Sie haben sich abgeschottet, eingegraben, waren für keine Nachfragen zu erreichen. Sie brauchten Ruhe, um alles, wirklich alles prüfen und bedenken zu können. Damit sie nicht in eine Sache hineinschlittern, die sie am Ende bereuen. Damit sie auch wissen, worauf sie sich mit dem Erbe, das ihnen winkt, mit diesem ungeheuren Schatz an Gemälden und Zeichnungen, einlassen. Nur zu leicht könnte sich das Geschenk als Fluch erweisen.

Vor sechs Monaten noch gingen die Kuratoren des Kunstmuseums Bern beflissen ihrer Arbeit nach, verwalteten ihre durchaus beachtliche Sammlung, erfreuten sich am treuen Publikum. Ein solides Museum, unaufgeregt, nie in den Schlagzeilen – bis die Berner eines Tages aus den Nachrichten erfuhren, dass sie zum Schauplatz einer Weltsensation auserkoren waren. Cornelius Gurlitt hatte es so in seinem Testament verfügt, er, der Sohn eines berüchtigten Kunsthändlers der Nationalsozialisten, vermachte der Stadt den erstaunlichen, über Jahrzehnte streng gehüteten Kunstfundus seiner Familie. Beckmann! Picasso! Matisse! Franz Marc! Rund 1.500 Grafiken und Gemälde hatte Gurlitt den Schweizern überlassen. Jetzt, am 26. November, wird der Stiftungsrat des Museums entscheiden, ob es das Erbe antreten will. Ausgang offen.

Tatsächlich wäre das Museum gut beraten, lehnte es das Vermächtnis ab. Und das keinesfalls nur, weil die Rechtmäßigkeit des Testaments neuerdings angezweifelt wird (Gurlitt habe unter Wahnvorstellungen gelitten, befindet ein Gutachter). Viel schwerer wiegt, dass bis heute niemand präzise weiß, was das Erbe eigentlich umfasst. Nur für 270 Werke aus den in München sichergestellten Beständen lässt sich mit Gewissheit sagen, dass sie auf rechtmäßige und moralisch vertretbare Weise erworben wurden. Mithin steht der größte Teil der Bilder unter Verdacht: Viele davon wurden jüdischen Besitzern im "Dritten Reich" geraubt oder abgepresst. Andere stammen aus deutschen Museen, wo sie als "entartet" gebrandmarkt und zu Geld gemacht wurden. Um genau zu klären, woher die Werke stammen, hatte sich im staatlichen Auftrag eine Taskforce gebildet, die ihre Arbeit eigentlich bis Ende dieses Jahres im Wesentlichen abschließen sollte. Bisher hat sie sich vor allem mit sich selbst beschäftigt und konnte nur für drei Bilder klären, dass es sich um Raubkunst handelt und die Werke ihren ehemaligen Besitzern oder deren Erben zurückgegeben werden sollten. Die Berner bekämen also einen Schatz, der ihnen viel Streit, Missgunst und Ungewissheit einbrächte.

Damit aber nicht genug: Das Erbe stellt das Museum vor schwere kuratorische Probleme. Denn wie soll man dort Gurlitts Erbe ausstellen? Es behandeln wie jede andere Schenkung auch? Die Bilder einfach unter die bestehende Sammlung mischen? Das wäre historisch unangemessen, ein seltsamer Akt der Normalisierung. Gurlitt aber umgekehrt einen Sonderplatz einzuräumen und ihn so zu ehren schiene noch absurder. Natürlich kann die Kunst nichts für ihre oft ungute Herkunftsgeschichte. Doch legt sich diese wie ein bleierner Firnis über viele Werke. Und das Museum wird unter den Augen der Weltöffentlichkeit beweisen müssen, wie sich damit umgehen lässt.

Besonders aufmerksam wird die Öffentlichkeit schon deshalb hinschauen, da die Schweiz bislang noch weniger als Deutschland ihre Rolle im Kunsthandel während der Nazizeit erforscht hat. Möglicherweise will man sich dort auch weiterhin davor drücken, zumindest wird seit einigen Wochen kolportiert, dass die Berner nur die reinen, die unbelasteten Bilder bei sich beheimaten wollten. Alle umstrittenen Werke sollten hingegen als Leihgabe den deutschen Forschern und Museen überlassen werden. So könnte die Taskforce weiterhin die Provenienz der geraubten Bestände erkunden. Und die einst als "entartet" bezeichneten Bilder gelangten zurück in jene Sammlungen, denen sie einst entrissen wurden.

Selbst damit aber dürften sich die Schweitzer in eine hitzige Debatte verwickeln. Bislang nämlich haben es die deutschen Museen tunlichst vermieden, die Herkunft inkriminierter Werke offenzulegen und sie im Zweifelsfall an die ursprüngliche Sammlung zurückzugeben. Sollten jetzt die Berner mit einer leihweisen Rückgabe beginnen, könnte der Burgfrieden unter den Museen aufbrechen.

Doch trotz all dieser Widrigkeiten wird sich der Stiftungsrat am Ende wohl für die Annahme des Erbes entscheiden. Zu verlockend ist es, die eigene Sammlung mit einem Schlag aufzuwerten (auch wenn das Museum schon jetzt aus allen Nähten platzt). Zu reizvoll, das ganz große Publikum nach Bern zu ziehen (wenngleich das Haus für den zu erwartenden Andrang in keiner Weise gerüstet ist). Sollte der Stiftungsrat wider Erwarten dennoch Nein sagen, fiele das Erbe an Gurlitts Familie, an die 86-jährige Cousine Uta Werner und den neun Jahre älteren Dietrich Gurlitt.

Ihr Anwalt lässt neuerdings verlauten, dass eine Klage gegen das Museum nicht länger auszuschließen sei. Sollte das Erbe am Ende tatsächlich der Familie zufallen, würden sie, so ihre Ankündigung, alle Raubkunst umgehend an die Opfer und ihre Erben zurückgeben. Die 460 in der Sammlung enthaltenen Werke der "entarteten Kunst" möchten sie geschlossen und dauerhaft in einem deutschen Sammlungshaus ausstellen. Damit müsste sich dann das nächste Museumsgremium mit der Entscheidung plagen, ob es sich auf Gurlitts Erbe einlassen will.

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