Der entscheidende Satz fiel vor mehr als einem Jahr, im September 2013 auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Aberdeen: "Widerstand gegen die Gentechnik und den Nutzen, den sie bringen kann, ist eine Form von Irrsinn." Ausgesprochen hatte ihn Anne Glover, die wissenschaftliche Chefberaterin der EU-Kommission. Jetzt muss sie gehen. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat die schottische Biologin entlassen. Und ihren Posten hat er auch gleich abgeschafft, den des Chief Scientific Adviser.

Was Juncker dazu bewogen hat? Ende Juli hatten gleich neun Gentechnik-kritische Organisationen, darunter Greenpeace und das Pesticide Action Network, dem Präsidenten in einem offenen Brief empfohlen, künftig auf eine solche Beraterin zu verzichten. Stattdessen solle er doch lieber Rat von Nichtregierungsorganisationen (wie Greenpeace oder dem Pesticide Action Network) einholen ...

Den Berater zu feuern, wenn der Rat nicht gefällt, hat lange Tradition. So schaffte Richard Nixon den President’s Council of Advisers on Science and Technology ab, nachdem die Forscher sich unter anderem gegen den Vietnamkrieg ausgesprochen hatten.

Zu viel Macht in einer Person vereint. Zu intransparent das Beratungsverfahren. Zu unklar die Evidenz der Ratschläge. So lauten jetzt die Argumente gegen das europäische Amt. Juncker beeilt sich, zu betonen, er folge nicht einfach dem Drängen von Greenpeace und Co. Wohl aber lässt sein Umfeld durchblicken, dass der Kommissionspräsident in Sachen Gentechnik seine eigene Linie jenseits der wissenschaftlichen Evidenz verfolgen wolle.

Aber ist es in einer Welt ohne letzte Wahrheiten nicht ohnehin besser, viele Stimmen zu hören? Also das Labor und die Lobby? Die Vertreter der Industrie wie die ihrer Gegner? Die Forscher und das Volk?

Es dürfte der Politik schwerfallen, aus der Kakofonie dieses Chors die richtigen Töne herauszufiltern. Das Ergebnis ist vermutlich nicht mehr, sondern weniger Transparenz. Eine einzelne Stimme hingegen lässt sich zur Verantwortung ziehen, sie ist erkennbar. Natürlich kann genau das zum Problem für den Beratenen werden. Ignoriert er einen wohlfundierten Ratschlag, lässt das Rückschlüsse auf seine Motive zu. Und das häufige Manöver, auch bei wissenschaftlich eindeutiger Sachlage einen Mangel an Evidenz zu beklagen, ist ebenso durchsichtig wie der im Politikbetrieb übliche Austausch ganzer Beraterstäbe.

Die Trennlinie zwischen Evidenz und Politik sichtbar zu machen hatte sich Anne Glover vorgenommen. Sie wehrte sich dagegen, als wissenschaftliches Dekor missbraucht zu werden, wenn ihre Meinung zufällig gelitten war. Sie machte die verborgene politische Agenda öffentlich, wenn ihr wissenschaftlicher Rat ignoriert wurde. So stellte sie Transparenz her. Es war ganz offenbar eine unbequeme Transparenz.