Die faszinierendsten Philosophen der letzten Jahrzehnte waren skrupulöse Leser. In ihren Büchern liest man viel über andere Bücher, die man in diesem Moment selbst nicht liest. Eine effektive Art, nicht Henry David Thoreaus Klassiker Walden zu lesen, wäre zum Beispiel, sich mit Stanley Cavells erstmals ins Deutsche übersetztem Langessay Die Sinne von Walden zu beschäftigen. Als Nachwort hat man einen Text von Mark Greif beigefügt, der Cavell einer philosophischen Schule zuordnet, in der Wörter als Taten gelten und nicht nur als Abbilder von etwas Wirklicherem. Demnach muss man auch Texte so ernst nehmen, als ginge es darum, Reiche zu gründen.

Und so versteht Cavell seinen amerikanischen Landsmann Thoreau: Als der in die Wälder ging, um dort zu leben, am Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli 1845, habe er sich nicht von der Gesellschaft losgesagt, sondern im Gegenteil mit seiner individuellen Unabhängigkeitserklärung diejenige seiner Nation selbstbewusst vollzogen. Das Versprechen einer neuen Welt habe er wieder eingesetzt – vor allem indem er schrieb. Das Medium dieses Versprechens wäre also der Text Walden, so Cavell: "Jener Moment des Ursprungs ist das nationale Ereignis, das in Walden erneut ausgeführt wird, mit dem Ziel, es diesmal richtig zu machen oder den Beweis für seine Unmöglichkeit zu erbringen; das Land zu entdecken und es zu besiedeln, oder die Frage dieses Landes zu klären, und das ein für alle Mal." Cavells Essay erschien 1972; heute wollen philosophische Moden lieber mit den Tatsachen zu tun haben als mit den Taten, von denen sie stammen (gar wenn das nur Wörter gewesen sein sollten). Indes erinnert Cavell an die Freiheitsgrade, die einst beim Anbauen von Bohnen und beim Kultivieren von Metaphern gefunden wurden.