Wenn die Grünen am kommenden Sonntag auf ihrem Hamburger Parteitag über Außenpolitik sprechen, über Militäreinsätze, über Kobani und über Wladimir Putin, dann steht eine der steilsten Lernkurven der bundesdeutschen Geschichte zur Abstimmung. Keine andere Partei hat ihr Schicksal so sehr mit einem Thema verknüpft, mit dem man sich bei Wahlen nur Ärger einhandeln kann: humanitären Interventionen. Seit ausgerechnet eine rot-grüne Regierung 1999 zum ersten Mal Bundeswehrsoldaten in einen Kampfeinsatz schickte, ringen die ursprünglich pazifistischen Grünen mit ihrem folgenschweren Ja.

Für die einen war die Zustimmung zum Kosovo-Einsatz Verrat, für die anderen ein stolzes Zeugnis grüner Verantwortungsbereitschaft. Genau wie damals führen die Grünen auch an diesem Sonntag in Hamburg wieder eine Debatte, stellvertretend für den weithin schweigenden Rest der Gesellschaft: Was gehen uns die verfolgten Jesiden im Irak an? Was die Opfer des syrischen Bürgerkriegs?

Daniel Cohn-Bendit wird am Sonntag nicht mehr dabei sein. Cohn-Bendit ist der Mann, der in den neunziger Jahren zuerst Joschka Fischer und in dessen Schlepptau eine Mehrheit der Grünen aus dem bequemen Pazifismus der achtziger Jahre herausführte, hin zur humanitären Intervention angesichts des Völkermords auf dem Balkan.

Am Telefon dieser Tage klingt Cohn-Bendit traurig: "Die Partei ist zurückgefallen in den Panzer-Pazifismus der frühen Jahre: nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen. Man versteckt sich hinter den UN, in der sicheren Gewissheit, dass sie handlungsunfähig ist. Man sucht Ausreden – wie bei der Ablehnung von deutschen Waffenlieferungen an die Kurden oder dem Plädoyer für Bodentruppen gegen den IS im UN-Rahmen", sagt Cohn-Bendit. "Für die Opfer des IS heißt es dann: Pech gehabt. Mit dieser Haltung sind die Grünen aber im Schoß der Ohne-mich-Deutschen gut aufgehoben."

Wer heute den Leitantrag des Bundesvorstands für den Hamburger Parteitag liest, der wird darin auch keinen Stolz auf die politische Erfahrung mit dem Kosovo-Thema finden. Eher ist eine diffuse Reue herauszulesen: "Wir haben aus dem Kosovo-Krieg Konsequenzen gezogen", heißt es in dem Papier. "Als erstes: Kein Auslandseinsatz ohne Mandat der UN." Das klingt nicht gerade nach der Bereitschaft, in jedem Fall einen drohenden Genozid zu verhindern. Denn der UN-Sicherheitsrat ist häufig handlungsunfähig. Igeln sich die Grünen also ein?

Jürgen Trittin sitzt im ehemaligen Kanzlereck, einem Traditionsrestaurant in Berlin-Mitte, neuerdings in thailändischem Besitz, und macht mit Cohn-Bendits Vorwurf vom Panzer-Pazifismus kurzen Prozess. "Quatsch", sagt er. "Wir Grünen haben in der Opposition sämtliche Bundeswehr-Einsätze von 'Atalanta' gegen die Piraterie am Horn von Afrika über Unmis und Unamid im Sudan bis zum Anti-Terror-Kampf in Mali unterstützt. Die Bevölkerung ist nicht bequem, und wir sind es erst recht nicht. Die Leute sehen einfach, dass der Erfolg vieler Auslandseinsätze sehr begrenzt ist."

