Das Leben auf dem Zauberberg ist herrlich. Die Nobelherberge in den französischen Alpen liegt in bester Lage, der Neuschnee sieht aus wie Zuckerwatte, und der nächtliche Sternenhimmel ist eine Wucht. Pistenfahrzeuge flitzen vorbei wie fleißige Lieschen. Nur ab und zu zerreißt ein dumpfer Knall die göttliche Stille. Lawinen werden kontrolliert zum Abgang gebracht, damit sie keinem Skifahrer gefährlich werden.

Ebba, Tomas und ihre Kinder Vera und Harry kommen aus Schweden und verbringen hier ihren Winterurlaub. In der ersten Szene sieht man, wie sich die vier fotografieren lassen, das Lachen ist perfekt, die Pose sitzt. Überhaupt sieht die scheckheftgepflegte Musterfamilie so aus, als wäre sie gerade einem TV-Spot für ein unfallsicheres Schwedenauto entlaufen. Alles ist sehr adrett, die Kinder besuchen bestimmt eine Eliteschule und später eine Eliteuniversität. So leben die vier in der Komfortzone und haben ihr Leben fest im Griff; nur Tomas (Johannes Bah Kuhnke) arbeitet zu viel und braucht dringend "Familienzeit". Das Hotelzimmer ist natürlich riesig. Die Zimmernummer lautet übrigens 413, und mehrfach rückt der Regisseur Ruben Östlund sie ins Bild. Die Kombination scheint ihm wichtig. Vier, eins, drei.

Weil die Sonne scheint, isst man auf der Terrasse zu Mittag, und wieder wird eine Lawine gesprengt. Was für ein grandioses Schauspiel! Die Schneewand türmt sich auf, pfeilschnell kommt sie näher, sie wächst und wächst. Doch diesmal kennt sie kein Halten mehr, sie rast auf die Terrasse zu, Panik bricht aus, die Kinder schreien um Hilfe. Und Tomas? Er schnappt sich sein kostbares Smartphone und rennt weg.

Zum Glück wird niemand verletzt, die Gäste schütteln sich den Schneestaub aus den Kleidern und setzen sich wieder an den Tisch. Das ist der Anfang des Films und zugleich das Ende der schönen Tage. Ebba (Lisa Loven Kongsil) ist fassungslos: Anstatt die Familie zu beschützen, nahm ihr Mann Reißaus und ließ alle im Stich. Was für ein Verrat! Vier, eins, drei: Zu viert war man angereist, einer rannte weg, drei blieben zurück.

Danach ist nichts mehr so, wie es war. Die Lawine hat den Familienfrieden zerstört und ein Drama ins Rollen gebracht. Aber welches Drama? Einige Kritiker schreiben, Höhere Gewalt sei eine witzige Satire auf das männliche Rollenbild. Das ist nicht falsch, denn tatsächlich fühlt sich Tomas eingespurt und festgezurrt. Wie ein Marlboro-Mann träumt er von Freiheit und Abenteuer, von kleinen Exzessen abseits der postheroischen Kleinfamilienidylle, in dem Papa nur dann gebraucht wird, wenn das iPad der kleinen Meckermäuler mal wieder kein Netz hat. Aufreibender Job, anstrengende Familie und hin und wieder Wellness-Ski in den Bergen. Das soll schon alles sein?

Der Titel ist natürlich reine Ironie, denn eine höhere Gewalt existiert in dem Film gar nicht. Die Gewalt, die die Familie auseinandertreibt, entsteht allein zwischen ihnen selbst, aus gesellschaftlichen Erwartungen und unerfüllten Wünschen, weshalb Beziehungsgespräche genau den gender-trouble erzeugen, der durch sie aus der Welt geräumt werden sollte. "Ich erkenne uns nicht mehr", sagt Ebba, und auch ihr Selbstbild ist zerbrochen, auch sie leidet unterm Rollenzwang und möchte endlich etwas "für sich machen". An der Hotelbar trifft sie eine "beziehungsoffene" Alleinreisende, die Mann und Kinder zu Hause gelassen hat und nach kleinen Liebesabenteuern Ausschau hält. Empört will Ebba wissen, wie ihr Mann das finde. "Was soll er dagegen haben, wenn es mir gut geht?" Eines Morgens steht auch Ebba ziemlich mitgenommen vorm Fenster, die Nacht war kurz. "Mama, du riechst nach Alkohol." Draußen schleicht der Hausmeister durch die Hotelfluchten. Er sieht aus wie der Teufel auf der Suche nach der toten Seele.

Höhere Gewalt ist ein wunderbar subtiler Film, ein hochalpines Kammerspiel, das seine Spannung allein aus der Idee gewinnt, dass der Lawinenschock die familiären Verwerfungen nicht auslöst, sondern lediglich ans Licht bringt. Nach dem Einbruch des Irregulären entgleitet den Figuren die Kontrolle über das durchgeplante Leben, und plötzlich scheint nicht nur ihr Rollenbild, sondern die gesamte, auf Statussicherung fixierte Wohlstandswelt auf dem Spiel zu stehen. Vor allem Ebba hat eine höllische Angst, aber man weiß nicht genau, wovor: Ist es Verlustangst? Ist es die Angst vor der Zerbrechlichkeit ihrer fugendichten Welt? Ist es das Gefühl absoluter Schutzlosigkeit, weil es auf ihrem Zauberberg keine solidarische Gesellschaft gibt, sondern nur Einzeldarsteller, nur Isolierte und Atomisierte?

Einmal betrachtet Ebba die Fotos ihrer Kinder, sie schaut lange, sehr lange, als gäben sie die Antwort auf alle Fragen. Vier, eins, drei; alle Kombinationen sind möglich. Die vier kommen wieder zusammen. Oder auch: Drei bleiben zurück, und einer fehlt. Und auch die böse Dreizehn ist noch im Spiel.