Konzept. Der Akt der Piraterie ist also kein verwerflicher, sondern ein therapeutischer: Wieder wird ein Meisterwerk befreit – zur Kenntlichkeit.