Das habe er neulich auch dem Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue gesagt, als der die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses eingeladen hatte. Es sei doch kein Zufall, dass die Bevölkerung in Deutschland, in den USA und in Großbritannien militärischen Interventionen angesichts der sehr gemischten Bilanz solcher Einsätze skeptisch bis ablehnend gegenüberstehe. Diese Haltung beruhe auf Erfahrungen. Es habe zwar durchaus erfolgreiche Interventionen gegeben, etwa auf dem Balkan – nicht nur im Kosovo. "Aber der Einsatz in Libyen ist krachend gescheitert. Ob Afghanistan zu den gescheiterten Missionen zählt, werden die Jahre nach Abzug der Nato zeigen. Zu Optimismus besteht wenig Anlass."

Dass im Lauf der Jahre immer mehr Grüne den Afghanistan-Einsatz für gescheitert erklären, schmerzt den grünen Verteidigungspolitiker Winfried Nachtwei. Zum Gespräch kommt er aus der Nähe von Potsdam, wo er gerade den "Wald der Erinnerung" mit eingeweiht hat, in dem die Bundeswehr ihrer in Afghanistan gefallenen Soldaten gedenkt. Nachtwei, der sich 15 Jahre lang für die Grünen im Bundestag um die Friedens- und Sicherheitspolitik gekümmert hat, fuhr jedes Mal zu den Trauerfeiern in den Heimatorten der Soldaten, wenn dort die Särge aus Afghanistan und anderswoher eintrafen. Er nimmt Teil an öffentlichen Gelöbnissen der Bundeswehr, mit denen andere Grüne bis heute fremdeln.

Über den Afghanistan-Einsatz, der 2001 unter grüner Beteiligung beschlossen wurde, sagt Nachtwei: "Wir fühlten uns erstmals als Land bedroht. Ausgerechnet wir Grünen, die bis dahin immer von der "Bedrohungslüge" beim Wettrüsten der Großmächte gesprochen hatten, standen nun in der Verantwortung, die deutsche Bevölkerung zu schützen."

Winfried Nachtwei, 1946 geboren, war selbst zwei Jahre lang bei der Bundeswehr. Er weiß, warum die Grünen mit dem Afghanistan-Einsatz nicht zurechtkommen: Die eigentliche Ursache ist der Irakkrieg.

Erlogene Begründung, brutale und kurzsichtige Durchführung: "Irak und Afghanistan, das wird heute alles zusammengeworfen. Irak hat alles plattgemacht, alle Erfolge in Afghanistan, in Bosnien, im Kosovo. Irak, das steht heute für Auslandseinsätze generell, nicht nur bei vielen Grünen, sondern auch in der Bevölkerung."

Auch Tom Koenigs hadert mit der Haltung seiner Partei. Gemeinsam mit Parteichef Cem Özdemir war der grüne Menschenrechtspolitiker, der jahrelang selbst im Auftrag der Vereinten Nationen in Afghanistan war, für Waffenlieferungen an die Kurden; beide haben sich dennoch bei der entscheidenden Abstimmung im Bundestag enthalten; die Mehrheit der Grünen-Fraktion stimmte dagegen.

Man merkt Koenigs die Kriegserfahrung immer noch an. Beim Gespräch im Café Unter den Linden weist er auf die große Glasfront: "Bei einem Bombenanschlag wären wir beide sofort tot, wegen der Glassplitter." In seinem Haus in Kabul hatte er alle Fensterscheiben mit Folie verklebt.

Koenigs war einer der wenigen Grünen, die bis zuletzt für den Einsatz in Afghanistan gestimmt haben. "Wir haben dort Versprechungen gemacht. Wir müssen sie halten. Wir sind mit den Amerikanern rein, dann gehen wir auch mit ihnen wieder raus. Wir haben verhindert, dass sich dort ein terroristisches Regime etabliert. Das ist doch ein Erfolg."

Der Abgeordnete Tom Koenigs und der 2009 ausgeschiedene Nachtwei, aber auch Cem Özdemir und sein Fraktionskollege, der außenpolitische Sprecher Omid Nouripour, repräsentieren die ganze Komplexität, man könnte auch sagen: den biografischen Reichtum der zahlenmäßig kleinen grünen Fraktion: Sie haben, jeder auf seine Weise, die Kriege der neueren Zeit aus der Nähe beobachtet, die asymmetrischen und die eher herkömmlichen.