Es gibt drei Arten von Büchern, die man lesen muss: die seltenen rundum fantastischen Bücher, dann diejenigen, die brillant formuliert und originell, aber Humbug sind, und schließlich solche, die uns mit einem richtigen und wichtigen Anliegen langweilen. Womit wir bei der Publikation Glücksökonomie von Annette Jensen und Ute Scheub wären.

Die Autorinnen gehen von der Beobachtung aus, dass steigender Wohlstand die Menschen nicht unbedingt zufriedener macht, im Gegenteil: Unser auf Wachstum, Konkurrenz und Eigeninteresse beruhendes Wirtschaftsmodell stehe kurz davor, den Planeten mit ökologischen Katastrophen, Kriegen und Volkskrankheiten wie Burn-out an die Wand zu fahren. Hört man nicht zum ersten Mal, und auch das Gegenmittel ist eins, das seit einigen Jahren in Zeitungen, Büchern und Blogs lebhaft diskutiert wird: eine Wirtschaftsform, die sich statt an Wachstum an Glück orientiert. Unter einer solchen Glücksökonomie bündeln die Autorinnen alle möglichen Verhaltensweisen, die mal "alternativ" hießen, und empfehlen sie als epochale Lösung der weltweiten Krisen. Wir sollten mehr kooperieren, mehr teilen, mehr tauschen, mehr reparieren, mehr selber produzieren – und natürlich weniger kaufen.

Dass diese Lebensweise nicht mehr ausschließlich mit linker Politik assoziiert wird, liegt an den neuen digitalen Vernetzungsmöglichkeiten: Wikipedia, Airbnb und Open Source passen schlecht ins alte politische Schema. Erst seit dem Aufkommen des Internets, schreiben Scheub und Jensen, habe die Bewegung des Teilens und der Kooperation richtig Fahrt aufgenommen. Manchmal nah dran am Techno-Optimismus von Jeremy Rifkin, dem zufolge die alte Leitdifferenz "links" und "rechts" ersetzt worden ist durch die Differenz von offenen und geschlossenen Systemen, erachten es die Autorinnen geradezu als die Stärke der Glücksökonomie, politisch diffus zu sein. Sie sei dadurch gesellschaftlich umso anschlussfähiger. Deshalb sollten wir uns auch mit dem alten Kapitalismus nicht länger konfrontativ auseinandersetzen. Zielführender sei es, sich einfach hineinzustürzen in die kooperative Wirtschaftsform, denn die wuchere am besten auf freiem Feld.

Ignoriert man aber den Kapitalismus, geraten seine vielfältigen Vereinnahmungsstrategien aus dem Blick und die Möglichkeiten, sich dagegen zu wappnen. Auch die Ambivalenzen der neuen Formen internetbasierter Kooperationen werden von Scheub und Jensen permanent unterschätzt: Dass ihr Aufblühen in den USA parallel verläuft mit einem massiven Rückbau sozialversicherter Jobs, scheint ihnen keine Erwähnung wert.

Wenn schon Komplexität nicht die Sache der Autorinnen ist, so sind es Paradoxa erst recht nicht. Manchmal jedenfalls ist nichts zäher als eine euphorische Bestandsaufnahme begrüßenswerter Initiativen. Ja, wie gut, dass es 30 Tauschringe in Berlin gibt, wie gut, dass Frau Heidemarie Schwermer bargeldlos lebt, wie gut, dass Gemeinschaftsgärten entstehen, und wie gut, gähn, dass es dieses Buch gibt!

Noch schöner wäre es gewesen, die Autorinnen hätten diskutiert, argumentiert, ja, auch kritisiert. Eine gehörige Portion Skepsis und Spannung gehört womöglich ohnehin nicht nur zu den unverzichtbaren Ingredienzen guter Bücher, sondern auch eines glücklichen Lebens.