Wie zivilisiert und liberal eine Gesellschaft ist, erkennt man daran, wie sie mit Minderheiten umgeht. Etwa mit Migranten, mit Anhängern anderer Religionen oder mit Homosexuellen. Die Frage nach der Zivilität und Liberalität stellt sich aber nicht nur für Mehrheitsgesellschaften. Sie stellt sich genauso auch für die Minderheiten: Wie gehen Minderheiten mit anderen Minderheiten um, zum Beispiel Muslime mit Schwulen? Ähnlich wie Katholiken tun sich viele Muslime schwer, zu akzeptieren, dass Männer Männer lieben und Frauen Frauen. Besonders schwer hat man es als schwuler Muslim oder lesbische Muslimin. Viele "Normalo"-Muslime sind da nicht gerade offen.

Und wenn mal einer Offenheit wagt, dann gibt es Probleme. Wie gerade in Berlin.

Fürchten sie, dass Schwule mit rosa Federboas in die Moschee einfallen?

Im Rahmen eines Projekts namens Meet2Respect wollten schwule und lesbische Muslime und Nichtmuslime (übrigens nicht zum ersten Mal) die Şehitlik-Moschee im Stadtteil Neukölln besuchen. Man wollte "einander begegnen", wie es heißt, und über zwei große Themen sprechen: Islamophobie und Homophobie. Für den Gemeindevorsitzenden Ender Çetin, einen engagierten, warmherzigen und frommen Mann, wäre es nicht der erste Einsatz bei Meet2Respect gewesen. Mit einem Rabbi tourte er bereits durch Berliner Klassenzimmer mit mehrheitlich muslimischer Schülerschaft, um über Antisemitismus aufzuklären.

Das Treffen in der Moschee passte bestimmten Kreisen in der Türkei aber nicht. Ultrarechte islamistische Zeitungen schrieben: "Hat die türkische Religionsbehörde Diyanet erlaubt, dass abnormalen Homosexuellen die Moscheetüren geöffnet werden?" Dazu muss man wissen: Die Berliner Şehitlik-Moschee untersteht wie viele Moscheegemeinden in Deutschland der Diyanet in Ankara, die in Deutschland durch den Ableger Ditib repräsentiert wird. Die Türkei bezahlt die Imame, die deutschen Moscheen sind religiös und politisch weisungsgebunden. Nach der Hetze in Islamistenzeitungen und einer "Beratung" mit Ditib sagte der Gemeindevorsitzende das Treffen ab.

Diese Geschichte aus Berlin erscheint klein, aber sie zeigt Erstaunliches. Zum einen, wie eine türkische Behörde nach Deutschland hineinwirkt; zum anderen, dass Muslime in Europa die Avantgarde in der Lockerung ihrer Gesellschaften darstellen können. Sie ist ein Lehrstück darüber, dass ein Mensch nicht nur Muslim ist, sondern ein gemeinschaftliches Wesen, das die Anforderungen und Regeln seiner Religion in eine Schublade und die Anforderungen und Regeln des Miteinanders in einer anderen Schublade seiner Identität verwahren kann. Diese Schubladen können nebeneinander existieren. Denn für den Umgang mit Homosexuellen etwa hilft der Koran heute genauso wenig wie die Bibel. Wer gläubig ist, muss mit Widersprüchen leben. Nur zwei Gruppen können das nicht: Islamophobiker und ewiggestrige Muslime, die sich nun bemüßigt fühlen, den üblichen Suren-Pingpong zu starten, um zu beweisen, dass Homosexualität im Islam verboten ist. Die einen, um die abgrundtiefe Schlechtigkeit des Islams vorzuführen, und die anderen, um sich von den Schwulen abzugrenzen.

Die Zukunft aber gehört eher Leuten wie dem Gemeindevorsitzenden Çetin und anderen, die etwas wagen und Gesprächen nicht ausweichen. Leute wie er stellen sich auch der Angst vor allem älterer Gemeindemitglieder, die offenbar eine Horde Schwuler mit rosa Federboas erwarten, die knutschend in die Moschee einfallen. Und er weiß auch um die Angst unter den Schwulen, die erwarten, gleich gesteinigt zu werden, wenn sie einem Muslim begegnen. Man hätte mit einem solchen Besuch ein paar gegenseitige Klischees entkräften können. Offenbar war es dafür noch zu früh. Das ist schade. Aber zu verkraften.

Bei den Muslimen könnte also längst mehr gehen. In Deutschland zeigt sich hin und wieder eine neue Generation von Muslimen, die keine so großen Ängste vor der Modernisierung hat wie die Elterngeneration. Fromme Leute, konservativ und liberal, die sagen: Dein Lebensstil mag eine Sünde sein, aber ich erkenne dich als Mensch an. Wir leben nun einmal gemeinsam hier. Und wir müssen miteinander klarkommen.

Solche Vorkämpfer verdienen Solidarität und Unterstützung, weil sie noch eine kleine Minderheit sind, aber ihre Gemeinden voranbringen. Sie bekommen den ganzen Druck ab: der Älteren, der Mehrheitsgesellschaft und manchmal auch den aus der alten Heimat, wie in diesem Fall. Vielleicht lohnt es sich, wie zu Zeiten der Deutschen Islam Konferenz, wieder häufiger darüber nachzudenken, wie man den Muslimen in Deutschland zu mehr Unabhängigkeit von den Herkunftsländern verhelfen kann. Dann könnten ein paar engagierte Muslime hier ganz langsam, ab und zu, kleine religiöse Revolutionen anzetteln.

Natürlich wäre es am einfachsten, wenn religiöse Autoritäten selbst die Revoluzzer wären, wie Papst Franziskus, der kürzlich verschmähte Minderheiten seiner Kirche (Schwule und Lesben) in Schutz nahm. Die Katholiken haben auch 2.000 Jahre gebraucht – es gibt keinen Grund, dass die Muslime das nicht auch irgendwann schaffen.

Der Kampf lohnt sich. Das Meet2Respect-Treffen zwischen Muslimen und Schwulen wird es nun doch geben. Leider nicht in einer Moschee, und sicher auch nicht ganz unverkrampft. Das ist noch nicht viel – aber ein Anfang.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio