Als wir im Sommer 2008 nach São Paulo zogen, schenkten mir Freunde das Buch Ferien für immer. Es ist ein schmaler Band mit Hoteltipps, die Stadt selbst kommt nicht weiter darin vor, aber der Titel ist natürlich klasse. Brasilien, da denkt man ja sofort und nur an: Sonne, Strand, Caipirinha. Vielleicht stimmt das sogar. Aber meine Frau zog zum Arbeiten dorthin, sie hatte einen Vertrag als Auslandsdienstlehrkraft unterschrieben – und ich ging mit. In meinem Pass, den das Auswärtige Amt in solchen Fällen ausstellt, stand unter der Rubrik Dienstbezeichnung: Ehemann der Lehrerin.

So begann für mich, zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt, ein neues Leben – das Leben unter Expats. Beziehungsweise das an der Seite ihrer Frauen. Denn ein Expat-Leben ist strukturkonservativ, wie in der alten Schulfibel: Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um Heim und Kind. Wobei – nicht so sehr ums Heim, denn dafür hat man in Brasilien empregadas, Haushälterinnen. Das schafft Zeit für Hobbys, für den Tennisplatz, für den Malkurs. Manche helfen auch in Favela-Kinderheimen aus. Nachmittags aber ist es das Programm wie zu Hause: Kinder zur Klavierstunde fahren, zu Freunden, zum Fußball. Von Müttern wird so etwas erwartet, mit einem Vater dagegen rechnet keiner. "Ihr Mann lässt sich wirklich von Ihnen aushalten?", fragte ein Kollege meine Frau. Mein Gott, war sie da sauer. Ich sagte, das war bestimmt ein Scherz. Sie sagte, er hat dabei aber nicht gelacht. Ich bin Journalist, schreibe für deutsche Magazine. Ich muss nicht in irgendein Büro. Manchmal sitze ich mit meinem Computer einfach im Garten, in Shorts und T-Shirt. Für viele sieht das dann aus wie ein Hobby.

Ich hole also die Kinder von der Schule, wir fahren Rad, machen Hausaufgaben, und einmal im Jahr basteln wir zusammen Adventskalender in der Klasse. Ich gehe sogar mit ihnen auf Kindergeburtstage. Denn in Brasilien wird immer die ganze Familie eingeladen. Die Väter können ja meist nicht, wegen der Arbeit, also gehen die Mütter hin. Und ich. Quasi als Expat-Frau honoris causa. Ich fühle mich geduldet. Oft wird in "Buffets" gefeiert, Kinderbespaßungsorten mit kleinen Karussells, Computerspielen und Klettergerüsten. Die Kinder toben, animiert von sogenannten monitores, und die Erwachsenen trinken Kaffee und gucken zu. Ein guter Ort zum Tratschen, denn man ist unter sich, eigentlich so wie immer, ob im Club, beim Barbecue oder auf dem Sportplatz. Ich beschränke mich dabei meist aufs Zuhören. "Hat sich die Dings eigentlich die Brüste machen lassen?" – "Ja? Meinste? Aber warum denn nicht die Nase, die hätte es doch viel nötiger gehabt." – "Ich habe übrigens einen kleinen Ökomarkt entdeckt, da verkaufen sie Quark." – "Echt? Ich brauche die Adresse. Unbedingt!" Über Ehemänner wird natürlich auch geredet. Ein weiteres heißes Thema sind die Haushälterinnen: "Meine empregada wird immer nachlässiger. Wir sind viel zu lieb." – "Und unsere möchte jetzt auch noch mehr Geld." Ein paar – andere – Väter erscheinen zum Schluss meist doch noch, um "Happy Birthday" zu singen und den Geburtstagskuchen aufzuessen. So ist es Tradition. "13 Reais mehr am Tag?", fragt einer. Je nach Wechselkurs sind das drei bis vier Euro. Das wären bei zwei Arbeitstagen in der Woche rund 25 bis 30 Euro mehr am Monatsende. Ein Vater schüttelt den Kopf. "Nee", sagt er, "das geht wirklich nicht. Wir versauen hier sonst die Preise."

Unsere brasilianische Freundin lächelt bei solchen Sätzen müde. Sie hört so was oft, sagt aber nichts. Sie könnte erwidern, dass ein Vollkornbrot beim deutschen Bäcker 13 Reais kostet. Aber Brasilianer sind zu höflich. Außerdem findet sie, hätten Deutsche sowieso ständig recht. Vielleicht weil sie glauben, nirgendwo Ausländer zu sein. Unsere Freundin kennt beide Seiten, sie ist mit einem Deutschen verheiratet. Dezentes Auftreten, sagt sie, sei nun mal nicht unsere Stärke.

Vom Hallendach des Buffets regnet es am Ende der Geburtstagsfeier Bonbons. Unsere Kleinen laufen los, stopfen sich erst den Mund voll und dann die Taschen. Die ökologisch geschulten Expat-Mütter schauen säuerlich drein. Vier Stunden lang mussten sie zusehen, wie sich ihr Nachwuchs Brause und Brigadeiros reinhaut, diese kleinen Schoko-Karamell-Bällchen. Beherzt schieben sich nun manikürte Hände zwischen Kind und Cola, schon leicht genervt. "Komm, das reicht jetzt." Auch ich schnappe meine Söhne. Ferien für immer? Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.